David Toole

«Ich könnte Beine haben und trotzdem Pöstler sein»

David Toole in «Artificial Things» der Stopgap Dance Company, die heute in Basel auftritt. ZVG/Chris Parkes

David Toole in «Artificial Things» der Stopgap Dance Company, die heute in Basel auftritt. ZVG/Chris Parkes

Der Brite David Toole hat keine Beine – und ist gerade deshalb ein weltberühmter Tänzer geworden. Die bz traf ihn in Basel zu einem stündigen Gespräch. Heute Abend tritt er im Rahmen des Festivals Wildwuchs in «Artifical Things» auf.

David Toole, für viele Menschen sind Sie der Tänzer ohne Beine. Stört Sie das oder sehen Sie das selbst als Ihr Markenzeichen?

Ich musste schon immer spezielle Wege finden, um Dinge zu tun, die andere als gegeben hinnehmen: Es ist für mich natürlich, auf den Händen Treppen zu steigen oder Lichtschalter anzuknipsen, indem ich auf einem Arm balanciere. Aber in der Kunst- und Tanzwelt wurde all das plötzlich als ausserordentlich angesehen.

Es ist im Grund zu Ihrem Unique Selling Point geworden.

Ja. Die ersten Jahre dachte ich: Genau das ist es, ein Unique Selling Point. Ich war auch besorgt: Wie lange wird das für die Leute interessant bleiben? Inzwischen tanze ich seit 23 Jahren, und es scheint noch nicht langweilig geworden zu sein. Ich hatte das Glück, in diversen Gebieten zu arbeiten, nicht nur im Tanz: Schauspiel, Oper, Film. Auch deshalb hält das Interesse wohl an.

Aber Sie entwickeln sich auch als Tänzer künstlerisch ständig weiter.

Jeden Tag! Ich arbeite mit verschiedenen Choreografen und Tänzern. Auch «Artificial Things», mit dem wir seit bald zwei Jahren touren, ist nicht starr, wir haben darin einige Freiheiten. Wir kennen einander gut, wissen, was möglich ist. Man ist nie fertig.

Das heisst: Auch Ihnen ist das Tanzen nie verleidet?

Aus vielen Gründen nicht. Bevor ich damit begonnen habe, hatte ich einen sehr langweiligen Job. Ich tippte Postleitzahlen ein, acht Stunden täglich, neun Jahre lang. Seit ich tanze, ist nicht einmal mein schlimmster Tag so schlimm wie jene Tage bei der Post.

(Quelle: youtube.com/stopgapdanceco)

Artificial Things - Stop Gap Dance Co. mit David Toole

Aber würden Sie Ihre Karriere tauschen gegen ein langweiligeres Leben mit Beinen?

Nein, denn ich könnte Beine haben und trotzdem Pöstler sein. Aber ich weiss nicht, was ich mit Beinen für Entscheidungen im Leben getroffen hätte. Ich hätte so oder so nie daran gedacht, dass ich Tänzer werden könnte. Schauspieler schon. Ich bin «ein Show off» von Natur aus, mag es, wenn Menschen mir auf einer Bühne zuschauen. Manche fragen mich, ob es mir nichts ausmache, wenn die Leute mir zuschauen. Dann antworte ich: Sie haben mich schon immer angeschaut, seit ich ein Baby bin, weil ich anders bin. Aber diese Form von Zuschauen gehorcht meinen eigenen Regeln.

Mit Beinen wären Sie kaum ein derart berühmter Tänzer geworden.

Ja, das würde ich nicht aufgeben wollen! Wenn ich eines Tages aufwachte, die Bettdecke aufschlüge und ein Paar Beine starrten mich an: Meine ganze Karriere wäre zu Ende; ich habe keine Erfahrung mit Beinen, wüsste gar nicht, was ich mit ihnen anfangen sollte. Und ich glaube, dass die Leute mich dann weniger akzeptierten. Meine Ex-Verlobte sagte einmal zu mir: Ich glaube, ich hätte dich nicht so gern, wenn du Beine hättest. Das war damals eine seltsame Aussage, aber ich glaube inzwischen zu verstehen, was sie meinte. Die Tatsache, dass ich keine Beine habe, macht mich zu dem Menschen, der ich bin.

Sie würden im Nachhinein Ihr Leben also nicht ändern wollen?

Nein. Ich wäre nur gerne ein wenig jünger, um mehr Zeit zum Tanzen zu haben. Ich weiss, dass ich das nicht immer machen kann, all das Gehüpfe, Geklettere, Rumgerenne; der Körper stösst irgendwann an seine Grenzen.

Sie verkörpern gewissermassen den amerikanischen Traum für behinderte Menschen.

Wenn ich meine Geschichte mit etwas Abstand betrachte, muss ich sagen: Ja, sie ist ziemlich interessant. Aber Ruhm ist ein flatterhaftes Ding. Glücklicherweise komme ich aus einer Familie, die nicht erlaubt, dass man sich von sowas mitreissen lässt.

Aber diese Idee , dass man erreichen kann, was man will, wenn man sich nur genug anstrengt, kann auch eine gefährliche Illusion sein.

Viele Leute sagen mir: Sie sind eine Inspiration, Sie geben Menschen Hoffnung, dass sie erreichen können, was sie wollen. Dann antworte ich: Das verstehe ich. Aber ich bin nur hier, weil ich zur richtigen Zeit die richtigen Leute getroffen habe. Unterstützung und Talent sind hilfreich, aber ich tendiere dazu, das meiste auf Glück zurückzuführen. Ich habe mit der Royal Shakespeare Company zusammengearbeitet, ich habe viele Momente, in denen ich denke: Wie kommt dieser Postbote aus Leeds dazu, jetzt hier zu sein?

(Quelle: youtube.com/Sunil Shibad)

David Toole: How to dance without legs

Ist es für Sie eigentlich schwierig, Partnerinnen zu finden?

Wie die meisten Menschen hätte ich gern die eine. Und je älter ich werde, desto eher denke ich: Wahrscheinlich sollte ich das jetzt abhaken. Viele Menschen haben keine Partner, das hat nichts mit einer Behinderung zu tun, das kann passieren. Manchmal denke ich: Ist es deswegen? Dann sage ich mir: Ich hatte schon einige Partnerinnen, nur eine von ihnen war selbst behindert. Doch als Teenager hatte ich eine harte Zeit. Man interessiert sich wie verrückt für Mädchen, aber kein Mädchen in diesem Alter würde einen behinderten Freund wollen. Aber man kommt darüber hinweg, es geht weiter.

In der Schweiz wird bald über Präimplantationsdiagnostik abgestimmt, was denken Sie darüber?

Ich kenne viele behinderte Menschen, die sehr produktive und wertvolle Leben führen. Und wo setzt man beim Selektionsprozess Grenzen?

Es geht um wirklich sehr schwere, genetisch bedingte Krankheiten.

Trotzdem denke ich: Wir haben nicht das Recht zu entscheiden, wer leben darf. Und die Welt ist für behinderte Menschen zum Glück viel offener geworden.

Welche Reaktion wünschen Sie sich von den Zuschauern?

So lange sie überhaupt eine haben, ist das gut. Ich wünsche mir, dass sie anders über die Möglichkeiten behinderter Menschen nachdenken. Wir sind nicht von einem anderen Planeten, wir denken und fühlen nicht anders. Es werden so viele seltsame Vermutungen über uns angestellt. In einem Pub in Irland sagte eine Frau einmal nach einem Stück, bei dem Sex zwischen behinderten Menschen gezeigt wurde: Sie halte das für falsch, denn «Behinderte tun das im richtigen Leben ja nicht.»

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