Schwarze Brüder
Kein Stoff, aus dem Träume sind

Das Musical «Die Schwarzen Brüder» feierte in Walenstadt Premiere. Den rund 1800 Zuschauern auf der ungedeckten Tribüne bietete sich eine faszinierende Kulisse.

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Beeindruckend

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Rosmarie Mehlin

Donnerstagabend: Tief hängen schwarze Wolken über dem Mittelland, streckenweise giesst es wie aus Kübeln. Über dem Walensee aber – oh Wunder – zeigt sich der Himmel hellgrau mit ein paar blauen Flecken: Die zahlreichen Kaminfeger, die in Walenstadt Richtung Schwimmbad strömen, machen ihrem Ruf als Glücksbringer offensichtlich alle Ehre.

Mit ihnen zieht es Heerscharen von Männern und Frauen, einige in luftiger Sommerkleidung, andere im Bergwander-Outfit zur Premiere von «Die Schwarzen Brüder» auf der Seebühne, und den düsteren Prognosen zum Trotz scheint das Wetter dem Grossereignis keinen Strich durch die Rechnung zu machen.

Vier Sommer lang hatte Johanna Spyris «Heidi» als Musical in zwei Folgen zu Füssen der Churfirsten gelacht und gelitten, getanzt, gesungen und die Herzen von Abertausenden von Zuschauern beglückt. Nun sollen das «Die Schwarzen Brüder» tun. Wiederum diente also ein Klassiker unter den Jugendbüchern von anno dazumal als Vorlage.

Die Autorin Lisa Tetzner, 1894 – sieben Jahre vor Spyris Tod – im deutschen Sachsen geboren, war 1933 in die Schweiz emigriert und lebte bis zu ihrem Tod 1963 im Tessin. Basierend auf Tatsachen, erschien 1941 ihr Roman «Die Schwarzen Brüder», den Tetzners Mann Kurt Held («Die Rote Zora und ihre Bande») vollendete und der zu einem der beliebtesten Jugendbücher seiner Zeit wurde.

Die Geschichte von den schmächtigen Buben aus den armen, kargen Tessiner Tälern, die nach Mailand verdingt und dort, Sklaven gleich, für die Drecksarbeit an Kaminfeger verschachert wurden, beleuchtet ein trauriges Kapitel historischer Schweizer Realität. Ihren Höhepunkt erreichte die skrupellose Ausbeutung von Kindern von Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 30er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Die Geschichte ist kein Stoff, aus dem Träume sind. Entsprechend dramatisch lässt er sich auf einer Bühne umsetzen. In der alten Stahlgiesserei Schaffhausen waren die «Schwarzen Brüder» als Musical 2007 aus der Taufe gehoben worden und jetzt, in einer Neuinszenierung, auf den Walensee transferiert.

Den rund 1800 Zuschauern auf der ungedeckten Tribüne bietet sich wohl bei jedem Wetter eine faszinierende Kulisse. Ganz besonders aber war das am Premierenabend der Fall mit den wilden Wolkenspielen, den sich am Ufer brechenden Wolken, den zunehmend aufkommenden Windböen, aber dann, weniger faszinierend, schliesslich, dem Abbruch. Just in der Pause beganns zu regnen und kam ein Sturm auf, wodurch der zweite Akt buchstäblich ins Wasser fiel.

Laut Programmzeitung hält er noch etwelche dramatische und tragische Szenen und schliesslich ein (kleines) Happy End bereit. Im ersten Teil prasseln bereits ganz schön viele brutale Schläge auf ausgemergelte Kinder nieder, werden viele Tränen des Schmerzes und des Heimwehs vergossen, liefern sich jugendliche Gangs Kämpfe à la «West Side Story», keifen Frauen, saufen Männer; und zwischendurch wird, wie das sich in einem Musical gehört, getanzt. Und natürlich gesungen.

Dass die Liedertexte zumeist recht banal daherkommen – «Kein schöner Land als mein Tessin, die Wellen blau, die Wälder grün» – ist nicht selten bei Musicals. Allerdings bieten «Die Schwarzen Brüder» dazu musikalisch recht wenig Spannendes. Komponist Georgij Modestov liebt Terzen und verarbeitet sie wenig variantenreich ziemlich simpel, je nach Situation und Gemütslage der Agierenden mal aggressiv, mal sentimental. Dabei kann er in den Melodien seine russische Herkunft nicht verleugnen – von Tessiner oder Norditalienischer Folklore jedoch findet sich kaum ein Ton in dem Opus.

Das Bühnenbild jedoch ist ebenso raffiniert wie reizvoll: Es bietet verschiedene Spielebenen, erlaubt blitzschnelle Umbauten und vermittelt nicht zuletzt mit der Silhouette des Mailänder Doms das nötige Lokalkolorit. Auch die Kostüme sind sehr hübsch, die Inszenierung von Holger Hauer ist einfallsreich und zügig, die Choreografie von Andrea Klingston allerdings etwas bieder und fantasielos.

Bei der Besetzung hatten die Veranstalter eine recht glückliche Hand, vor allem was die jüngeren Darsteller betrifft, die ihre Rollen, wo angesagt, mit der nötigen Portion Sentimentalität, vor allem aber durchweg frisch und natürlich verkörpern. Im Gegensatz etwa zu Florian Schneider als Schlepper Luini oder Sissy Staudinger als gewalttätige Frau Rossi, welche die Figuren allzu penetrant karikieren.

Bis 21. August, Seebühne Walenstadt. www.dieschwarzenbrueder.ch

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