Ideologische Grabenkämpfe auf der Gasse des Problembezirks

In seinem Romandébut «Hawaii» beleuchtet Cihan Acar den Konflikt zwischen «Volk» und Migranten. Und wird eingeholt vom Terror eines Rechtsextremisten in Hanau.

Peter Henning
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Der Titel ist trügerisch. Denn «Hawaii», der Débutroman des 1986 geborenen Cihan Acar, spielt nicht etwa auf der grössten Insel der US-Inselgruppe im Südpazifik –sondern im gleichnamigen Problemviertel der süddeutschen Stadt Heilbronn. Von dort nämlich stammt Kemal Arslan, der im Zentrum der Ereignisse stehende Ex-Profifussballer, dessen einst vielversprechende Kicker-Karriere nach einem selbst verschuldeten Autounfall jäh endete. Und so findet sich Kemal – ernüchtert und ohne erkennbare Perspektive – in der Erzählung in Heilbronn, im Hawaii wieder, wo seine Eltern nach wie vor leben. «Ich kannte viele Geschichten über das Viertel, schon bevor ich herzog. Mein Onkel hat die richtigen Zeiten des Hawaii noch miterlebt, in den Achtzigern und Neunzigern, als man vor lauter Spritzen und Gangs und Müll und Drogenleichen kaum durch die Strassen gehen konnte. Das Hawaii ist zwar nicht mehr so gefährlich wie zu seinen Zeiten, aber ab und zu muss man schon aufpassen, dass man nicht an den Falschen gerät.»

Kemal will die fallengelassenen Fäden seines alten Heilbronner Lebens wieder aufnehmen – doch inzwischen weht ein anderer Geist in der Stadt. Über den Dächern lastet die Hitze der Hundstage, es ist Sommer – und so langsam Kemal seine Runden durch die Stadt dreht, so gemächlich rollt der Roman an. Dabei schlägt Acar, der mit Büchern über Hip-Hop und seinen türkischen Lieblingsfussballklub Galatasaray bekannt wurde, in seinem Erzähldébut einen wunderbar leichten Ton an, der sich ganz aus der Atmosphäre des Milieus, in dem er spielt, entwickelt. Denn hier reden noch Menschen und keine vorgestellten Charaktere – Figuren, die der Autor in einer Art Reigen vorführt: Kleine Spinner, Zocker und vom Internet geblendete Tagträumer, die glauben, «es geschafft zu haben», bloss weil sie ein dickeres Auto fahren als ihre Eltern.

Die Sehnsucht einer Generation nach Heimat

Acar, der ein feines Gespür für Atmosphären und ein Ohr für Dialoge hat, inszeniert den Rundgang seines orientierungslos durch die alten Reviere streunenden Heimkehrers als Ich-Erzählung. In deren Verlauf verwandelt sich Heilbronn in eine immer schneller drehende Kleinstadtbühne. Denn dort, wo es alle Tage nach Tütensuppe riecht, werden die grossen ideologischen Kämpfe im Kleinen ausgefochten, als es zu Strassenschlachten zwischen dem örtlichen Heimatschutzverein und einer Horde angereister Nazi-Schläger kommt. Bei solchen ideologischen Grabenkämpfen wird Acars Roman gewissermassen eingeholt vom rechten Terror in Hanau vorletzte Nacht.

Inmitten der Gewalt setzt Acars Held erfolglos alles daran, seine einstige Liebe Sina, die er mit seinem Auszug in die weite Fussballwelt zurückliess, zurückzuerobern – um gemeinsam mit ihr das Hawaii für immer zu verlassen. Darüber ist dem Autor ein kleiner, betörender Roman dieser Jahre geglückt, in welchem er uns an der Seite seines Sinnsuchers leichthändig durch vier heisse ereignisreiche Sommertage geleitet. Am Ende verlässt Kemal Heilbronn, wie er es betreten hat: alleine.

So ist «Hawaii» vor allem ein Buch der Zweifel – im Spannungsverhältnis zwischen Migrantenmilieu und deutscher Mehrheitsgesellschaft. Gekonnt und ohne grosse Gesten beschwört es stellvertretend die Sehnsucht einer ganzen Generation nach Zugehörigkeit und Heimat. Das ist für ein Début eine ganze Menge.

«Hawaii», Cihan Acar. Roman. Hanser Berlin. Berlin 2020. 254 Seiten.

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