Schreibkunst
Mit Herzblut und Tinte: Schön geschrieben ist halb gewonnen

Dekorative Schriftzüge sind gerade im Trend. Warum analoge Techniken wie Handlettering diesen Boom erleben. «Die Leute suchen einen Ausgleich zur digitalen Welt, wollen zurück zu den Wurzeln», so Sibylle Born, gelernte Schriftenmalerin.

Rahel Koerfgen
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Handlettering gewinnt immer mehr an Beliebtheit. Die kunstvoll-verspielte Handschrift zu erlernen, ist gar nicht so schwer.

Handlettering gewinnt immer mehr an Beliebtheit. Die kunstvoll-verspielte Handschrift zu erlernen, ist gar nicht so schwer.

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Zu einer Zeit, als die digitalisierte Welt noch in weiter Ferne lag, als es weder Telefon noch Computer gab, da wurde noch von Hand geschrieben, und das nicht zu knapp. Bei Liebespaaren etwa, Tausende Kilometer voneinander getrennt, heimlichen Liaisons auch. Bei Familien, engen Freunden, die sich nicht jeden Tag sehen konnten, weil ein Ozean oder eine Wüste dazwischen lag. Der Brief war Transporteur von Liebesschwüren, Gefühlsbekundungen, von Alltagsberichten, von sorgenvollen Nachfragen, oftmals seitenlang. Denken wir an Beethoven, an die Zeilen an seine «Unsterblich Geliebte».

Nicht ganz so lange her ist es, als wir noch handgeschriebene Karten aus den Ferien versandten, unsere Tagebücher vollkritzelten. Doch mit der Digitalisierung geriet die analoge Schrift ins Hintertreffen. Ja, heute schreiben die meisten von uns nur noch Weihnachts-, Geburtstags- oder andere Glückwünschkarten von Hand. Manch einer ertappt sich dann dabei, wie die Hand nach wenigen Zeilen schmerzt: Da wir gewöhnlich via Tastatur auf dem Computer oder dem Handy kommunizieren, verlernen wir das Schreiben zusehends. Trotzdem – oder vielmehr gerade deswegen – liegt schön schreiben wieder im Trend.

Kurse sind im Nu ausgebucht

Das Handlettering, die Kunst des Buchstabenzeichnens, erlebt einen Boom. Sein Ursprung findet sich in Comic Strips, doch mittlerweile sind die minutiös verzierten, oftmals verschnörkelten Buchstaben überall zu sehen: Sei es auf Grusskarten, auf Buchumschlägen oder einem Gutschein – Social-Media-Kanäle sind voll mit Bildern der kleinen Kunstwerke. Entsprechend verzeichnen Hersteller von Brush Pens – Pinselstifte, die für das Handlettering ideal sind – «eine stetig wachsende Nachfrage», teilt der Schreibwarenhersteller Faber Castell mit: «Unsere Pitt Artist Pens gehören zu den meistverkauften Produktlinien im Künstlersortiment.» Die Begeisterung fürs Handlettering sei enorm.

Wenig überraschend sind entsprechende Kurse meist im Nu ausgebucht. Wie jene der Schriften- und Reklamemalerin Sibylle Born aus Zürich. Sie gilt als Pionierin in diesem Bereich, bietet sie doch auf ihrer Plattform Paperartist bereits seit zwei Jahrzehnten Kurse in Kalligrafie an – und vor drei Jahren kam die verspieltere Form des Handletterings dazu. «Das war etwa der Zeitpunkt, als das kunstvolle Schreiben enorm an Popularität gewann», erinnert sie sich. Seither steige die Nachfrage nach ihren Kursen, die sie in Freienstein ZH und Feusisberg SZ gibt, konstant.

In diesem Jahr hat es nur noch im Kurs «Weihnachtslettering» vom 8. Dezember ein paar Plätze frei. «Die Teilnehmer kommen von überall, von Saas-Fee, aus dem Tessin, aus Basel. Das Interesse ist riesig,» sagt Born. Vor diesem Boom sei die Kalligrafie «kaum mehr gefragt» gewesen. Das fantasievolle Handlettering sei besonders bei Frauen gefragt, Männer würden zunehmend Kalligrafie für sich entdecken: «Der Aufbau ist logischer, die Vorgaben sind klar an die Schriftgeschichte angelehnt, und die Ausführung technischer», erklärt Born.

Die Techniken

Kalligrafie

Die Kunst des Schönschreibens von Hand, mit Federkiel oder Pinsel, mit Tinte. Es handelt sich um historische Schriftformen, die keinen Spielraum bei der Ausführung erlauben, genau nach Vorlage gezeichnet werden. Aus der Kalligraphie sind die nachfolgenden, moderneren Unterarten entstanden.

Brushlettering

Die Schriftzüge werden entweder mit Pinsel oder mit einem Pinselstift (Brush Pen) oder Aquarellfarben gemalt und mit Gel-Liner verziert. Verspielt sein ist erlaubt, den Fantasien sind keine Grenzen gesetzt. Für Anfänger ist ein Pinselstift mit flexibler Schwamm-Spitze ideal: Sie gibt Farbe gleichmässig ab, womit man sich voll und ganz auf den Druck und die somit variierende Dicke der Linie konzentrieren kann.

Faux Calligraphy

Hier werden, anders als bei der Kalligrafie, Filzstifte benutzt. Dicke Linien entstehen durch das Ausmalen zwischen zwei Linien – und nicht durch unterschiedlich starken Druck auf den Stift, wie es beim Lettering der Fall ist.

Persönlich und emotional

Born glaubt, die Gründe für den Boom zu kennen: «Die Leute suchen einen Ausgleich zur digitalen Welt, wollen zurück zu den Wurzeln.» Es könnte auch mit der Abschaffung der «Schnürlischrift» in der Schule zu tun haben, vermutet sie weiter. «Jedenfalls kommt es öfter vor, dass Schulklassen Projektwochen in meinem Atelier durchführen. Die Kinder lieben es, Buchstaben zu verzieren und auszumalen. Die strahlen dann richtig.»

Die kunstvollen Schriften können in der Tat tiefe Emotionen hervorrufen, sei es Nostalgie, Glück, Liebe oder einfach pure Freude. So sagt die 33-jährige Claudia, die bereits mehrere Kurse in Kalligrafie und Handlettering besucht hat: «Das hat etwas mit Kunst zu tun. Es ist persönlicher und in der heutigen Zeit etwas Spezielles, auch, weil man dafür Zeit investiert.» Bei ihren Freunden würden die Karten extrem gut ankommen: «Sie bleiben länger in Erinnerung, sind weniger flüchtig als eine Whatsapp-Nachricht oder SMS. Viele sagen mir, dass sie meine Karten aufbewahren.»

Was besonders schön ist an der Kunst des Handletterings: Da es viel Spielraum bietet bei der Gestaltung, ist man bereits nach einem mehrstündigen Kurs fit für eine schön verzierte Karte, sagt Schriftenmalerin Born: «Für Weihnachten reicht es allemal noch. Und wenn es nicht perfekt ist, auch nicht tragisch. Gerade der eigene Stil ist wichtig.» Und wer will schon eine Karte, die am Ende aussieht wie gedruckt? Das nicht Perfekte macht den Reiz aus. Das ist sympathisch echt. Hauptsache nicht digital.

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3 Bilder
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Die Farben Die Coliro Pearlcolors sind handgefertigte Künstlerfarben aus Deutschland. Sie können mit Wasser angerieben, beliebig verdünnt und gemischt werden. Ab 29 Fr., bei meinstift.ch

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