Grosses Interview

Joël Dicker ist mit 32 Jahren schon Bestsellerautor: «Das Lesen trägt einen aus der Sterblichkeit heraus»

«Statt dass man stolz ist, dass ein Schweizer Autor in Frankreich etwas zählt, sagt man, das sei keine Literatur»: Joël Dicker beim Treffen in einem Café in Genf. ©

«Statt dass man stolz ist, dass ein Schweizer Autor in Frankreich etwas zählt, sagt man, das sei keine Literatur»: Joël Dicker beim Treffen in einem Café in Genf. ©

Literatur oder bloss Unterhaltung? Für Schriftsteller Joël Dicker ist das die falsche Frage, vielmehr sollten Kritiker sagen: Lesen ist toll! Am Montag erscheint sein neuer Roman.

Es ist ein unscheinbares Café an einer lärmigen Strassenecke in Genf. Mit den zwei alten Damen an einem der fünf Tischchen spricht der Kellner Spanisch. Nein, er kannte den jungen Mann in Jeans und Parka nicht, der hier eine Stunde lang interviewt und fotografiert wurde, sagt er später. Er habe seinen Kollegen gefragt, dann rasch gegoogelt. Dass Joël Dicker Bestsellerautor und mit seinen 32 Jahren einer der 100 reichsten jungen Schweizer ist, merkt man ihm immer noch in keiner Weise an.

Schlafen Sie ruhig, so kurz bevor Ihr neuer Roman «Das Verschwinden der Stéphanie Mailer» auf Deutsch erscheint?

Joël Dicker: (lacht verlegen) Bei der französischen Erstausgabe gab es eine Namensverwechslung. Das wurde aber sofort korrigiert. Jetzt läuft alles gut.

Der Name des Mörders war vertauscht. Bei 300 000 Exemplaren?

Die genaue Zahl kenne ich nicht. Es waren einige Tausend. Aber nur beim ersten Druckdurchlauf der ersten Auflage. Zum Glück!

Im neuen Buch sind Sie zum Krimiplot zurückgekehrt, wie bei Ihrem Erfolgsroman «Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert». Warum?

Mir gefällt es, auf etwas zurückzukommen und mich darin weiterzuentwickeln. Gleichzeitig ist der Krimiaspekt für mich beschränkt.

Die kriminalistische Suche steht doch schon im Zentrum.

Das stimmt, weil die Suche immer zu etwas Neuem führt. Aber beim Krimi gibt es ohne Mörder und die Suche nach ihm kein Buch. In meinem Roman gibt es die Geschichte all der Leute in der kleinen Stadt. Zudem kommen Figuren vor, die keinen direkten Bezug zum Verbrechen haben. Das Buch respektiert nicht wirklich die Codes des Genres.

Was interessiert Sie an der kriminalistischen Recherche?

Das ist kein Spiel, es geht um die Bezüge zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Eine Geschichte muss in der Vergangenheit ankern. Die eigentliche Struktur meines Romans und die Konstruktion der Figuren baut darauf auf.

Zentral ist auch der neue Blick auf das Vergangene.

Das ist das grosse Thema. Es geht um Wiedergutmachung und darum, sich selbst zu akzeptieren. Fast alle meine Figuren haben etwas erlebt, das sie gebrochen hat. Sie funktionieren nicht richtig in ihrem Leben.

Haben Sie selbst sich auch in Ihrer Vergangenheit neu entdeckt?

(überlegt) Der Grund, warum ich schreibe, zum Beispiel. Ich habe meine Romane an Verleger geschickt, sie wurden zurückgewiesen, aber ich wollte zeigen, dass ich dazu fähig bin, Romane zu schreiben. Also habe ich von Neuem angefangen. Das zeichnet ein Bild von mir: Der ist zäh, der bleibt dran, er lässt sich nicht entmutigen. Man findet die Antworten in der Vergangenheit.

Was tun Sie, um beim Schreiben nicht die Übersicht zu verlieren?

Ich schreibe die Geschichte so, wie Sie sie lesen. Die Geschichte entwickelt sich nach und nach. Ich habe keine Übersicht und keinen Plan zum Voraus.

Sie wussten zu Beginn nicht, wer den Mord begangen hat?

Nein. Wenn ich die Geschichte schon kennen würde, bräuchte ich den Roman nicht mehr zu schreiben.

Der Literat und die Hollywood-Stars: Joël Dickers (rechts) Buch wurde verfilmt, mit Schauspielgrössen wie Patrick Dempsey (Mitte) in den Hauptrollen. Hier bei der Vorstellung am Cannes International Series Festival

Der Literat und die Hollywood-Stars: Joël Dickers (rechts) Buch wurde verfilmt, mit Schauspielgrössen wie Patrick Dempsey (Mitte) in den Hauptrollen. Hier bei der Vorstellung am Cannes International Series Festival

Ihr Manuskript war doppelt so lang. Was haben Sie gekürzt?

Es gab rund zehn weitere Figuren und noch mehr überraschende Wendungen. Es ist so, wie wenn man bei einem Essen zu viele Gerichte kocht, ab einem gewissen Moment ist es einfach zu viel.

Eine Figur, die Polizistin Anna Kanner, stand am Anfang Ihres Romans. Was hat Sie an ihr interessiert?

Ich wollte eine starke weibliche Hauptfigur haben. Ich wollte sehen, ob mir das gelingt.

Worin liegt ihre Stärke?

Sie gibt nicht auf. Ein Nein akzeptiert sie nicht als Antwort. Sie macht weiter.

Als Frau trifft sie auf viel Widerstand im Polizeikorps.

Die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen wird eines der grossen Themen der nächsten Jahre sein.

Sie sind 32 Jahre alt. Wie erleben Sie das in Ihrer Generation?

Ich kenne Frauen, die mit Männern zusammenarbeiten und dieselbe Arbeit machen, sie haben denselben Status, sogar dieselben Aufgaben, Verpflichtungen, die gleiche Verantwortung, aber sie haben nicht denselben Titel und nicht dasselbe Gehalt. Da sind wir noch nicht weiter gekommen.

Können Männer in Ihrem Umfeld es auch noch nicht akzeptieren, wenn Frauen stärker im Schweinwerferlicht stehen als sie selber?

Für mich zumindest ist es nicht so. Aber ich wollte von dieser Ambivalenz sprechen. Gewisse Männer haben es immer noch nötig, wichtiger zu sein als die Frau, stärker wahrgenommen zu werden, einen Beruf zu haben, bei dem sie mehr verdienen.

Hat sich das bei Männern Ihres Alters nicht geändert?

Die meisten 30-Jährigen stehen noch nicht in verantwortungsvollen Positionen. In ein paar Jahren könnte ich Ihnen besser antworten.

Eine andere interessante Figur ist Ihr Literaturkritiker. Was ist die Aufgabe der Literaturkritik?

Literatur sollte verbinden. Sie sollte die Leute zusammenbringen, man sollte miteinander reden, sich darüber austauschen, was einem gefallen hat, was nicht, warum und warum nicht. Heute findet ein solcher Austausch bei den Fernsehserien statt, über Bücher gibt es dagegen kaum mehr einen Diskurs. Das liegt auch an der Literaturkritik. Sie wertet, statt Fragen aufzuwerfen und die Leute zum Nachdenken anzuregen. Sie öffnet nicht den Diskurs.

Wie könnte die Kritik den Diskurs öffnen?

Man müsste aufhören, Bücher in Schubladen zu stecken. Die Kritik müsste offener sein und zur Diskussion stellen. Nicht einfach einen Roman als Krimi taxieren.

Ist nicht gerade die Diskussion, warum ein Roman ein Krimi ist oder nicht interessant?

Oft geht es nur um die Wertung: Das ist ein Krimi, also ist es ein minderwertiges Genre. Die Kritik stellt viele Behauptungen auf.

Im Buch machen Sie sich über die Hierarchie in der Literatur lustig: Als bestes Buch gilt ein Roman, den niemand versteht, ein Krimi hingegen gilt noch ein bisschen mehr als ein Frauenroman ...

(lacht)

... Manche Kritiker sehen in Ihren Bücher nur Unterhaltung. Wie stehen Sie dazu?

Was ist Literatur?

Das will ich von Ihnen wissen.

Wenn mich die Leute das fragen, frage ich zurück: Was ist Literatur? Oft können sie nicht antworten. Aber oft findet man ein Buch zunächst toll, und wenn es plötzlich Erfolg hat, dann findet man das verdächtig. André Gide verringerte die offiziellen Verkaufszahlen, sobald seine Bücher sich zu gut verkauften, weil das suspekt war. Diese Vorstellung haben die Idioten des Nouveau Roman nach dem Krieg erfunden. Aber die wahre Literatur innerhalb der französischen Literatur sind für mich die grossen Romanciers: Alexandre Dumas, Émile Zola, Victor Hugo. Sie haben den Leuten Geschichten erzählt und die grösstmögliche Zahl Leser begeistert. Wenn ich sehe, dass meine Bücher rund um die Welt Uniprofessoren bis Gelegenheitsleser begeistern und sie mir sagen, mein Buch habe ihren Horizont erweitert und die Lust geweckt, andere Bücher zu lesen, wenn man mir dann sagt, es sei keine Literatur, was ist dann Literatur? Literatur ist das, was Sie dazu bringt, in eine Geschichte einzutauchen und zu hoffen, dass Sie nicht unterbrochen werden. Literatur ist stärker als das Leben, sie bringt Sie aus Ihrer Sterblichkeit heraus und verleiht kreative Kraft. Ich glaube, meine Bücher erfüllen all diese Kriterien.

Ihr Roman war letztes Jahr das meistverkaufte Buch in Frankreich.

Das wurde in einer Sendung von RTS kritisiert. Statt dass man sagt: Wie toll, wir Schweizer zählen innerhalb der französischsprachigen Literatur, unser Autor hat mehr Bücher als irgendein anderer in Frankreich verkauft, das ist ein gutes Zeichen für die Schweizer Literatur, für die Schweiz, für die Jugend, lassen sie irgendeinen Typen sagen, das sei keine Literatur. Ist das das richtige Zeichen für die Jungen? Für die, die Lust haben zu lesen oder Bücher zu schreiben? Man sagt ihnen nicht: Lest, entdeckt, probiert aus, setzt Euch zusammen und diskutiert, anstatt von Instagram, Selfies und Facebook zu reden, sondern man ist immer noch damit beschäftigt, zu bestimmen, was Literatur ist und was nicht. Solange man diesen idiotischen Kreis nicht verlässt und zur Leidenschaft, zur Freude und zum Teilen gelangt, wird es immer mehr Buchhändler geben, die keine Bücher mehr verkaufen, und immer mehr Junge, die nicht mehr lesen.

Sie sind als Markenträger für Uhren, Autos und Swiss aufgetreten. Das hat man ihnen vorgeworfen.

Es hiess, ein Schriftsteller mache das nicht. Aber hat man es nicht satt, Leute, die nicht unbedingt Leser sind oder Intellektuelle immer mit Fussballspielern anzusprechen? Noch vor nicht allzu langer Zeit waren die Vorbilder der Gesellschaft Piloten, Astronauten, Physiker, Nobelpreisträger. Heute sind das die Kardashians oder die Ronaldos. Will man solche Vorbilder für die kommende Generation? Hat man nicht Lust, den Jungen zu sagen: Lesen ist angesagt, Lesen ist toll, ein Schriftsteller, das ist cool.

Wie gut sind Sie in die Schweizer Literaturszene eingebunden?

Ich tausche mich nicht gross in literarischen Szenen aus. Aber die Deutschschweiz wäre für mich wichtig. Wegen der unterschiedlichen Sprache gibt es keine Rivalität. Ich stelle mir bei einem Zürcher oder einem Tessiner allgemeine Fragen zur Literatur. Man findet sich als Schweizer Autor. Das ist Teil meiner Identität.

Ihre Bücher spielen alle in den USA, was ist daran schweizerisch?

Ich bin mir nicht sicher, wie weit die Identität des Buches mit der Identität der Person übereinstimmt. Roger Federer wirft man nicht vor, dass er fast alle Turniere im Ausland spielt. In der Literatur gibt es den schöpferischen Bezug, das ist schon anders. Aber ich sehe das Internationale auch als Zeichen meiner Generation, die leicht reisen kann. Diese Freiheit ist der Freiheit der Literatur ähnlich. Ich glaube, schweizerisch ist der Schweizer Geist, die Erfindungskraft, die Unabhängigkeit und das Arbeitsethos.

Was bedeuten die USA für Sie?

Als Kind habe ich viel Zeit dort verbracht, ich bin viel herumgestrolcht, spielte im Wald, erfand Geschichten. Das Erfinden von Geschichten war sehr wichtig, das ist dort verankert.

«Harry Quebert» wurde verfilmt. Sie waren bei den Dreharbeiten anwesend. Was haben Sie mitgenommen?

Ich wollte zuschauen und verstehen, wie man einen Film macht. Jean-Jacques Annaud war der Regisseur, aber ich habe in ihm einen meiner Leser gesehen, der eine Geschichte schafft, so wie er sie sich vorstellt, wie er sie empfindet und sie leben will. Ich habe grossen Respekt dafür, was die Leute aus dem Geschriebenen herauslesen. Es ist wichtig, diese Freiheit zu erhalten.

Hat Ihnen die Umsetzung etwas für Ihr Schreiben gebracht?

Im Film können die Figuren sich über eine Szene von mehreren Minuten hinweg anschauen, ohne dass ein Wort gewechselt wird. Die Szene funktioniert nur über die stille Interaktion. Das hat mir sehr gefallen. Aber ich weiss nicht, wie ich das in die Literatur übertragen kann. Beim Schreiben muss man es schreiben, wenn eine Figur nichts sagt. Im Buch gibt es keine Stille.

Bei Ihren Büchern fallen die Cliffhanger auf. Sie erinnern an Serien.

Wenn ich an das Ende eines Kapitels gelange und es einen Cliffhanger gibt, weiss ich nicht, was danach passiert. Deswegen lege ich den Faden an eine bestimmte Stelle. Es ist eine Art, eine neue Schaffensphase zu öffnen. In meinem Kopf dreht es dann weiter.

Für wen schreiben Sie?

Für mich selbst.

Vorhin sprachen Sie von den Lesern, die etwas in Ihren Büchern finden.

Das ist eine Feststellung, die nachher kommt. Ich bin mein erster Leser.

Was suchen Sie für sich?

Das Vergnügen. Die Aufregung. Die Gestaltung der Geschichte.

Viele Figuren in Ihrem Buch wollen Schriftsteller werden.

Das sind Fragen, die ich mir stelle: Was ist ein Schriftsteller, wie wird man Schriftsteller. Es ist ein Beruf, der keinem vorgegebenen Kurs folgt.

Im Buch findet sich die Wahrheit in einem Theaterstück, in der journalistischen Recherche und in Büchern. Glauben Sie, dass in der Kunst Wahrheit steckt?

Es ist die Wahrheit des Lesers. Die Kunst im Allgemeinen ist etwas sehr Analytisches. Wenn Sie ein Bild betrachten, erweckt es etwas in Ihnen, eine Erinnerung aus der Kindheit zum Beispiel, eine Angst. Wenn Sie dort verweilen und versuchen, zu verstehen, was Sie empfinden und warum, gibt das einen sehr interessanten Austausch darüber, wer Sie sind. Darin liegt die Kraft der Kunst: in der Möglichkeit, einen Dialog mit sich selbst zu schaffen.

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