Das Künstleratelier ist ein Ort, ­ zu dem das breite, kunstliebende Museumspublikum kaum je Zutritt hat und um den sich viele ­Mythen ranken. Hollywoodfilme zeigen es gerne als weitläufigen, lichtdurchfluteten Loft, in dem der kreative Funken nur so sprüht.

Dass die räumlichen Verhältnisse meist sehr viel bescheidener und der Weg zum Werk einiges komplexer ist, wird deutlich, wenn man im Haus für Kunst Uri den «White Cube» betritt, den Karoline Schreiber im ersten Stock einbauen liess: Diese kleine Raumkapsel grenzt exakt jene knappe Fläche ein, die ihr in ihrem Zürcher Atelier zur Verfügung steht. Und beherbergt nun all das, was die Zeichnerin und Malerin bei ihrem täglichen Tun umgibt – Skizzen und Fotos, Notizen, Zeitungsausschnitte, Ordner, Tische und Stühle, einen Mülleimer, Regale, Aufbewahrungsboxen und allerlei «Tand».

Die Performance «Karoline Schreiber wiederholt sich».

Die Performance «Karoline Schreiber wiederholt sich».

«Automatische Zeichnungen»

Es ist eine aufwendige Aktion, welche die gebürtige Bernerin für ihre erste umfassende Museumsausstellung realisiert hat. Eröffnet wurde just an ihrem 50. Geburtstag – vielleicht ist es kein Zufall, dass sie diese Lebenszäsur mit einer dreitägigen, öffentlichen Aufräumaktion ihres Ateliers koppelt. Doch wäre es falsch, den Studiotransfer als rein persönliches Unterfangen zu deuten: Angesiedelt etwa in der Mitte des Ausstellungsrundgangs, kontrastiert der «chaotische» Produktionsraum effektvoll mit der Aufgeräumtheit des Museums und zeigt sich als «Herzstück» im «Organismus» des Kunstsystems. Schreibers «White Cube» ist quasi das Kerngehäuse, das zum Vorschein kommt, nachdem man die künstlerisch süsse Frucht genossen hat.

Die «Frucht» reift bei Schreiber aktuell vor allem in der Zeichnung, weshalb die Schau in Altdorf dieses Medium nebst wenigen Malereien ins Zentrum stellt. Lange war die Künstlerin vorrangig mit hyperrealistischen Gemälden in Erscheinung getreten, etwa mit ungeschönten oder bewusst unvorteilhaften Selbst- und Fremdporträts, die diese klassische Bildgattung neu verhandeln und ungemein faszinierend und abstossend zugleich wirken.

Spontaneität und das Unbewusste als Quellen

Seit 2006 führt Schreiber aber auch eine Art Skizzentagebuch voller comicartiger Zeichnungen. Spontane Einfälle und das Unbewusste sind Impulsgeber dieser surrealen Bildwelten, die kein Tabu scheuen und Übernatürliches wie Menschliches enthalten. Ein Künstlerbuch von 2015 versammelt eine kleine Auswahl dieser vielen «automatischen Zeichnungen», wie Schreiber sie nennt. «Ich zeichne einfach und schaue, was passiert.»

In Altdorf präsentiert sie erstmals 50 der originalen Skizzenbücher und stellt ihnen eine installative Anordnung der zungenbrecherischen «Zeichnugnen» gegenüber, die Weiterentwicklungen jener intuitiven Ideenskizzen darstellen.

Der comichafte Strich ist nur eine der Ausdrucksformen, welche Schreiber dem Zeichnerischen abringt: Ihre skurrilen Bildideen, die oft zum Schmunzeln verleiten, überführt sie etwa in der Serie «Drawing Account» seit 2016 in handwerklich präzise, oft wochenlang erarbeitete Blätter, in denen das zeichnerische Spektrum zwischen Schraffur, Linearität und leerer Fläche sorgfältig austariert wird. Parallel nutzt sie in der Serie «Karoline Schreiber muss schneller werden» die Möglichkeiten der Sprühfarbe. Konsequent treibt Schreiber, die seit 2011 auch Dozentin für Zeichnen an der Hochschule der Künste Bern ist, mit solchen Mitteln die Arbeit an und mit der Linie voran.

Beim Schaffensprozess live zuschauen

2014 hat sie dann erstmals das performative Potenzial der Zeichnung erprobt und seither die Öffentlichkeit wiederholt teilhaben lassen an ihrem Schaffensprozess: «Karoline Schreiber zeichnet, was sie nicht kann» oder «Karoline Schreiber zeichnet, worüber Experten reden» sind zwei Beispiele solcher Aktionen.

Zur Vernissage in Altdorf wurde «Karoline Schreiber wiederholt sich» aufgeführt, eine Performance, bei der die Künstlerin mit verbundenen Augen eine grossformatige Wandzeichnung herstellt. Die selbstreferenziellen Titel, die auch auf Erwartungshaltungen des Kunstsystems anspielen, sind ein Charakteristikum von Schreibers Ansatz: «Das Kunstsystem steht für mich exemplarisch für ein kompetitives Umfeld und spiegelt nicht nur künstlerische, sondern auch höchst menschliche Belange wider.» ­Beides wird dem Publikum auch durch die «Veröffentlichung» ihres Ateliers auf erheiternd sympathische Weise nähergebracht.