Neuer Roman
Lukas Linder hat gerade einen Humorpreis erhalten: Der Antiheld ist ein manisch-depressiver Witzbold

«Der Unvollendete» ist Lukas Linders neuer, zweiter Roman. Der 36-jährige Schweizer Schriftsteller ist ein seltener Vertreter der humoristischen Literatur in der hiesigen Gegenwartsliteratur.

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Lukas Linder, Schriftsteller.

Lukas Linder, Schriftsteller.

Foto: Agnieszka Cytacka

Die Behauptung, Schweizer hätten keinen Humor, ist natürlich Quatsch. Dass sie ihn kaum je in der Schweizer Gegenwartsliteratur suchen, hat hingegen leider Tradition. Gelacht wird über jede Menge Comedians und Kabarettistinnen auf Kleinkunstbühnen, aber eher weniger über literarische Figuren. Die Antihelden in der Schweizer Literatur vom Grünen Heinrich bis zu Peter Stamms Lebensversager bringen einen nicht wirklich zum Lachen. Kein Wunder also, fristet der Schelmenroman hierzulande ein Aussenseiterdasein, mal abgesehen von Thomas Meyer oder Charles Lewinsky. Dass nun der 36-jährige Schweizer Schriftsteller Lukas Linder für seine ersten beiden Romane den mit 3000 Euro dotierten Förderpreis für komische Literatur der Stadt Kassel und der Stiftung Brückner-Kühner erhält, lässt aufhorchen.

Die Jurybegründung: Lukas Linder beherrsche die «Kunst des Grotesk-Komischen». Seine humoristische und melancholische Poetik des Scheiterns und der Peinlichkeit erreiche er mit den Mitteln der Ironie und des Sprachwitzes, mit Karikatur, pointierter Dialogführung, bizarrer Situationskomik und einem Tableau kauziger Figuren: «Mit viel Mitgefühl lässt Lukas Linder Antihelden auftreten, deren negativer Narzissmus die Brüchigkeit gegenwärtiger Orientierungsstrategien in der Leistungsgesellschaft tragikomisch spiegelt.»

Zuerst befürchtet man in «Der Unvollendete» einen pubertären Roman

Das ist zwar in seiner etwas hochtrabenden Formulierung auch schon wieder lustig, aber sehr schön gesagt. Und man stimmt dieser Begründung ja gerne zu. Auch wenn man gleich hinzufügen muss: Der Autor serviert uns in seinem neuen Roman eine klischierte Figur: Ein junger, verklemmter Möchtegernschriftsteller mit Germanistikstudium, der keinen Sex hat und als Aushilfe in einem Altersheim arbeitet. Ist das Genre «Germanistikstudent erzählt von den Flausen eines Germanistikstudenten» für Nichtgermanisten so wahnsinnig interessant und relevant? Vermutlich nicht.

Und wenn dieser Held zu Beginn des Buches mit zwei Frauen im Bett liegt, die sich dann aber lieber mit sich selbst beschäftigen und ihn nicht beachten, fürchtet man, Linder lande hier einen pubertären Roman. Man denkt unwillkürlich: Mit 50 ist man einfach zu alt für diesen pubertären Humor. Vielleicht findet man das aber ja schon mit 20 nicht mehr lustig. Kommt hinzu, dass Linder in einem altertümlichen Imperfekt erzählt, was einen an Thomas Mann erinnert, und seinen Antihelden Anatol tauft, was einen an Arthur Schnitzler oder gar an Max Frischs Anatol Stiller denken lässt. Irgendwie also auf bemühte Weise aus der Zeit gefallen. Das Altertümliche der Form garantiert im Kontrast zum Erzählten noch keinen guten Witz.

Linder findet einen guten Plot und tolle Grotesken

Aber man sollte nicht von den ersten paar Seiten auf das ganze Buch schliessen. Im Wahnwitzigen findet Lukas Linder nämlich in einer atemlosen Pointendichte zu einer wirklich unterhaltsamen Groteske. Das ist einerseits witzigen szenischen Einfällen zu verdanken. Anatols Romandébut «Graues Brot» etwa liegt in den Buchhandlungen wie eine verlorene Seele bei den Kochbüchern. Und in Polen lässt er sich von seiner Angehimmelten eine Totenmaske anfertigen, was er komplett falsch versteht. Anderseits hat Linder einen spannenden Plot, der einen weiten Bogen von der Uni ins Altersheim, nach Polen und wieder zurück in die Schweiz schlägt. Er überspannt diesen dramaturgischen Bogen aber nicht und flechtet darin die Verwandlung des Verklemmten in einen charismatischen Charmeur – mit einem bittersüssen Ende. Ein Psychiater würde ihm glasklar eine ­bipolare Störung diagnostizieren, so extrem sind Anatols Schwankungen zwischen Depression und Euphorie, zwischen Tölpel und Hochstapler.

Zum Topos des literarischen Tölpels passt natürlich, dass die Frauen ihn herumschubsen und er deren Motive nicht erkennt. Dass Anatols vermeintliche Schwäche der Nachgiebigkeit und fehlender Durchsetzungskraft nicht nur als komisches Potenzial genutzt wird, sondern ihn auch zum loyalen Don Quichotte adelt, macht Linders Roman insgesamt sehr sympathisch und menschenfreundlich.

Denn der Ja-Sager Anatol reist für einen Altersheimbewohner und skurrilen Pilztheoretiker an einen Pilzkongress in Polen. In diesen Passagen versöhnt man sich endgültig mit dem Klischeebeginn. Wie Linder den Anatol zum sich selbst blendenden Hochstapler hochschreibt, ist eine wunderbare, hinterlistige Groteske mit einem tollen Spannungsbogen und kabarettistischer Psychologie über von Ressentiments getriebene Einzelgänger: «Lange hatte Anatol geglaubt, alleine im Schatten gelange der Mensch zu wahrer Würde. Tatsächlich war der Mensch im Schatten jedoch vor allem eines: nicht zu sehen.»

Lukas Linder Der Unvollendete. Roman. Kein&Aber, 286 S.