Bonn

Gurlitt-Ausstellung: Hinter den Bildern lauern Abgründe

Die Bonner Gurlitt-Ausstellung dreht sich um den Kunstraub der Nazis und seine Folgen. Sie verknüpft Moral und Geschichte mit der Raubkunst.

Zum Einstieg der Bonner Ausstellung erwarten uns nette Damen. Gemalt im 19. Jahrhundert, repräsentieren sie die grossbürgerliche Gesellschaft vor den Schrecken des Ersten Weltkrieges und bevor die Nationalsozialisten ab 1933 Millionen Menschen verfolgten, entrechteten oder töteten – und sich an ihnen, an ihren Kunstwerken noch bereicherten.

Analog zur Ausstellung im Kunstmuseum Bern heisst auch die Bonner Schau «Bestandesaufnahme Gurlitt». Der Untertitel «Der NS-Kunstraub und die Folgen» mache klar, dass es hier auch um Moral und Ethik gehe, gehen müsse. Das betont Rein Wolfs, Intendant der Bundeskunsthalle Bonn.

So verknüpfen er und Kuratorin Agnieska Lulinska Geschichte und Kunstgeschichte, die Biografie des Händlers Hildebrand Gurlitt mit derjenigen seiner Opfer. Herausgekommen ist trotz strenger Chronologie ein mehr als anspruchsvoller Rundgang, ein Labyrinth an Informationen, in dem die Kunstwerke teilweise zu Statisten verkommen. Zu sehr lassen uns andere Exponate erschauern: Wir sehen zum Beispiel Fotoalben voller Kunstwerke, die man für Adolf Hitler angefertigt hat, damit der Führer entscheiden konnte, was er von dieser geraubten oder in Frankreich dubios zusammengekauften Kunst für sein Führermuseum in Linz wolle.

Gurlitt: vom Opfer zum Täter

Mittendrin agierte Hildebrand Gurlitt (1885–1956). Zuerst war der Kunsthistoriker Museumsdirektor in Zwickau und Hamburg. Als Verfechter der Moderne und als Vierteljude (durch seine Grossmutter) musste er gehen. Er eröffnete sein «Kunstkabinett Gurlitt» in Hamburg und diente sich den Nazis an. «Lukrative Geschäfte» heisst dieser Ausstellungsteil klipp und klar. Ab 1940 beschaffte Gurlitt als Chefhändler der Nazis im besetzten Frankreich Hunderte von Kunstwerken – und äufnete gleichzeitig seine Sammlung. Oft kaufte der gut vernetzte Fachmann bei Mittelsmännern – und wollte lieber nicht wissen, woher die Werke stammten.

Wir sehen einige der nicht zerstörten Geschäftsbücher von Gurlitt mit Hunderten von Einträgen. Doch die Kunstwerke sind so ungenau beschrieben, die Käufer und Verkäufer nur teilweise genannt, die Angaben manchmal falsch. So zeigen die Bonner Schau und der Katalog, welch verzwickte, labyrinthische Arbeit die Provenienz-Forscherinnen leisten. Wie sie unzählige kleine Informationen sammeln und kombinieren. Aber trotzdem tappen sie bei den meisten der hier gezeigten 250 Werke noch im Dunkeln: bei den kleinen Ölgemälden von Renoir, bei Altmeisterzeichnungen von Tiepolo und Dürer, bei Werken von Toulouse-Lautrec und Monet, bei Cranach und Rodin ...

Bei manchen Werken kennt man Details, etwa dass Gurlitt zum «Feierabend» von Jean-François Millet bei einem befreundeten Händler eine Echtheits-Expertise machen liess. Bei Manets «Stürmischer See» verliert sich 1940 die Spur in Paris, 1944 kaufte es Gurlitt, wie so vieles bei seinem Mittelsmann Raphaël Gérard.

Vom Lügner zum Saubermann

Aber es gibt auch Forschungs-Erfolge: Sechs Werke sind restituiert und vor wenigen Tagen wurde die Herkunft der hübschen Dame von Jean Couture geklärt. Dank eines kleinen geflickten Lochs auf Brusthöhe in der Leinwand, das der vormalige Besitzer Georges Mandel bei seiner Verlustanzeige angegeben hatte, konnte das Gemälde eindeutig identifiziert werden.

Andererseits lesen wir die Geschichte des jüdischen Sammlers und Anwalts Fritz Salo Glaser aus Dresden, der Berufsverbot erhielt, Werke seiner Sammlung verkaufen musste und nur knapp der Deportation ins KZ entging. Wie drei seiner Werke, unter anderem «Die Verschleierte von Otto Griebel», in die Sammlung von Gurlitt gerieten, ist unklar. Die Alliierten fanden die Werke in Gurlitts Sammlung, die sie 1945 konfiszierten. 1950 aber nach der wundersamen Rehabilitation (und einigen Lügengeschichten) bekam er sie zurück.

Reingewaschen konnte Hildebrand Gurlitt seine Geschäfte fortsetzen und wurde schon 1948 Direktor des Kunstvereins in Düsseldorf. Er lieh Werke aus seiner Sammlung an Ausstellungen im In- und Ausland. Nach seinem Tod 1956 hütete Sohn Cornelius die Sammlung, abgeschottet, aber nicht ganz ahnungslos, wie etwa eine Notiz über den restituierten Matisse zeigt.

Bestandesaufnahme Gurlitt: Bundeskunsthalle Bonn, bis 11. März. Kunstmuseum Bern, bis 4. März.

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