Kunst

Kunst in Zeiten des Lockdowns

Drei Kunstschaffende zeigen, wie sich die Coronakrise in ihren Werken niederschlägt.

Die Textilkünstlerin Ariane Lugeon fährt noch immer regelmässig in ihr Atelier nach Frankreich. Wenn sie ihre Basler Freunde fragen, was sie denn mache, dann antwortet sie in einer Selbstverständlichkeit: «Ich fahre nach Hegenheim, um Bomben zu bauen!» Die 45-jährige Künstlerin hat noch nichts Vergleichbares wie die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie erlebt: «Der Virus sprengt zur-zeit die Welt, meine Bomben sollen die neu errichteten Grenzen zwischen den Ländern sprengen.»

Betrachtet man die selbst gebauten Waffen der Künstlerin genauer, dann bergen diese nur eine symbolische Explosions- gefahr. Die Zündschnur erweist sich als glitzernder Stoff, der Bombenkörper ist aus Filz. Der frisch kreierte Viruskörper erscheint harmlos wie in einem Comic, als ob er nicht ein erschreckender Teil der gegenwärtigen Realität wäre. Die Stoffarbeiten dieser explodierenden Welt wirken niedlich und verharmlosend – ein Effekt, mit dem die Textilkünstlerin bewusst die thematische Schwere durchbricht.

Für Ariane Lugeon ist Kunst ein Werkzeug, mit dem sie Gefühle wie Angst in etwas Anderes transformieren kann. Zum ersten Mal fühlt sie sich als Kunstschaffende in dieser Gesellschaft privilegiert: «Die grösste Sicherheit ist für mich, dass ich etwas Kreatives aus mir selbst erschaffen kann.» Als Künstlerin arbeitet sie monatelang an einem grossen Stickbild, ohne Isolationsgefühl oder Langeweile zu kennen. Ihre Arbeit lehrte sie Geduld, eine Tugend, die beim derzeitigen Lockdown mehr denn je gefragt ist.

Der Computer als einziges Fenster zur Welt

Auch den in Zürich und Aarau lebenden Medienkünstler Timo Ullmann beschäftigen die Massnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung des Virus. Für sein Videoprojekt «Virtual Window Travel In Quarantine» lädt er auf seiner Website Menschen aus der ganzen Welt ein, kurze Filme aus den Fenstern ihrer Quarantänezimmer zu drehen.

In der sich ständig  erweiternden Sammlung sind architektonische Stillleben, unbenutzte Pärke und verlassene Strassen zu sehen. Wüsste man als Betrachter nicht, in welchem Kontext die Menschenleere steht, wären die Fensteraussichten idyllisch. «Die erste Aufnahme entstand während meines Atelieraufenthalts in Paris», erinnert sich der Künstler an die Anfänge des Projekts.

In der Zwischenzeit ist er wieder in die Schweiz zurückgekehrt, die Coronakrise ist zu einem globalen Phänomen gewachsen. Der Computer ist vielerorts, wo nationale Ausgangssperre herrscht, das einzige Fenster zur Welt. Das Internet vernetzt die Isolierten, es bietet Ein- und Ausblicke in andere Realitäten.

Eine weitere Tugend, die in der gegenwärtigen Situation notwendig erscheint, ist Flexibilität. Da für den Maler Emanuel Roth viele Einsätze in der Kulturbranche abgesagt wurden, suchte er nach einer Nische für seine malerische Arbeit. «Die einfachsten Ideen sind die besten», dachte er sich eines Morgens, als er von den Toilettenpapier-Hamsterkäufern in den Medien las.

Er beschloss, das Toilettenpapier aus seinem Atelier als Maluntergrund für Miniaturen zu benutzen — und es funktioniert. Roth realisierte vor dem Lockdown unter anderem grossformatige Wandgemälde. Nun sind seine Zeichnungen filigran und klein und zeigen parkierte Lastwagen, Autos oder Wohnmobile.

Auch im Atelier gelten Hygieneregeln

Roths Werke sind ein Abbild der gegenwärtigen Welt, die zum Stillstand gekommen ist. Seine Ausbildung als wissenschaftlicher Illustrator kommt ihm bei der detaillierten Arbeit nun zu Gute. Seiner künstlerischen Arbeit kann er aber nicht wie gewohnt nachgehen. Gleich wie in den Lebensmittelgeschäften, gelten auch in seinem Atelier neue Hygieneregeln: «Ich trage beim Malen Maske und Handschuhe, damit niemand beim Kauf meiner Bilder ein Risiko eingeht.» Auch bei Kunst geht Gesundheit vor.

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