«Haben Sie mich nicht langsam satt?», fragte Michelle Obama vor zwei Jahren in einem ihrer letzten Interviews aus dem Weissen Haus.

«Niemand im ganzen Land kann Sie jetzt satthaben», antwortete die Journalistin aus tiefstem Herzen.

Die Frage war nur halb im Scherz gestellt und nicht kokett. Kokett ist vermutlich das letzte Adjektiv, das man auf Michelle Obama anwenden würde. Die Frage war vielmehr Ausdruck ihrer eigenen Verwunderung: Dass sie sich selber nicht satthatte in der Rolle, die sie sich nicht ausgesucht hatte. So zögernd sie sie damals angetreten hatte, so ungern gab sie sie acht Jahre später auf. Nicht nur, aber auch aus tief verwurzeltem Pflichtgefühl. Es wäre ihr bestimmt leichtergefallen, ihren Platz an Bill Clinton abzutreten als an Melania Trump.

Der offen zur Schau getragene Unmut der jetzigen First Lady lässt beinahe vergessen, wie viel Kritik Michelle Obamas mangelnde Begeisterung damals auf sich gezogen hatte. Sie war eine ungewöhnliche Politikergattin, die weitgehend ihr eigenes Leben gelebt hatte. Im immer gleissenderen Rampenlicht des Präsidentschafts-Wahlkampfs fühlte sie sich sichtlich unwohl. Auf die Frage, wie sie die Rolle der First Lady auszufüllen gedenke, antwortete sie ausweichend: «Das kann ich erst wissen, wenn ich einmal dort bin.» Doch als sie dann «dort» war, konzentrierte sie sich erst einmal ganz auf ihre Töchter. Sie nannte sich Mom-in-Chief, Mutter der Nation. Das brachte ihr unter anderem die Kritik ein, unfeministisch zu sein. Gleichzeitig warf man ihr vor, ihren Mann mit ihren humorvollen Seitenhieben zu «entmännlichen». Eine Frau in der Öffentlichkeit kann es nun einmal niemandem recht machen. Und doch versuchte sie es – wenigstens zu Anfang.

Doch am Ende war es gerade ihre unverblümte Offenheit, die ihr mehr Sympathien einbrachte als ihre etwas gestelzten Versuche, sich zurückzunehmen. Dabei wurde sie harscher kritisiert als andere First Ladies vor ihr: Nicht nur zielte die Kritik an ihr oft weit unter die Gürtellinie – sie sei zu dick, um Ernährungsratschläge zu geben, zu muskulös, um eine echte Frau zu sein – als erste Afroamerikanerin im Weissen Haus wurde sie auch mit rassistischem Dreck beworfen, erschreckend oft mit einem Affen verglichen und in den «Dschungel», in ihre «Affenhöhle» zurückgewünscht. Sie trug es mit bewundernswerter Fassung. Trotzdem brauchte Michelle Obama eine Weile, um in ihre Rolle hineinzuwachsen, und sie tat es unter ständiger Beobachtung. Man spürte die Anstrengung, mit der sie sich zurückhielt, ihr Mundwerk zügelte, doch ganz gelang es ihr nie. Sie machte nie ein Hehl daraus, dass die politische Karriere ihres Mannes Opfer verlangte, dass sie nicht immer glücklich darüber war. Es entsprach nicht der Natur, hinter ihm zurückzustehen – und es entsprach nicht der Natur ihrer Beziehung. In die Rolle der Hausfrau gedrängt, wenn auch auf oberstem Niveau, rutschten ihr schon einmal hausfrauliche Nörgeleien heraus: Ihr Mann lasse seine Wäsche überall herumliegen, beklagte sie sich, und morgens rieche er aus dem Mund. Ernsthafter: Sie habe nie damit gerechnet, eine alleinerziehende Mutter zu sein.

Alles andere als Perfekt

Ungewohnte Töne, nicht nur aus dem Weissen Haus, sondern überhaupt von einem Paar, das in der Öffentlichkeit steht. Eine glatte Fassade zu präsentieren, scheint da oberstes Gebot. Doch gerade mit offenen Worten redete Michelle Obama sich in die Herzen der Nation – und nicht nur der Frauen und Mütter. Die feministische Ikone Gloria Steinem kommentierte: «Obwohl ich alt genug bin, um mich an Eleanor und Franklin D. Roosevelt im Weissen Haus zu erinnern – und an all die Paare und Familien seither –, habe ich nie dieses Gleichgewicht gesehen, diese gleichberechtigte Elternschaft, so viel Liebe, Respekt, Gegenseitigkeit und offensichtlichen Genuss der Gesellschaft des anderen. Wir werden nie eine echte Demokratie haben, wenn wir keine demokratischen Familienstrukturen haben. Michelle Obama mag die Geschichte auf die machtvollste Art überhaupt verändert haben: durch ihr Beispiel.»

«Die Idee einer makellosen Beziehung ist das Letzte, was wir vermitteln wollen», sagte sie in einem Interview kurz nach der Wahl. «Das wäre nicht fair der Institution der Ehe gegenüber, und es wäre nicht fair den jungen Leuten gegenüber, die zusammen etwas aufbauen wollen – diese Perfektion vorzugaukeln, die schlicht nicht existiert.»

Trump, der lockere Stiefvater

Michelle Obama konnte solche Zweifel äussern, ohne ihre Hingabe an die Familie infrage zu stellen. Sie konnte sich über ihren Mann lustig machen und sich dann wie eine Löwin hinter ihn stellen. Sie konnte sich ihrem Garten ebenso leidenschaftlich widmen wie der Bildungsförderung. Sportlichen Ehrgeiz mit einer beneidenswerten Gelassenheit verbinden, ihre Rolle als Tochter genauso ernst nehmen wie die der Mutter. Sie entwickelte und veränderte sich unter den Augen der Öffentlichkeit, die sie so gescheut hatte. Wie keine andere verkörpert sie die grossartige Widersprüchlichkeit eines modernen Frauenlebens, mit all seinen Spannungen, Herausforderungen und Glücksmomenten. «Ihre persönlichen Entscheidungen zwingen uns zu sehen, dass es mehr als eine Bedeutung hat, eine Frau zu sein, mehr als zwei, mehr als drei. Sie wird ihr eigenes Vermächtnis hinterlassen, unabhängig von ihrem Mann. Und zwar, dass sie die erste First Lady war, die Frauen zeigte, dass sie sich nicht entscheiden müssen. Dass es in Ordnung ist, alles zu wollen und alles zu sein», schrieb Schauspielerin, Drehbuchautorin und Sängerin Rashida Jones in einer Abschiedswürdigung.

Kein Wunder, dass der Slogan «Michelle 2020!» schon vor Trumps Wahl zum Präsidenten als Hilferuf laut wurde und trotz ihrer entschiedenen und glaubwürdigen Dementi bis heute nicht verstummt. Sie selber hat die Präsidentschaft einmal mit der Elternschaft verglichen: Obama sei eben der strenge Vater gewesen, der darauf bestand, dass man Gemüse esse und zeitig zu Bett gehe. Und Trump der lockere Stiefvater, den es nicht kümmert, wie viele Süssigkeiten man verschlingt und wann man das Licht löscht. «Das kann schon mal Spass machen ...», sagte sie mit einem resignierten Schulterzucken, das keinen Zweifel daran liess, dass sie dieses Verhalten nicht nachvollziehen konnte – sie selber war ja mit klaren Regeln aufgewachsen. Und jeder, der einmal ein Kind war, weiss wie zutiefst verstörend die Unberechenbarkeit der Erwachsenen sein kann, wie tief die Sehnsucht nach Klarheit, Vorhersehbarkeit, Gerechtigkeit sitzt.

Diese existenzielle Verunsicherung beherrscht viele Amerikaner und noch mehr Amerikanerinnen nun seit zwei Jahren. Jeder Tag, jeder Blick in die Schlagzeilen sprengt die Grenzen des Denkbaren von neuem. Die Atmosphäre im Alltag ist bedrohlich geworden, Übergriffe auf Frauen, Ausländer, Randgruppen haben drastisch zugenommen seit sie de facto von ganz oben sanktioniert wurden. Die grundlegendsten Frauenrechte, vor gar nicht langer Zeit erkämpft, sind wieder in Gefahr. Kein Wunder, wendet man sich hilfesuchend an die Mutter der Nation. Doch diese schüttelt entschieden den Kopf: «Ich hatte nie eine Leidenschaft für die Politik. Ich bin nur mit jemandem verheiratet, der sie hat. Und der mich auf diese Bühne geschleift hat, gegen alle meine Widerstände, kicking and screaming.»

«Ironisch, wenn man bedenkt, wie irrsinnig gut sie darin ist», kommentiert ihr Mann trocken.

Doch es gibt ja nicht nur die politische Bühne. Michelle Obama wird ihren eigenen Weg finden, um die gesellschaftlichen Veränderungen zu erreichen, die sie seit ihrer Jugend anstrebt. Zum ersten Mal in ihrem Leben kann sie tun und lassen, was sie will. Ihre eigenen Ziele verfolgen, ihre eigene Stimme erheben. Ohne sich immer erst zu fragen, was es für ihre Familie, für die Karriere ihres Mannes bedeutet. Und auch damit trifft sie wieder den Nerv vieler Frauen ihrer Generation: Ihre Zeit ist jetzt. Und sie wird sie nutzen.

Michelle Obama: Becoming – Meine Geschichte. (Goldmann Verlag). Erscheint am 13. November.

Michelle Obama: Becoming – Meine Geschichte. (Goldmann Verlag). Erscheint am 13. November.