Literatur
In diesem Buch spricht das Ich des Autors weitgehend unverstellt

Ein neuer Band widmet sich Texten, die der US-Autor Jonathan Franzen normalerweise zwischen seinen Romanen schreibt: den Essays. Es geht um poetische Selbstvergewisserungen, Rezensionen und seinem Vogelproblem.

Andreas Wirthensohn
Merken
Drucken
Teilen
Jonathan Franzen (Archiv)

Jonathan Franzen (Archiv)

Keystone

Jonathan Franzen gehört zur leider etwas selten gewordenen Spezies der Langsamschreiber. Während andere Autoren in fast schon beängstigendem Tempo Buch um Buch in die Welt hinausschicken, hat der 1959 geborene Amerikaner bislang gerade einmal vier Romane veröffentlicht, die zwar nicht unbedingt schmal sind, aber stets davon zeugen, dass ihr Verfasser es sich beim Schreiben nicht leicht gemacht hat. «Meiner Auffassung nach soll der Roman ein persönliches Ringen sein, eine direkte und kompromisslose Auseinandersetzung mit der Geschichte, die der Autor über sein Leben erzählt. (...) Denn, was schliesslich ist Literatur, wenn nicht eine Art absichtsvolles Träumen? Der Schriftsteller arbeitet an der Erschaffung eines Traums, der lebendig ist und eine Bedeutung hat, damit der Leser ihn lebhaft träumen kann und eine Bedeutung erfährt.»

Was Franzen hier in einem Vortrag über das eigene Tun sagte, huldigt einer Poetik, die wenig davon hält, die autobiografischen Grundlagen fiktionaler Texte zu sehr in den Vordergrund zu rücken. Denn natürlich ist alle Literatur in gewisser Weise autobiografisch – der Autor hat nun einmal nur seine eigenen Erfahrungen –, aber für die Deutung oder Wirkung von Literatur ist diese Frage höchst irrelevant.

Rezensionen und Reportagen

Das wirklich Autobiografische bleibt bei Franzen den Essays vorbehalten, die er zwischen und neben der Arbeit an seinen Romanen verfasst. Hier spricht das Ich des Autors weitgehend unverstellt, und diesem unmittelbareren Zugang zur Welt (die bei Franzen immer auch aus Büchern besteht) verdanken wir so wunderbare Werke wie «Die Unruhezone. Eine Geschichte von mir» (2006) und «Anleitung zum Alleinsein» (2002, 2007), in dem vor allem der Text über die Demenz des Vaters («Das Gehirn meines Vaters») zu den Glanzstücken gehört.

Nun ist ein dritter Band mit Essays erschienen, die Franzen zwischen 1998 und 2011 geschrieben hat (leider verschweigt uns der Verlag, wo und wann die Texte ursprünglich erschienen sind). Er enthält poetologische Selbstvergewisserungen, Rezensionen, Gelegenheitsschriften und zwei lange Reportagen, die sich dem widmen, was Franzen einst als «mein Vogelproblem» tituliert hat: der Ornithologie.

Besonders beeindruckend (bzw. niederschmetternd) ist dabei sein Bericht über die gnadenlose Jagd auf Zugvögel, die auf Zypern, in Malta und in Italien offenbar eine Art Volkssport ist. Noch interessanter als diese eher konventionelle Reportage ist Franzens Bericht über eine Reise nach China, die ausgelöst wird durch einen geschenkten Plüsch-Papageitaucher, der als Golfschlägerhaube dient (dass Franzen Golf spielt, überrascht denn doch) und «Handmade in China» ist. «Ich beschloss, jenen Teil der Welt aufzusuchen, aus dem der Papageitaucher kam. Das industrielle System, das den falschen Vogel geschaffen hatte, zerstörte echte Vögel, und ich wollte an einem Ort sein, an dem dieser Zusammenhang sich nicht verbergen liess. Im Grunde wollte ich wissen, wie schlecht die Dinge standen.»

Abschied von einem Freund

Franzen gehört nämlich der Fraktion der Apokalyptiker an, was ihn oft sympathisch, weil unangepasst macht, mitunter aber auch ein wenig anstrengend wird, etwa wenn er sich über die Menschheitsgeissel des Handys beklagt. Dann bekommen seine Texte einen unangenehm larmoyanten Ton und präsentieren den nörgelnden Kulturkritiker und nicht den klugen Essayisten, wie er etwa im titelgebenden «Weiter weg» zum Vorschein kommt.

Dieser Text ist der wohl beste dieses insgesamt ein wenig matten Bandes: Franzen fährt auf die menschenleere Insel Más Afuera 800 Kilometer vor der chilenischen Küste, um der Welt für eine Weile zu entkommen und auch noch ein wenig von der Asche des 2008 verstorbenen Freundes David Foster Wallace zu verstreuen. Wie sich hier Reisebericht, autobiografische Jugenderinnerung, Reflexion über Defoes «Robinson Crusoe» und trauernde Hommage an den toten Kollegen vereinen, das ist schlicht grossartig.

Jonathan Franzen Weiter weg. Essays. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell, Wieland Freund, Dirk van Gunsteren und Eike Schönfeld, Rowohlt, Reinbek 2013. 365 S., Fr. 28.50.