Werner Hostettler

Als längste gedeckte Holzbrücke in Europa ist der unter Denkmalschutz stehende und sich im Eigentum der Stadt Bad Säckingen befindende Rheinübergang zwischen Stein und Bad Säckingen ein Begriff. Weniger bekannt dürfte dagegen sein, dass das historische Bauwerk 1945 im letzten Moment davor bewahrt werden konnte, in die Luft gesprengt zu werden. Im Gespräch mit der AZ blickt Peter Ch. Müller, seit 1981 Stadtarchivar von Bad Säckingen, auf jene wohl letzten, aber für die dortige Bevölkerung umso dramatischeren Tage kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges zurück: «In der Steinbrückstrasse waren schon die Leitungen verlegt, die zu den ebenfalls bereits an der Brücke angebrachten Sprengsätzen führten.»

Der Wille der Säckinger Bevölkerung, das historische Bauwerk vor dieser von SS-Offizieren befohlenen Sprengung sei aber unerschütterlich gewesen: «Mit der Schere in der Hand hatten mehrere Bürger nur auf den Augenblick gewartet, die Leitungen zerschneiden zu können.»

Waffen landeten im Rhein

Weil sich Bad Säckingen auf Initiative des Stadtkommandanten Theodor Benecke kampflos ergab, konnte die Sprengung sowohl der Brücken als auch der Kraftwerke nur wenige Stunden vor dem am 25. April 1945 erfolgten Einmarsch der französischen Truppen verhindert werden. Im Tagebuch der damals als Verstärkung der Schweizer Grenzwache im Fricktal stationierten Grenzkompanie 254 kann dazu nachgelesen werden: «Hilfsgrenzangestellte der deutschen Seite brachten während der Nacht Zündmittel über die Grenze und liessen sich internieren. Andere deutsche Posten verliessen ihren Platz und ermöglichen die Sicherstellung der Zündmittel und grosser Mengen Sprengstoff durch die Schweizer Posten. Gewehre, Sprengstoff, Handgranaten und anderes Kriegsmaterial fliegt auf deutscher Seite in den Rhein.»

Nach einer Absprache zwischen dem Säckinger Kommandanten und Major Fischer, dem Abschnittskommandanten auf Schweizer Seite, passierten übrigens noch in der Nacht zuvor die letzten Flüchtlinge die Holzbrücke in Richtung Schweiz.

15 Millionen Euro jährlich

Einmal abgesehen von den Jahren nationalsozialistischer Herrschaft (1933 bis 1945) dominierte in der über 200jährigen Geschichte der Staatsgrenze am Hochrhein ganz eindeutig das Positive. Peter Ch. Müller: «Grenzort muss ja nicht nur Randlage, das heisst Negatives, bedeuten. Die Schweizer Nachbarschaft, also das Fricktal, war von jeher schon positiv zu Bad Säckingen eingestellt.

Zudem pendelten bereits vor 1914 um die 1500 Schweizer zu ihren Arbeitsplätzen am Hochrhein.» Heute ist das Gegenteil der Fall: gegen 30 000 Personen aus dem Hochrheingebiet zwischen Lörrach und Waldshut verdienen ihr Geld in der Nordwestschweiz, also auch im Fricktal. Nach Berechnungen der Industrie- und Handelskammer Hochrhein-Bodensee sowie des Einzelhandelsverbandes geben Schweizer Kunden allein in Bad Säckingen alljährlich gegen 15 Millionen Euro aus. Aus Bad Säckinger Sicht bewertet Peter Ch. Müller diese nach wie vor auch über die Holzbrücke führenden «Einkaufswallfahrten» denn auch als äusserst erfreulich.

Insbesondere in der Nachkriegszeit hatte der Grenzverkehr massiv zugenommen, so wurden beispielsweise allein im August 1952 am Holzbrücken-Grenzübergang Stein-Bad Säckingen 209 000 Ein- und Ausreisen registriert. Und in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts drängten sich jährlich um die 1,1 Millionen Fahrzeuge im wechselseitigen Einbahnverkehr durch die längste gedeckte Holzbrücke Europas. Peter Ch. Müller: «Verursacher jener Massenbewegung waren nicht allein die Reisenden, die in Richtung Süden zu ihren Teutonengrills zogen.

In der Nachkriegszeit stieg auch die Zahl der Deutschen, die täglich zu ihren Arbeitsplätzen und zurück pendelten. Und weil das Auto immer öfter das Velo ersetzte, wurde es eben auch an der Holzbrücke immer hektischer.» Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts präsentierte sich das Geschehen an und auf der Holzbrücke allerdings etwas anders, wie Rudolf Graber (1899 bis 1958) in seinem Roman «Jugenderinnerungen» schreibt: «Jenseits der hölzernen Brücke, auf dem Schweizer Ufer, standen die Kaufläden hageldicht neben- und übereinander. Darin holten sich die Badener in täglichen behaglichen Wallfahrten billigen Kaffee und billigen Zucker und Tabakwaren.»

Hochbusig und milchgenährt

Und einige Abschnitte weiter fährt er fort: «Die Ladenbesitzerin war eine hochbusige, milchgenährte, schönhäutige Schweizerin, und es war ihr anzumerken, dass jedes Tütlein, welches sie mir reichte, so etwas wie ein Geschenk betrachtet sein wollte.» Hansueli Bühler, seit 1994 Gemeindeammann von Stein, ergänzt: «Die damals unten am Schweizer Brückenkopf bestehenden Läden waren voll auf Deutschland ausgerichtet, und sie konkurrenzierten sich, dass es nur so tätschte.»

Heirat über die Brücke hinweg

Die Holzbrücke habe von jeher schon eine enorme Bedeutung gehabt und auch wesentlich zur Entstehung des Wirtschaftszentrums beigetragen, und: «Nicht zu vergessen auch, dass die Brücke seit Jahrzehnten schon das Gas von den Stadtwerken Bad Säckingen zu uns hinüber nach Stein bringt. Und schliesslich wurde und wird auch immer wieder über die Brücke hin und her geheiratet.»