Literatur
Lauernde Gefühle bei Männern

Der 57-jährige Ire Joseph O’Neill ist einer der interessantesten Erzähler seiner Generation. Mit seinem New-York-Roman «Neuland» wurde er 2008 schlagartig berühmt. Nun ist sein erster Storyband erschienen.

Peter Henning
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Der irischstämmige Schriftsteller Joseph O’Neill.

Der irischstämmige Schriftsteller Joseph O’Neill.

Getty

Anders als zahllose seiner US-Kollegen besuchte Joseph O’Neill absichtlich keinen «Writers Workshop», um sein Schreiben mit Hilfe berühmter Schriftsteller-Dozenten akademisch zu verfeinern. Auch besass er nicht die helfende Hand eines Mentors, der ihm die Türe zu einem grossen Verlag öffnete. O’Neill, 57, der als Sohn eines Iren und einer Türkin in Holland aufwuchs, ehe er in Cambridge Jura studierte und sich als Anwalt in London niederliess, entschied sich, seinem Schreiben als Hobby zu frönen. Bis er 2008 seinen Debütroman «Niederland» ­veröffentlichte und die Kritiker seine Geschichte eines Mannes, der im post-hysterischen 9/11-­Amerika nach Sinn und einer Lebensaufgabe sucht, rundum beklatschten. Plötzlich stellte er fest, dass sein Hobby zum Hauptberuf geworden war.

Zwei weitere Romane brachten ihm den Ruf ein, der «geistreichste, zornigste, anspruchsvollste» Schreiber seiner Generation zu sein. O’Neill scheine «unfähig zu sein, auch nur einen langweiligen Satz zu schreiben», schrieb die «New York Times».

Kein Erzähler von der Stange, aber einige Stories fallen durch

Blickt man auf seine erste, nun auf Deutsch vorliegende Storysammlung, die den wenig inspirierenden Titel «Guter Ärger» trägt, so muss man diese Einschätzung leider zunächst stark relativieren. Denn bis O’Neill sich warmgeschrieben hat, hat man fünf belanglos dahinplätschernde Geschichten gelesen.

Gewiss: Dieser Erzähler ist keiner von der Stange! Dazu ist seine Beobachtungsgabe viel zu ausgeprägt – und sein Stil zu geschliffen. Doch vieles von dem, was er in den ersten Storys behandelt, erscheint banal: Ein Student, der seinen Lehrer alljährlich gegen dessen Willen besucht – und ihm und seiner Frau wortreich die Zeit stiehlt. Oder der einsame Hochzeitsgast, der Tausende von Kilometern fliegt, um bei der grossen Feier eines alten Studienfreundes dabei zu sein – und sich am Ende bei ein paar Gläsern Whisky mit einer schnatternden Gans verlustiert. Das alles ist nett geschrieben, fiele aber – am Credo eines Raymond Carver gemessen, wonach «in einer Kurzgeschichte jedes Wort zählt» – durch.

Mit Billy Joels vermeintlichem Tod hebt O’Neills Schreiben ab

Doch dann beginnt man das Stück «Der Tod von Billy Joel» zu lesen – und das Buch ist jeden Rappen wert. Denn wie es O’Neill versteht, die Geschichte dreier Golffreunde, die sich angesichts der Meldung, der Singer-Songwriter Billy Joel sei gestorben, ihrer eigenen Sterblichkeit bewusst werden, ohne es offen zu thematisieren, das ist grandios. Als Tom wenig später erfährt, dass Joel gar nicht gestorben ist, sondern sich mit einer halb so alten Frau verlobt hat, ist seine Erleichterung zunächst gross. «Er ist hier, massiert die Anti-Schuppen-Lotion ein und lässt einen warmen Wasserguss auf sich herabregnen ... Als Tom aus der Duschkabine kommt, pfeift er sogar.» Der Schrecken über die plötzliche Erkenntnis der eigenen Endlichkeit aber bleibt – auch wenn Tom in sein eigenes Leben zurückkehrt und die Routinen und die alte Schwerkraft der Verhältnisse ihn wieder in Sicherheit wiegen.

Darin offenbart O’Neill sein besonderes schreiberisches Können: in der präzisen, ja, bisweilen geradezu Carver-haften Schilderung vermeintlich alltäglicher Abläufe, hinter denen dann die Abgründe lauern. Zuzusehen, wie sie sich langsam vor seinen Figuren auftun, ist ein exquisites Vergnügen!

Joseph O’Neill: Guter Ärger. Storys. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Rowohlt, 174 Seiten.