Kunsthaus Zürich
Mit Pipilotti ins Video- Wunderland

Pipilotti Rist verwandelt das Kunsthaus Zürich mit ihren Videos in eine bunte Zauberwelt und lädt uns in ihre Wohnung ein

Sabine Altorfer
Drucken
Teilen
Pipilotti Rist in ihrem «Pixelwald« aus 300 von Videos erleuchtet en Glaskörpern.

Pipilotti Rist in ihrem «Pixelwald« aus 300 von Videos erleuchtet en Glaskörpern.

KEYSTONE

Seifenblasen sind jetzt Kunst. Jede Viertelstunde steigen grosse flüchtige Gebilde vom Glasdach des Kunsthauscafés, schweben über dem Platz, spiegeln die Lichter der Stadt... und platzen. Den Seifenblasen-Automat installiert hat Pipilotti Rist, ebenso die schimmernde Lichtskulptur unter dem Dach des Kunsthauses Zürich, die etwas Farbe in die Zwingli-Stadt bringt. «Das ist eine Installation und nicht etwa die Gras-Plantage des Chefs», sagt die Künstlerin. Und verweist weiter auf die Fassade des Kunsthauses, auf die steinernen heroischen Reliefs von Carl Burckhardt. In dessen «Amazonenkampf» greift die kämpferische Feministin ein: «Am Abend wird sie jeweils befreit.»

Diese Eingriffe an der Fassade oder auch das lustig-nachdenkliche, schön-schreckliche Relief aus Plastikabfall im Verbindungsgang («ich sammle seit 30 Jahren Plastikabfall», so Rist) sind beeindruckend, aber doch nur Vorboten auf das, was die Künstlerin und Kuratorin Mirjam Varadinis im grossen Bührlesaal angerichtet haben.

Mit offenem Mund

Man tritt ein – und dann bleibt einem die Spucke weg, der Mund offen... soll man fliegen, tanzen – oder doch nur brav staunen? Da tänzeln Schafe, küsst ein roter Mund, enthüllen sich goldgelbe Maiskolben, schweben Blüten durch die Luft. Als Besucherin steht man mittendrin, flaniert zwischen diesen Projektionen auf hauchdünnen Gazen – fühlt sich beschwingt und doch zwergen-klein. Vögel zwitschern, Wasser perlt. Sind wir hier bei Alice im Wunderland?

Doch Pipilotti Rist ist nicht Alice, sie sucht zwar das paradiesisch Schöne dieser Welt, die bunte Pracht der Natur. Und nennt die Arbeit doch «Verwaltung der Ewigkeit». Sie liebt Menschen – aber manchmal, da frisst sie sie. Wie eine Teufelin wächst sie aus dem Boden, öffnet den Mund, der wird zum Riesenmaul und verschlingt jeden, der über das magische Viereck schreitet. Dann nimmt die Natur ihren Lauf: was oben rein kommt, geht unten wieder raus.... Fressen, verdauen: die Körpersäfte wirken. Und werden gerne gefilmt, verherrlicht und von der erfindungsreichen Videokünstlerin auch im leicht verqueren Ausstellungstitel «Dein Speichel ist mein Taucheranzug im Ozean des Schmerzes» beschworen.

Mit empfindlicher Haut

53 ist Pipilotti Rist geworden und ein Weltstar der Videokunst. Nun endlich, nach Jahren ist sie wieder einmal in Zürich in einer grossen Ausstellung präsent, in einem Heimspiel am Zürcher Heimplatz. Als zweite Schweizer Künstlerin und siebte Künstlerin überhaupt darf sie den riesigen Bührlesaal bespielen.

Anheimelnd wirkte, als sie bei der Führung fragt: «Rheintaler oder Zürcher Dialekt?» Geboren wurde sie im St. Gallischen Grabs, seit langem wohnt sie aber in Zürich.

Hinter einer Wand gibt’s die frühen Single-Kanal-Videos zu sehen, dort singt das verpixelte Pipi-Girl barbusig «I’m Not The Girl Who Misses Much», dort stolziert die adrette Flight-Attendant aus den 1980er-Jahren.

Dann aber nimmt uns Pipilotti Rist mit zu sich nach Hause. Im Wohnzimmer dürfen wir uns aufs Sofa fläzen, die Hände betrachten, die den grossen Kalkstein streicheln, ihn zum Leben erwecken, Pflanzenranken aus ihm wachsen lassen. Denn was können Berührungen auslösen? Das ist auch das Thema in «Ginas Mobile», auf dem die Kamera diskret aber hemmungslos über eine Vulva streicht und die Künstlerin zum Kommentar verleitet: «Die Arbeit zeigt, wie schnell wir aus dem Gleichgewicht geraten, wenn wir an bestimmten Hautstellen berührt werden.»

Im Handtäschli und im Bett

Doch nicht nur Körper, sondern alles, was uns herum steht scheint die Bildmagierin zum Leben erwecken zu können. In den Flaschen auf der Hausbar tobt das Meer und lodern Flammen, in Handtäschchen tanzen nackte Frauen, auf Buchdeckeln streifen wir über Landschaften oder werden Vasen poliert und aus einer Muschel blickt uns eindringlich ein grünes Auge an.

«Wenn Sie möchten dürfen Sie sich ins Bett legen oder unter die Decke», sagt Pipilotti Rist und zeigt auf das Doppelbett über das ein bunter Sternenhimmel flimmert und ab und an eine weisse Fee schwebt. «Fühlen sie sich wie daheim!» Und so setzt man sich ans Schminktischli, lässt sich von Ihrem Mund aus dem Spiegel beküssen und fragt sich scheu, was wohl die Chemie-Gefässe hier sollen. Überhaupt fügt diese Frau in Ihrer Wohnung gerne Passendes und Unpassendes zusammen. Was auf Regalen, Tischen, Vitrinen, was an Möbeln und Lampen zusammengefunden hat, ist eine kurrlig-seltsame, aber liebevoll zusammengepuzzelte Kunstwelt. Dass der Leuchter über dem Esstisch mit Unterhosen bestückt ist und selbst der Abfallcontainer auf dem «Balkon» noch Träger einer Videoarbeit ist, erstaunt uns nicht.

Auf dem Kissen

Die Ausstellung zeigt, wie aus der wilden Video-Anarchistin, die einst lustvoll Autoscheiben zertrümmern liess oder mit ihrem «Pickelporno» Videogeschichte schrieb, eine subversiv agierende Umwelt-Poetin und engagierte Botschafterin der Schönheit geworden ist. Die Arbeiten aus über 30 Jahren zeigen aber auch, wie sich die Videokunst selber verändert hat. Was auf kleinen Bildschirmen begonnen hat, die auf Beistelltischlis und Stühlen im Arbeitszimmer stehen sind wand- und raumfüllende Projektionen geworden, die einem mit ihrem Sog und ihrer Bildmächtigkeit in Bann schlagen. Man sitzt auf den Kissen und «schlürft den Ozean», lässt sich von psychedelischer, gut gelaunter Musik einlullen und staunt darüber, wie schön ein Darm sich von innen präsentiert. Oder man taucht mit der Künstlerin im gelben Bikini ins Meer, treibt durch Pflanzen und Wellen und fürchtet sich nicht vor fliegenden Tassen.

Technische Perfektion, Sorgfalt bis ins kleinste Detail und Lust auf technische Neuerungen zeichnen die Arbeiten von Pipilotti Rist aus. Für Zürich hat sie mit ihrem Team einen «Pixelwald» erfunden: 300 mit einzeln Videosignalen angesteuerte Glaskörperchen, die an Drähten wie edle Weihnachtsdekorationen von der Decke hängen. Wir stehen mittendrin und sehen ein farbiges Blinken und Leuchten, das sich im Klang mit den Grossprojektionen stetig ändert. «So mittendrin können Sie nur einzelne Bildpunkte sehen,» erklärt die Künstlerin, «aber aus 250 Meter Entfernung würde Ihr Auge die Pixel zu einem Bild zusammensetzen.» Wir glaubens und fragen uns aber: Was tun? Fliegen?!

«Pipilotti Rist Dein Speichel ist mein Taucheranzug im Ozean des Schmerzes». Kunsthaus Zürich, bis 8. Mai. Zur Ausstellung gibt’s eine App als Audioguide und Selfie-Animation.

Aktuelle Nachrichten