Best of Oktober

Lady Gaga, Bob Dylan und Co.: Das sind die Köpfe des Monats

Stefani Joanne Angelina Germanotta alias Lady Gaga.

Stefani Joanne Angelina Germanotta alias Lady Gaga.

Wer sorgte für Aufsehen? Das Kulturressort blickt kurz zurück und pickt fünf der interessantesten Kulturtäter des Monats heraus.

1. Lady Gaga – Die Natürliche

von Stefan Künzli

Stefani Joanne Angelina Germanotta hat als Kunstfigur Lady Gaga die Popmusik in eine neue Dimension der Künstlichkeit gestossen. Die stete Verwandlung, Verkleidung und Neuerfindung wurde zum Prinzip erhoben. Bis zur Selbstaufgabe.

Lady Gaga, das Chamäleon des Pop war reichlich schräg und unfassbar. Sie war alles und nichts. Mit dem Album «Artpop» vor drei Jahren erreichte sie den Höhepunkt an Künstlichkeit und schlitterte prompt in eine veritable Persönlichkeitskrise. Die Reaktion war radikal. Im akustischen Jazzkontext mit Sänger Tony Bennett warf sie allen Ballast ab und präsentierte sich nackt und befreit. Seither befindet sie sich auf der Suche nach sich selbst. Mehr Natürlichkeit und Menschlichkeit, weniger Plastik.

«Ich bin genauso wie ihr. Auch nur ein Mensch», sagte sie im Interview mit dieser Zeitung. Diesen spannenden Prozess der Selbstfindung widerspiegelt auch das neue Album «Joanne», auf dem sie versucht, sich von ihrem Image als unnahbares Kunstprodukt zu verabschieden. Weniger Lady Gaga, mehr Stefani Joanne Angelina Germanotta.

Das Resultat ist durchzogen, der Sound etwas entschlackt, doch der heterogene Stilmix deutet darauf hin, dass sie noch nicht weiss, wie die echte, wahre Lady Gaga klingen soll. Immerhin: Lady Gaga ist auf gutem Weg zu sich selbst. 

2. Franziska Schutzbach – Die Gender-Forscherin

von Susanna Petrin

«Wir müssen über Feminismus reden», sagt die Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach. Sie selber wird des darüber Redens seit Jahren nicht müde. Via eines Blogs, Facebook und Twitter kämpft sie für die Sache der Frau, für Gleichberechtigung, gegen Sexismus. Beharrlich, täglich, differenziert – meistens.

An der Uni Basel gehören unter anderem Reproduktionspolitiken und Geschlechtertheorie zu ihren Forschungsschwerpunkten. Dank ihrem beständigen Dranbleiben hat sie nun in der Schweiz eine gewisse Meinungsführerschaft auf diesen Gender-Gebieten erlangt.

Seit diesem Monat gilt Franziska Schutzbach besondere Aufmerksamkeit. Als Reaktion auf die Äusserung der SVP-Politikerin Andrea Geissbühler – diese sagte in etwa, dass Frauen manchmal auch ein bisschen selbst schuld seien, wenn sie vergewaltigt würden – lancierte sie mit weiteren Frauen den Hashtag «Schweizer Aufschrei».

Viele Frauen haben seither unter diesem Stichwort von ihren Erlebnissen mit sexueller Belästigung erzählt. Fast jede Frau dürfte damit Erfahrungen gemacht haben. Und wir nähmen damit als Gesellschaft hin, was nicht hinzunehmen sei, sagt Schutzbach.

Tiefere Löhne, schlechtere Karrierechance, latenter oder offensichtlicher Sexismus: Franziska Schutzbach redet weiter darüber. Es ist nötig.

3. Bob Dylan – Der Literat

von Max Dohner

«Ist es irgendwas Wichtiges? Was war es noch? Sag’s mir nochmals, ich habe es vergessen.» Vielleicht ging das drei Wochen lang so: Unverständnis, Zweifel, Grübeln in einer hoch zerstreuten, um nicht zu sagen gestörten Konversation, bis sie ganz erstarb. Ausgeschlossen ist das nicht.

Denn so geht schon Dylans Lied «What was it you wanted». Aber jetzt wurde aus dem verstörten alten Mann doch noch ein braver Junge. Der endlich die frohe Botschaft aus Stockholm zur Kenntnis nahm. Jetzt endlich sagte Bob Dylan, dass ihn der Nobelpreis für Literatur «sprachlos» gemacht habe. Er sagte auch (beinahe) zu, den Preis entgegenzunehmen.

Das lange Schweigen war für Dylanologen die reine Nostalgie und für die Schwedische Akademie ein Albtraum. Man konnte es förmlich spüren, auch wenn nichts Physikalisches daran war, dass der Nobelpreis mit jedem Tag Schweigen den halben Wert seiner Aura verlor. Währenddessen konnten die Fans sofort Stellen beisteuern aus Dylan-Liedern zum Thema «nicht abgenommenes Telefon».

Meine lautet so: «Ich rief den Auskunftsdienst an, um wenigstens eine Stimme zu vernehmen oder so was. ‹Wenn Sie das Beep hören, ist es drei Uhr.› Die Stimme sagte das über eine Stunde lang, und ich hängte auf.» (Talkin’ World War III Blues). 

4. Michael Moore – Der wütende weisse Mann

von Lory Roebuck

Donald Trump ist sein derzeitiger Erzfeind, doch wie Filmemacher Michael Moore die verbale Keule schwingt, ist dem US-Präsidentschaftskandidaten gar nicht so unähnlich. Für seinen neuen Film «TrumpLand» stand der Oscar-Gewinner einem Saal voller Trump-Sympathisanten gegenüber, um sich genüsslich über sie auszulassen. Herumbrüllende Trump-Anhänger imitiert er mit dem Kommentar: «So hört sich ein sterbender Dinosaurier an.» Mit dieser Masche wird er keinen Trump-Wähler umstimmen.

Toll ist sein Film trotzdem. Und zwar dann, wenn er statt zu missionieren, Realsatire betreibt. So lässt Moore alle Muslime im Saal von einer Drohne überwachen und alle Mexikaner hinter einer Pappmauer verschwinden («keine Sorge, ihr könnt euch freikaufen»). Und die Angst des weissen Amerikaners erklärt er so: «Wird nach einem Schwarzen eine Frau Präsident, muss darauf ja unweigerlich ein Schwuler folgen, dann ein Transgender – bis schliesslich die Tierschützer einen Hamster im Weissen Haus installieren.»

Da müssen selbst einige Trump-Fans lachen. Und sollte aus Hillary nichts werden, stellt Moore für 2020 seine eigene Kandidatur in Aussicht. Er verspricht: «Ein Ladekabel für alle Geräte, gratis HBO – und jedes Wochenende zwei Joints.» Ein bisschen Entspannung wäre ja gar nicht so verkehrt. 

5. Patricia Kopatchinskaja – Die Unangepasste

von Jenny Berg

Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja galt viele Jahre als Geheimtipp. Sie hat den Ruf der Unangepassten. Der jungen Wilden. Und den der Neuerfinderin des Geigenklangs. Denn sie spielt rau und verführerisch süss zugleich, und sie singt, mit und ohne Geige, wann immer es ihr gerade passt. Sie wurde – und wird – gefeiert von all jenen, die die Hits der klassischen Musik einmal anders hören wollen.

Und sie wurde – und wird – kritisiert von all jenen Orchestern und Dirigenten, die die Hits der klassischen Musik so hören wollen wie immer. Einmal hat sie es ausprobiert: hat ein bekanntes romantisches Violinkonzert so gespielt, wie es auf den Youtube-Kanälen rauf und runter dudelt, wie «man» es eben spielt. Das Orchester war begeistert. Und sie: fühlte sich wie eine Prostituierte. – Seither geht sie konsequent ihren eigenen Weg. Und ist damit erfolgreicher denn je.

Gerade hat sie die Stadt Bern mit einem der vier mit 15 000 Franken dotierten Musikpreise ausgezeichnet. Und das Lucerne Festival lädt sie kommenden Sommer als «artiste étoile» ein – was im Klassik-Zirkus fast einer Adelung gleichkommt. Das Festivalmotto lautet «Identität». Für das ehemalige Flüchtlingskind aus Moldawien, das einst nach Wien zog, um Komposition zu studieren, und nun in Bern seine eigene Familie hat, dürfte das eine spannende Herausforderung sein.

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