Kunst

Kulturkrimi in Chur

Der herab- und wieder zurückgestufte Stephan Kunz, Direktor des Kunstmuseums Chur. Samuel Trümpy/Keystone

Der herab- und wieder zurückgestufte Stephan Kunz, Direktor des Kunstmuseums Chur. Samuel Trümpy/Keystone

Die Ab- und Wiedereinsetzung des Bündner Museumsdirektors Stephan Kunz wirft hohe Wellen.

Ein Regierungsrat degradiert einen erfolgreichen Museumsdirektor zum Kurator und setzt ihm eine bisherige Mitarbeiterin als Chefin vor die Nase. Sechs Tage später zieht derselbe Regierungsrat den Entscheid wieder zurück. Wo gibt es so was? In Graubünden. Der Regierungsrat, Vorsteher des kantonalen Amts für Kultur, heisst Martin Jäger und ist SP-Mitglied. Der Museumsdirektor heisst Stephan Kunz. Er ist 2011 vom Aargauer Kunsthaus nach Chur berufen worden. Im Juni 2016 konnten er und Jäger gemeinsam den Erweiterungsbau des Museums eröffnen. Damals gab es blumige Worte für Kunz.

Nationale Strahlkraft entwickelte die Medienmitteilung, die am 14. Juni von Jäger verschickt wurde: «Im Zuge einer schon länger geplanten Restrukturierung hat der Regierungsrat in Abstimmung mit dem Amt für Kultur entschieden, dass die Führungsspitze des Bündner Kunstmuseums (BKM) umgebaut wird», hiess es da. Per sofort übernehme Kunz neu die Position des Hauptkurators und müsse seine Funktion als Direktor an Nicole Seeberger abgeben, die seit 2009 im Haus als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig ist.

Gestern Nachmittag übertraf Jäger die Kürze der ersten Mitteilung: «Regierungsrat Martin Jäger hat entschieden, die am 14. Juni kommunizierte Reorganisation der Leitung des Bündner Kunstmuseums zu sistieren. Die bestehenden Mängel in der Organisation werden einer erneuten vertieften Analyse unterzogen.»

Breiter Widerstand

Zwischen diesen beiden Communiqués liegen aufwühlende Tage. Zumindest für die Bündner Kulturszene. Jägers Entscheidung hat geharnischte Reaktionen ausgelöst. Denn Kunz hat in den Augen der Öffentlichkeit einen guten Job gemacht. Er bewältigte mit seinem kleinen Team die schwierige Phase während des Museumsneubaus, wirkte als Integrationsfigur in der Bündner Kulturszene und setzte mit seinen Ausstelllungen schweizweit beachtete Marksteine.

Ein prominent besetztes Komitee koordinierte den Protest gegen seine Absetzung. Ihm gehören unter anderen die Künstlerin Zilla Leutenegger, der Fotograf Hans Danuser, der Leiter des Mühleramas in Zürich, Pius Tschumi, und die Leiterinnen des Theaters Chur, Ute Haferburg und Anne-Marie Arioli, an. Gestern Mittag noch haben sie die Website «aktionbkm.ch» aufgeschaltet. Die dort publizierte Protestnote wurde bis zum Abend bereits über 600-mal unterzeichnet. Die Initianten fordern, dass der Entscheid rückgängig gemacht wird. «Das zuständige Amt für Kultur und die Regierung versäumen hier ihre Pflicht, konstruktive Lösungen zugunsten ihrer grössten kulturellen Institution zu finden», heisst es da.

«Wir lassen die Forderung im Raum stehen», sagte Komiteemitglied Tschumi gestern, nachdem er von Jägers Rückzieher gehört hatte. Auch die für heute Abend um 18 Uhr angesetzte Demonstration in Chur werde stattfinden. Schliesslich sei Jägers Entscheidung ja erst sistiert und noch nicht endgültig rückgängig gemacht worden.

Aber was wird Kunz eigentlich vorgeworfen? Laut Jäger liege das Problem bei der Personalführung. Bereits im Februar beauftragte er die Personalabteilung des Kantons mit einer Untersuchung. Was sie genau zutage gefördert hat, hält das Amt bis heute unter Verschluss. «Der Kanton will in dieser Sache nichts mehr verlautbaren», liess Jäger noch am Montag wissen.

Genau mit dieser Haltung handelte er sich ein Problem ein. «Entscheide von solcher Tragweite müssen zwingend für die Öffentlichkeit nachvollziehbar sein», sagte sein Parteikollege Jon Pult vorgestern gegenüber der «Südostschweiz». Die eigenen Genossen drohten Jäger damit, die Sache vor die kantonale Geschäftsprüfungskommission zu bringen. Denn für die SP ist das Ganze ein Desaster: Gerade ihr Regierungsrat verantwortet einen Entscheid, der in der Kulturszene, und somit bei der SP-Wählerschaft, auf totales Unverständnis stösst.

«Ich bin loyal»

Kunz selbst musste bisher schweigen. «Ich bin Angestellter des Kantons und weiter mit wichtigen Aufgaben für das Museum vertraut. Ich bin loyal und kann keine weitere Auskunft geben», sagte er gestern.

Auch der Betroffene selbst konnte bisher nicht zur Klärung der offenen Fragen beitragen: Was ist überhaupt passiert? Wieso spricht Jäger von einer länger geplanten Restrukturierung? Worin besteht das Problem in der Personalführung genau? Wieso wurde Kunz nicht eine Betriebsleitung zur Seite gestellt? Inwieweit wurde das Gespräch mit ihm gesucht? Warum wurde der Bündner Kunstverein nicht in die Entscheidung eingebunden?

Diese Fragen stehen auch nach der Sistierung von Kunz’ Absetzung im Raum. Die Gerüchteküche wird weiterbrodeln, solange nicht klar ist, was zu dieser Totalpanne im Amt für Kultur geführt hat. Denn anscheinend waren die Gründe für die Herabstufung von Kunz nicht derart gewichtig, als dass sie nicht auch anders interpretiert werden können. Ein bei dieser Recherche oft gehörter Vorwurf richtet sich an das Amt für Kultur selbst. Dessen Leiterin Barbara Gabrielli wird von verschiedener Seite nachgesagt, sie verunmögliche mit ihrem überstrapazierten Controlling kreative Lösungsansätze. Sie mische sich unangemessen ins Operative ein, sagt eine ehemalige, nicht genannt sein wollende Angestellte. «Sie schikaniert unliebsame Mitarbeitende, bis diese das Handtuch werfen.» Die Architektin Karin Sander arbeitete 2010 bis 2014 bei der kantonalen Denkmalpflege. Sie sagt: «Es herrscht eine Angstkultur. Es geht nicht mehr um Inhalte, sondern um Kontrolle. Der Fall Kunz ist da nur die Spitze des Eisbergs.»

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