Solothurn

Literaturhäppchen auf dem Klosterplatz

Kapitel, Geschichten und Geschichtchen, also Literatur light, auch Kurzlesungen genannt; sie sollen während drei Tagen Passanten anlocken, Literaturliebhaber verführen und Flaneure unterhalten.

Thaïs in der Smitten

Es ist 12 Uhr. Die Köpfe gefüllt mit Literatur, der Magen aber hungrig, strömen Literaturliebhaber aller Provenienz aus dem Landhaus in Solothurn; grössten Teils direkt ins Restaurant Kreuz, um dort wortlos das Essen zu geniessen. Wer lieber Literaturhäppchen speist, findet sich auf dem Klosterplatz ein. Auf der Menükarte stehen deutsche, italienische und französische Kost: Leicht verdauliche Ein-Gänger von maximal fünfzehn Minuten. Den Auftakt macht Severin Schwendener, auf Deutsch.

«Das Schaufenster zu den Solothurner Literaturtagen», wie Geschäftsleitungsmitglied Rudolf Probst das Mini-Podium im Mini-Zelt auf dem Klosterplatz liebevoll betitelt, wurde bewusst auf dem Klosterplatz platziert: Als Zubringerachse zwischen Bahnhof und Altstadt garantiert es viel Laufkundschaft. «Und es funktioniert», freut sich Probst über das gelungene Revival. Ganze sechs Jahre ist es nämlich her, dass es während den Solothurner Literaturtagen Kurzlesungen gab. 2003 noch auf dem Friedhofplatz. Mit dem Abschied von Arnold Lüthy aus dem Organisationskomitee seien sie verschwunden. Der letztjährige Revival-Versuch scheiterte an ungünstigen Wetterprognosen vor Pfingsten.

Die wiederauferstandenen Kurzlesungen stossen dank Wetterglück bereits am Freitagnachmittag auf viel Gegenliebe. Rund drei Dutzend Zuschauer lauschen um 12.30 Uhr gebannt, als Sibylle Lewitscharoff mit ihrer Stimme dem Bild eines bulgarischen Vaters Leben einhaucht: Schwarzes dichtes Haar, weisse Zähne und eine Knoblauchfahne - so erfährt der Zuhörer und zugleich Zuschauer des Vorlesespektakels - das seien die Wahrzeichen eines echten Bulgaren.

Um 13.30 Uhr blickt die Autorin Melinda Nadj Abonji eine Generation weiter zurück: Ihre Grossmutter, die nie Märchen erzählte, nur immerzu Geschichten die das Leben schreibt, sie sei es gewesen, die ihr die Sprachbewegungen eines Textes näher gebracht habe. Mit dem Text um Willi's Eimer, einem rasanten Sprachrhythmus und den Wortspielereien, zieht sie dann ihre Zuhörerschaft richtig in ihren Bann. Vergessen sind die Autos und die Mofas, die ab und an am Podium vorbei brummen. Erst der eigene Applaus bringt jeden einzelnen wieder zurück in die Realität des Klosterplatzes.

Das Publikum wechselt ebenso wie die Autoren. So schnell, wie sich dreissig, vierzig Personen vor dem weissen Zelt zusammen drängen, sind sie nach der viertelstündigen Lesung auch wieder verschwunden, auf zu neuem Ohrenschmaus.

Manch einer läuft zufällig an die Kurzlesungen heran, wie etwa Manuela Zünd und Simone Gächter aus St. Gallen, die für einen Stadtbummel in die Altstadt gekommen sind. Oder auch Vreni Hug aus Rüti bei Büren, die hier einen kurzen Zwischenhalt macht, bevor die nächste Lesung im Dunkelzelt beginnt.

Etwas schwerere Kost serviert um 15 Uhr Helmut Maier. Minutiös beschreibt er, wie in einer Disco aus dem Nichts eine Schlägerei entsteht. Dabei fliessen die Worte so behände, dass sich auch der Zürcher Jörg Honegger deren Bann nicht entziehen kann. «Die trockene und zu gleich präzise Sprache hat mich richtig reingezogen», beschreibt der Literaturtagebesucher das Hörerlebnis, das ihm die Wartezeit bis zur Rückkehr von Ehefrau und Tochter angenehm verkürzt hat. Den Vortragsort findet er hingegen unglücklich gewählt: «Zu viel Lärm, das ist ja auch für den Autor eine Zumutung.»

Um 15.30 Uhr ist bei Monika Rinck Gourmet-Kost angesagt, die nicht jedem mundet. Ihre Kürzestgeschichten sind Wort- und Sinnspielereien. Wenn von «Beschwernis-Katzen», «Taxifahrten mit dem Haubentaucher» und der Wut, die man aus dem Fenster schmeissen möchte, die Rede ist, kann einem «das Wesen der Frage» schon mal rätselhaft verschlossen bleiben. Den beiden Übersetzern Tali Konas und Andrei Anastasescu hat's gefallen. «Das war super schön.» Sie übersetzt Bücher vom Deutschen ins Hebräische, er vom Deutschen ins Rumänische. Auf eine Einladung hin sind sie zum ersten Mal an den Literaturtagen.

Der kurzleserische Höhepunkt steht um 17.30 Uhr mit Franz Hohler auf dem Programm. Seine Zuhörerschaft ist zahlenmässig die Grösste mit über hundert Personen. Die Kost, die er serviert, ist leicht bekömmlich und humoranregend: Die Lachsalven schaukeln sich von Abschnitt zu Abschnitt, von Geschichte zu Geschichte höher, beispielsweise wenn Hohler den täglichen Coop- Supercard-Wahnsinn und die Rabatt-Jagd beschreibt, die einen mitunter dazu treiben, giftgrüne Bio-Baumwoll-Unterhosen zu kaufen, die man gar nicht braucht.

Wenig später wird das literarische Buffet geschlossen. Eine kleine Verdauungspause, die aber nur bis zum nächsten morgen währt. Dann heisst es wieder: Literatur querbeet auf dem Klosterplatz.

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