Von einer Ausbildung, wie sie sein Schöpfer Colson Whitehead als Spross einer gehobenen New Yorker Mittelschichtsfamilie geniessen durfte (von der renommierten Trinity School bis zum Studium in Harvard) kann der junge Elwood nur träumen. Doch was ihm, dem aus dem Nest Frenchtown in Tallahassee stammenden jungen Afroamerikaner an milieubedingten Voraussetzungen für ein Leben mit aussichtsreicher Perspektive fehlt, das kompensiert er, der bei seiner Grossmutter Hattie aufwächst, von Anfang an durch Fleiss und Strebsamkeit. Nach der Schule und an den Wochenenden arbeitet er in einem Zeitschriftenladen, später als Tellerwäscher in einem Hotel. Denn Elwood träumt davon, die Begrenzungen seines Daseins als Schwarzer, der zu Beginn der Sechzigerjahre im repressiven Klima der noch herrschenden Rassentrennung aufwächst, eines Tages zu überwinden. So wie sein grosses Idol Martin Luther King, um einmal ein Leben in freier Gleichberechtigung führen zu können.

«Zu Weihnachten 1962 bekam Elwood das schönste Geschenk seines Lebens, nur stürzten ihn die Ideen, die es ihm einpflanzte, am Ende ins Verderben. Martin Luther King At Zion Hill war sein einziges Album, und es lag permanent auf dem Plattenteller.... Jeder Kratzer, jede Delle, die sie im Laufe der Monate davon trug, symbolisierte seine fortschreitende Aufklärung.» Und Elwood begreift schnell. Angespornt von Kings Visionen setzt er alles daran, sich durch die Demütigungen, die er immer wieder aufgrund seiner Hautfarbe erfährt, nicht von seinem Weg abbringen zu lassen.

Mit feinem Gespür für die stellvertretend für eine ganze Generation in seinem juvenilen Protagonisten aufkeimenden Sehnsüchte und Ideale zeichnet der 1969 geborene Colson Whitehead in seinem mittlerweile achten, auf Deutsch vorliegenden Buch das tiefenscharfe Porträt eines jungen, vom Hunger nach Zugehörigkeit und Gleichberechtigung umgetriebenen Afroamerikaner, dessen eben noch Gestalt gewinnende Ambitionen so jäh zerplatzen wie sie begannen. Denn als man Elwood, der inzwischen aufs College geht, in einem gestohlenen Wagen aufgreift, den er angehalten hat, um von dessen Fahrer mitgenommen zu werden, sperrt man ihn in die berüchtigte Besserungsanstalt «Nickel» – und sein langgedehnter, von Demütigungen und schweren körperlichen Misshandlungen begleiteter Flug in den Untergang beginnt.

Anfangs trotzt der Junge seiner Verbannung hinter Anstaltsmauern mit zur Schau getragenem Stolz. Doch unter den fortgesetzten Misshandlungen des Aufsehers Spencer und seiner Handlanger wird zuerst seine körperliche Widerstandskraft gebrochen - und schliesslich sein Glaube daran, das Anstaltsdasein jemals unbeschadet zu überstehen.

Opfer des Kampfs für Gleichheit

Was folgt ist das von Whitehead in schmerzhaften Bildern vorgeführte Zerbrechen einer Menschenseele in Form unter dem Deckmantel sogenannter «Besserungsmassnahmen» systematisch betriebener Folter. Als Archäologen Jahrzehnte später den verborgenen Friedhof des ehemaligen Anstaltsgeländes ausheben und unzählige Knochenreste bergen, wird ihnen das ganze Ausmass der seinerzeit an den Jugendlichen an der Arthur G. Dozier School begangenen Misshandlungen deutlich, an die Whitehead das «Nickel» seines Buches erzählerisch angelehnt hat.

Colson Whitehead, von John Updike einst als «vor Geist sprühend und auffallend ursprünglich» gepriesen, entrollt seine Geschichte in der hitzigen Atmosphäre der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung,- bevölkert von Menschen, die glauben, dass eine bessere Zukunft möglich ist, wenn man nur bereit ist, dafür zu kämpfen. Elwood ist eines der Opfer, die dieser Kampf am Ende gefordert hat. Und er blieb – wie die weiteren, in der Ermordung Martin Luther Kings gipfelnden Entwicklungen zeigten – nicht das Einzige.

Whitehead, der für seinen Roman «The Underground Railroad» 2017 den «Pulitzer Preis» erhielt, erweist sich auch in seinem aktuellen Roman als ein Schriftsteller, der sein Schreiben explizit als politisch versteht. Mit seinem neuen, zwischen Brendan Behans berühmtem Anstaltsroman «Borstal Boy» und Kathleen Collins` kürzlich erstmals auf Deutsch publizierten Bürgerrechtsbewegungs-Stories zu verortenden Roman ist ihm etwas Besonderes geglückt: Ein Buch, das auf seine, wenn auch schockierende Weise einlöst, was Marcel Proust dereinst von einem guten Buch forderte: Dass es im Bestfall wie ein optisches Gerät funktioniere, mit dessen Hilfe der Leser die Welt und sich selber klarer sehe. Es tut es, indem es uns noch einmal in jene wechselvolle Zeit zurückführt, von der neben den Attentaten auf die Kennedys und Martin Luther King vor allem Lyndon B. Johnsons Abschaffung der bestehenden Rassentrennung durch den von ihm initiierten «Civil Rights Act» im Jahr 1964 in Erinnerung geblieben ist. Denn auch dafür ist Whiteheads Glückssucher – neben all den anderen Namenlosen, deren Leichname man Ende buchstäblich verscharrte - gestorben. «Denn das Nickel war nur ein Ort» heisst es im Buch. «Es gab Hunderte mehr, Hunderte Nickels, überall im Land verteilt wie Fabriken der Qualen.»

Colson Whitehead Die Nickel Boys. Roman. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. (Hanser Verlag). 224 Seiten.