Kunst
Heute küsst die Muse im Brockenhaus

Das Aargauer Kunsthaus zeigt in der «Auswahl 13» einen bunten Querschnitt durch das einheimische Schaffen. 206 Kunstschaffende wollten mitmachen, nur 49 dürfen – und nur gerade fünf erhalten einen Beitrag vom Kuratorium.

Sabine Altorfer
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8 Bilder
Auswahl 13. Videoinstallation von Dominique Müller
Auswahl 13. Video von Daniel Schibli
Auswahl 13. Installation von Nicole Biermaier.
Auswahl 13. Zeichnung von Patricia Bucher
Auswahl 13. Landschaft aus Fundstücken von Urs Aeschbach.
Auswahl 13. Aus dem Video von Sonja Feldmeier.
Auswahl 13. "Stand 13" von Daniel Robert Hunziker.

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Alex Spichale

Kunst kommt von Können. Hiess es einst. In den 1970er- und 1980er-Jahren lautete dann die Losung der Aufbruch-Generation: Kunst kommt von müssen. Und heute? Wer sich die «Auswahl 13» im Aargauer Kunsthaus anschaut, kommt zum Schluss: Kunst kommt von kennen. Und vor allem auch: Kunst kommt von sammeln.

Die wichtigste Frage bei Kunst ist die nach der Motivation und nach der Inspiration. Wo also finden die Künstlerinnen und Künstler ihre Themen? Das Überraschende an der «Auswahl 13» ist, dass trotz der Vielfalt der Werke vor allem zwei Quellen sichtbar werden. Die Kunstgeschichte und der Alltag. Die Kunstschaffenden berufen sich also auf Kunstwerke, die sie kennen, oder auf Alltagsphänomene, denen sie sich sammelnd annähern.

Exemplarisch demonstriert der diesjährige Gast Andrea Winkler die Lust des Sammelns: Sie zeigt zerknüllte Taschen, denen sie skulpturale Wirkung zu entlocken versucht. Eine Ego-Sammlung zu seinem Vornamen Raoul – Bücher, Postkarten, Plakate – hat Raoul Müller in Holzkisten arrangiert, Rolf Winnewisser präsentiert geheimnisvolle Glasobjekte, und Esther Hunziker hat aus Monitoren, Texttafeln und kleinen Fundstücken eine hübsche schwarz-weisse Wandcollage gestaltet.

Exotik des Alltags

Doch was heisst Alltag? Sind die Heureiter aus dem Bündnerland, die Holzgestelle, an denen die Bergbauern einst das Gras zum Trocknen aufhängten und die Christoph Brünggel zu einem magischen Kreis arrangiert hat, noch Alltagsgegenstände oder eher eine nostalgische Reverenz an eine andere, vergangene Zeit? Und wenn Christine Knuchel eine Heiratsszene unter dem Titel «Si! – si!» in fotorealistischer Manie auf ein magisches, malerisches Grossformat bannt, so ist sie damit vom Alltag so weit weg, wie René Fahrnis weisses Gips-Segelschiff seeuntauglich ist. Es taugt allenfalls zum Sehnsuchtsobjekt.

Preise

NAB-Förderpreis:
Die NAB (Neue Aargauer Bank) vergibt an einen der jungen Künstlerinnen und Künstler der Jahresausstellung ihren mit 10 000 Franken dotierten Förderpreis. 2013 zeichnet die Jury der Bank Aurelio Kopainig (*1979) aus. Er zeigt zwei Diaprojektionen, in denen er Bauten und Natur einander gegenüberstellt, sowie eine Serie kleiner Zeichnungen.

Preis der Jury
Der Preis der Jury ist nicht mit Geld, aber mit Ehre - und Arbeit - verbunden. Preisträger René Fahrni (*1977) wird Gast an der «Auswahl 14». Gewonnen hat er dank einem Segelschiff aus Gips, Holz und Seidenpapier. (sa)

Und die exotische Welt, die Sonja Feldmeier in ihrer Video-Installation über das Leben entlang einer Schmalspurbahn im indischen Himalaja gedreht hat, zeigt zwar Alltag pur, fasziniert aber vor allem durch die Andersartigkeit, die Farben der Kleidung, das Altertümliche und hübsch Schäbige der Szenerien. Trotzdem, man schaut sehr gerne hin, fragt sich höchstens: Was ist hier der künstlerische Mehrwert, was ist anders als in einem herkömmlichen Dok-Film? Ist es nur die raumfüllende Präsentation mit fünf Projektionen gleichzeitig?

Grosszügige Präsentation

Auffallend an der diesjährigen Jahresausstellung ist die Grosszügigkeit der Inszenierung. Nicht nur Feldmeier darf einen grossen Raum für sich alleine beanspruchen, auch Nicole Biermaier mit ihrer von luftigen Vorhängen umgebenen Hörbühne, auf der wir der Geschichte einer Palästinenserin lauschen, der die Rückkehr in ihr Heimatland verwehrt wird.

Möglich wird die grosszügige Präsentation, weil das Kunsthaus anderthalb Stockwerke für die «Auswahl13» nutzt und weil aus den 206 Bewerbungen nur gerade mal 49 Künstlerinnen und Künstler mit insgesamt 116 Werken ausgewählt wurden. Gewählt haben wieder zwei Jurys: eine im Auftrage des Kunsthauses, die andere für das Aargauer Kuratorium. Das kantonale Fördergremium vergibt seit einigen Jahren seine Beiträge in der «Auswahl». Welche Jury wofür verantwortlich ist, bleibt den Besucherinnen und Besuchern allerdings verborgen. Deklariert werden in der handlichen Informationsbroschüre einzig die vom Kuratorium Ausgezeichneten.

Kuratorium: Nur 5 Beiträge

Die Jury des Aargauer Kuratoriums hat sehr streng geurteilt. Von 87 Bewerberinnen und Bewerbern schafften es nur gerade 16 in die Ausstellung der «Auswahl 13», und lediglich fünf erhalten einen Beitrag des kantonalen Fördergremiums (2012 waren es zehn).

«Das ist keine Sparmassnahme», wehrt Jurypräsidentin Eva Bechstein ab. Sie begründet die magere Ausbeute mit mangelnder Qualität und Innovation. Wer erneut einen Beitrag wolle, müsse in seinem Werk einen deutlichen Schritt weitergekommen sein. Das attestiert sie etwa Daniel Robert Hunziker, der luftige, riesige Etageren aus Metallgestängen und Glas ins Kunsthaus stellte.

So monumental wie sein «Stand 13/1» ist auch die Videoinstallation «Kalka-Shimla Diaries» von Sonja Feldmeier, der das Kuratorium «Beobachtungsgabe» und «ausgeklügelte Montage» attestiert.
Die drei anderen Ausgezeichneten verzichten auf Spektakel, kommen fein, eher leise daher. «Nicht nur Monumentales ist auszeichnungswürdig», sagt Bechstein.

Andreas Zybach bekommt für zwei kleine, grellorange Wandobjekte einen Beitrag. Die faustgrossen Kugeln sind der Natur abgeluchst: Die eine ist eine Kartoffel, die andere ein Erdklumpen. Reduziert erscheint die Landschaftsmalerei von Florian Gasser.

Doch die fast monochromen Flächen entfalten ihre Wirkung dank einem ausgeklügelten vielschichtigen Auftrag. Die vier Kunstschaffenden bekommen je 25 000 Franken, Patricia Bucher gar 30 000 Franken. Sie verknüpft abstrakte Architekturformen und figurative Elemente aus Kelim-Teppichen zu zauberhaften Miniaturen, die an die Anfänge der Moderne erinnern. (sa)

Wissenschaftliche Gesten

Doch Sammeln heisst ja nicht nur Zusammentragen. Wenn Lorenz Olivier Schmid Blüten der Nachtkerze zwischen Glasscheiben legt, sie presst und samt dem austretenden Saft unter dem Mikroskop fotografiert, so entstehen geheimnisvolle dreidimensional wirkende Bilder, die zwischen Wissenschaft und Kunst oszillieren – und die mit ihrer Ästhetik das (manchmal fast vergessene oder verdrängte) Streben nach Schönheit in der Kunst verkörpern. Viel einfacher, aber wesensverwandt sind die Blattschnitte von Regula Dettwiler. Aus Blättern von Pflanzen schneidet sie neue Blattformen aus und heftet sie wie in einem Herbarium auf grosse weisse Blätter. So verbindet sie Wissenschaft und Ornament – und natürlich klingen darin auch die berühmten formverwandten Papierschnitte von Henri Matisse an.

Verblüffende Verwandlungen

Es braucht eigentlich nicht viel, um die Betrachterinnen und Betrachter zu verblüffen. Andreas Hofer hat Postkarten so aneinandergereiht, dass nur ein schmaler blauer Streifen Himmel sichtbar bleibt – und man ein abstraktes Kunstwerk zu sehen glaubt. Amüsiert über die ironisch-augenzwinkernde Geste darf man an die abstrakte Kunst eines ganzen Jahrhunderts denken.

Mit seinem Humor ist Hofer allerdings fast alleine in der «Auswahl 13». Zum Glück gibt es noch Daniel Schibli. Der grosse Lausbub ist sich auch in seinem neuesten Video treu geblieben und hat aus Papierschnitten und Knetfiguren eine unterhaltsame und doch kompositorisch ausgeklügelte Arbeit geschaffen. Generell sehen wir aber viel gute, ernsthafte Denk- und Mal- und Zeichenarbeit. Hingewiesen sei vor allem auf Max Matter mit fragilen Papierarbeiten, Otto Grimm mit flüchtigen Aquarellen, Mireille Gros mit berückender Malerei, Beat Brogle mit virtuosen Zeichnungen, koorder mit kruden Plakaten und Andreas Marti mit geometrischen Papier-Collagen.

Videos, neue Medien sind in der Minderzahl, auch Fotografie ist kaum präsent. Ist das eine Trendumkehr oder nur den Vorlieben der Jurys anzurechnen? Und manchmal unterläuft einer wie Urs Aeschbach seinen fotografischen Ansatz gleich selber auf subversive Art und Weise. Normalerweise baut er im Atelier Fantasiewelten aus diversen Materialien, Fundstücken, Nippes aus dem Brockenhaus. Das künstlerische Produkt ist dann aber eine Fotografie. Doch ausnahmsweise bekommen wir die dreidimensionale Vorlage zu sehen und merken einmal mehr: Kunst kommt von sammeln. Wir verabschieden uns von romantischen Inspirationsvorstellungen und stellen fest: Die Muse küsst heute im Brockenhaus.

Auswahl 13 Aargauer Kunsthaus, bis 5. Januar.

Gleichzeitig zeigt das Kunsthaus «Impressionen aus der Sammlung» und «Kunst fürs Kunsthaus. Editionen des Aargauischen Kunstvereins 1991–2013».

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