Bilder flimmern, Textzeilen laufen über die Wand, Frauen präsentieren sich optimiert, lustig, technoisiert, es blinkt und klingt einlullend. Stünden da nicht Käfige, Zelte und gegossene Figuren im Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich, man glaubte sich in den Bauch des Internets versetzt, in die Flut der Milliarden Bilder getaucht.

Denn wenn sich Shana Moulton in gleich dreifacher, raumgrosser Projektion optimiert, raffinert durch Bildprogramme gedehnt und verzerrt wird, wenn sie in esoterisch schöne Farben und Gewänder gehüllt dem Kaufrausch für Gesundheits- und Schönheits-Gadgets frönt oder ihre Fragen dem allwissenden Netz stellt: Dann kommt uns dieses Gehabe bekannt vor. Zum Glück hat die Künstlerin ziemlich viel Humor, übertreibt da und dort ein bisschen, sodass man das Ganze auch als erheiternde Persiflage oder als Hinterfragen des Internet-Glücks sehen kann.

Nicht nur bei dieser Arbeit offenbart sich die Tücke, dass wenn sich Kunst mit der Bilderwelt, den Auswirkungen oder auch den Gefahren des Internets beschäftigt, sich Vorlage und Reflektion ähneln. Aber der Anspruch der Ausstellung geht weit über die Reflektion hinaus. Der grandios neugierig machende Titel verspricht nicht weniger als «Producing Futures – An Exhibition On Post-Cyber-Feminisms».

Schon Vergangenheit?

Laut Titel und Aussage von Direktorin Heike Munder befinden wir uns also in der Post-Internet-Ära. Aber, ist das Netz nicht allgegenwärtiger als je? Nichts geht ohne. Es bestimmt nicht nur unseren Alltag, sondern vor allem auch unsere visuelle Wahrnehmung der Welt. Letzteres sehen auch die Direktorin wie die fünfzehn beteiligten Künstlerinnen und Künstler so. Dass sie aus allen Erdteilen und Kulturkreisen stammen, ist typisch für das Thema.

Nein, in der Nach-Internet-Ära leben wir nicht. Vergangen ist allenfalls die Euphorie über das Netz. Die Hoffnung der Cyber-Feministinnen auf Gleichheit und mehr Demokratie dank des prinzipiell für alle zugänglichen Netzes. Ob die Cyber-Kriegerin im interaktiven, spielartigen Werk «Bad Code» von VNS Matrix den Kampf um die Gleichstellung der Geschlechter doch noch gewinnen kann, bleibt fraglich.

Verhandeln der Gegenwart

Themen wie stereotype Frauenbilder, Überwachung, Abhängigkeit, Isolation, Realitätsverschiebung sind prägend. Frances Stark lässt uns an ihren Sex-Chats und ihren Fragen dazu teilhaben. Auch Cao Fei blendet die Realität aus, lässt ihren Avatar im einst angesagten Secondlife-Modus eine neue Stadt erbauen. Wu Tsang dagegen bietet uns freie Sicht auf das Doppelleben ihrer Figur Blis, die nachts in Hinterzimmern zur Untergrundperformerin mutiert.

An solchen Werken lasse sich unsere Gesellschaft und unsere Gegenwart verhandeln, ist Heike Munder überzeugt. Man kann darin Warnung und Anklage, individuelle Befindlichkeit finden – oder auch Humor.

Etwa bei Mary Maggic, die in einem Lehrfilmchen à la Youtube den Hausfrauen zeigt, wie man Oestrogen in der eigenen Küche herstellen, die Pharmaindustrie umgehen und das körperliche Glück finden kann.

Materielle Präsenz

Erstaunlich ist, dass die Werke nur im Museum zu sehen sind. Warum nicht im Netz? «Die Kunst ist konservativ», sagt Munder. Vielleicht aber passt das offene Netz auch nicht zum Kunstmarkt.

Im Museum oder in die Galerie versinken die Werke nicht in der Flut, der Markt hat hier sein wirksames Schaufenster und drittens ist es viel schöner, die Filme auf riesigen Screens oder gar in raumgrossen Projektionen zu sehen.

Kommt dazu, dass einige Künstler die Cyber-Welt in die materielle Realität zurücktransformiert haben: Anna Uddenberg zeigt lebensgrosse Frauenfiguren, die vom Abrackern der Fitnessprogramme und Schönheitstutorials deformiert erstarrt sind.

Wo bleibt neben all diesen Abbildern der Gegenwart die Zukunft? Sehen wir sie etwa in der Frisierkommode von Lynn Hershman Leeson, deren Spiegel nicht nur die Benutzerin erkennt, sondern auch ihre Laune und gar ihre DNA entschlüsselt? Oder müssen wir sie gar im Käfig, dem Symbol totaler Überwachung, mit seiner kruden Installation-Ästhetik aus dem letzten Jahrhundert sehen? Lieber nicht.

Konstatieren wir also, dass auch diese Ausstellung im Migros Museum uns die Zukunft nicht vorführen - aber immerhin die Gegenwart spannend präsentieren kann.

Producing Futures – An Exhibition On Post-Cyber-Feminisms Migros Museum Zürich, bis 12. Mai.