Kunstmuseum Bern

«Gurlitt ist eine Chance für Bern»: Die Direktorin zieht Bilanz

Die Gurlitt-Ausstellung im Kunstmuseum Bern: Ein anspruchsvolles Pendeln zwischen Kunst und Geschichte, zwischen Schauen und Lesen. Kunstmuseum Bern

Die Gurlitt-Ausstellung im Kunstmuseum Bern: Ein anspruchsvolles Pendeln zwischen Kunst und Geschichte, zwischen Schauen und Lesen. Kunstmuseum Bern

Am Sonntag endet die Gurlitt-Ausstellung im Kunstmuseum Bern. Direktorin Nina Zimmer zieht Bilanz.

Das Ende der Gurlitt-Ausstellung im Kunstmuseum Bern muss die Direktorin nicht im Haus abwarten. Sie weilt in den Ferien, an einem Ort ohne Internet-Empfang. «Bewusst, um abzuschalten», wie sie am Telefon sagt. Nina Zimmer ist trotzdem bereit, Auskunft zu geben über Gurlitt. Und über die anderen Baustellen am Kunstmuseum und am Zentrum Paul Klee in Bern, die sie seit zwei Jahren leitet.

Die beiden Ausstellungen über die «Bestandesaufnahme Gurlitt» in Bern und Bonn hatten Medien und Menschen auf der ganzen Welt interessiert. Zimmers Bilanz fällt zuerst etwas kompliziert aus: «Wir sind sehr zufrieden, dass wir das umsetzen konnten, was wir uns vorgenommen haben: eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Bestand des Gurlitt-Erbes, während die Forschung noch weitergeht.» Sie meint damit, dass Bern und Bonn etwas präsentieren gemusst hätten, weil die Kritik immer lauter wurde an der deutschen Task-Force, an Justiz, Politik, dem Erbstreit. Doch Zimmer erwähnt nicht den Druck, sondern den Service an der Öffentlichkeit als zentrales Anliegen: «Uns war wichtig, das Publikum einzubeziehen und nicht zu warten, bis in einigen Jahren einmal ein Abschluss erreicht ist. Wir wollten zeigen, wie wir arbeiten mit dem Material und was die Themen sind.»

Der Erfolg

Die erste Ausstellung in Bern über «entartete Kunst» im Konvolut Gurlitt wurde fast gestürmt: 90 000 Menschen kamen. Auch die Bundeskunsthalle Bonn meldete im letzten Jahr für ihren Teil zum Thema Raubkunst mit 150 000 Eintritten Rekordwerte. In Bern erreichte dieser zweite, eigentlich interessantere Teil, der nun schliesst, lediglich 25 000 Eintritte. Warum diese Abnahme? Zimmer: «Wir waren selbst überrascht, dass das Interesse an den beiden Ausstellungsteilen so unterschiedlich war.»

Eine Aussage von Zimmer zur Eröffnung hat Schlagzeilen gemacht. Sie habe «keine Angst, schlafende Hunde zu wecken». Also keine Angst vor neuen Begehren auf Restitution. «Es gab keine komplett neuen Fälle», bilanziert sie nun. «Aber wir haben um die 60 Werke, bei denen wir einen Raubkunsthintergrund vermuten. Mit einigen allfälligen Erben konnten wir die Ansprüche präzisieren und vertiefen.» Unter anderem wurde kürzlich mit der Familie von Paul Cézanne eine einvernehmliche Lösung gefunden.

Die Ausstellungen zu Gurlitt waren anspruchsvoll: Man musste zwischen Lesen und Schauen, zwischen Kunst, Dokumenten und Erklärungen pendeln – und daraus selber Schlüsse ziehen. Gab es Reaktionen, das sei zu kompliziert? «Wir waren alle erstaunt, wie stark sich das Publikum auf die Ausstellungen eingelassen hat. Ich dachte, dass nach der grossen Medien-Aufmerksamkeit viele Leute einfach einmal hereinstolpern, gucken und wieder gehen. Die meisten hat es wirklich gepackt.» Viele hätten zwei bis vier Stunden lang die Ausstellung angesehen, sagt Zimmer und lobt die Kuratoren-Teams, die «gut ausgewählt» und die Geschichten «auf den Punkt gebracht» hätten.

Die Folgen

Die zentrale Figur der Ausstellung war Hildebrand Gurlitt (1895–1956): seine Werke, deren Herkunft oft nicht geklärt ist, seine Geschäftsbücher, seine Arbeit für Hitler und die Opfer der Nazi-Enteignungen. Nur einer schien seltsam abwesend: Cornelius Gurlitt (1932–2014). Sohn von Hildebrand, der sein Erbe überraschend dem Kunstmuseum Bern vermachte hatte, nachdem es die deutsche Justiz beschlagnahmt und ihn der Steuerhinterziehung angeklagt hatte. Wer war er? Mittäter, Vernebler, Justizopfer? Oder sieht ihn Zimmer primär als Gönner ihres Hauses? «Keiner von uns hat ihn kennen gelernt. Auch der alte Stiftungsrat nicht.» Man könne also nur spekulieren, wie er als Mensch war. «Er war sicherlich ein sehr zurückhaltender, ein sehr scheuer Mensch, die verschiedenen Rollen mischten sich. Ich habe kein abschliessendes Urteil, das steht mir auch nicht zu.» Dann folgt doch noch eine Art Liebeserklärung der Direktorin: «Er war ein leidenschaftlicher Kunstliebhaber. Das sehen wir aus den Unterlagen. Er und auch sein Vater setzten sich wirklich mit ganzem Herzen für die Kunst ein. Mit allen Verstrickungen, die das Erbe beinhaltet – und denen wir nachgehen.»

Die Kosten

Kann sich Bern dieses Nachgehen leisten? Der Verkauf der Immobilien hat bisher zwei Millionen Franken eingebracht, maximal drei Millionen erwartet Stiftungsrat Marcel Brülhart. Zimmer beruhigt: «Unsere Abteilung Provenienzforschung ist komplett durch Drittmittel finanziert – durch private Gönner, einzelne Projekte durch das Bundesamt für Kultur. Mit dem Erbe Gurlitt finanzieren wir die Ausstellungen und die juristischen Kosten.» Falls es eine Negativbilanz gäbe, «ziehen wir in Erwägung, Werke zu verkaufen».

Die Diskussion um den Begriff Raubkunst ist in der Schweiz seit dem Fall Gurlitt eine andere. Er wird offener definiert, das Bundesamt für Kultur motiviert Museen auch mit Geld, endlich ihre Bestände aufzuarbeiten, und Regierungen wie in Basel können sich nicht mehr hinter dem vagen Begriff Fluchtkunst verstecken. Die Verantwortlichen im Kunstmuseum haben diese Haltung vorgelebt, damit viel bewirkt, aber auch Kritik eingesteckt.

Nina Zimmer hat die Leitung von Zentrum Paul Klee und Kunstmuseum Bern erst vor zwei Jahren übernommen. Hat sie das angesichts des schwierigen Dossiers Gurlitt einmal bereut? «Keinen Tag, nein! Ich wusste, dass es auf mich zukommt. Ich empfand und empfinde es als herausfordernde Aufgabe, aber ich spüre auch die grosse Zufriedenheit, dass wir alle eine historische Aufarbeitung machen können. Das empfinde ich als Auftrag, der mich sehr motiviert.»

Die Zukunft

Für Zimmer gibt es in Bern mehr als genug Herausforderungen. Sie muss die Organisation von Kunstmuseum und Zentrum Paul Klee zusammenführen («Ziel ist keine Fusion, aber Synergien hinter den Kulissen zu nutzen») und zahlreiche personelle Lücken schliessen: Ihr Vorgänger am Kunstmuseum, Matthias Frehner, vom Direktor des Museums zum Direktor der Sammlungen zurückgestuft, geht in Frühpension, ohne Gründe zu nennen. Gab es ein Zerwürfnis? Nina Zimmer verneint. «Er hat sich das so gewünscht. Wir werden Mathias Frehner im September gross verabschieden, Rückschau halten auf seine lange Karriere und seine Verdienste in Bern. Das ist mir sehr wichtig.»

Eine Baustelle im wörtlichen Sinn ist die Erweiterung des Kunstmuseums. Nach einer Reihe von Debakeln gibt es einen neuen, fünften Anlauf. Mäzen Hansjörg Wyss hat nach Rückzügen wieder 20 Millionen Franken für den geplanten Neubau angeboten. Dazu lässt sich Nina Zimmer aber keine Aussage entlocken.

Gurlitt wird Bern, wird Zimmer noch lange beschäftigen. «Bei vielen Werken wird es noch Jahre dauern, bis definitiv entschieden wird, ob sie nach Bern kommen», sagt sie. Gurlitt und das Thema Provenienzforschung würden in Zukunft zur Identität des Kunstmuseums Bern gehören. «Ich möchte, dass die Forschung, die hinter den Kulissen passiert, auch Bestandteil vor den Kulissen wird.» Der Aufwand im Fall Gurlitt ist riesig. Und der Ertrag? Nina Zimmer: «Gurlitt war für Bern eine grosse Chance, die wir dank des verantwortungsvollen Umgangs des Stiftungsrates für uns positiv umsetzen konnten.» Im Klartext meint dies wohl: Gurlitt verhilft dem Kunstmuseum Bern zu Aufmerksamkeit und schärft sein Image.

Meistgesehen

Artboard 1