Musik-Downloads: «Verbote sind kaum durchsetzbar»

Soziologin Angela Martucci erklärt, warum Musiker nicht grundsätzlich gegen Gratis-Downloads im Internet sind. Einnahmen gebe es weiterhin.

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Angela Martucci

Angela Martucci

Limmattaler Zeitung

Silvan Kämpfen

Frau Martucci, die Mehrheit der von Ihnen befragten Musiker ist nicht gegen Musik-Downloads. Weshalb?
Angela Martucci: Das liegt vor allem am zwiespältigen Verhältnis der Musiker zu den Plattenfirmen. Die Musiker fühlen sich unter Druck gesetzt und den Vorlieben der Manager verpflichtet. Es heisst dann zum Beispiel: «Du hast Potenzial für guten Folk-Rock. Wenn du bei uns bleiben willst, solltest du auf diese Sparte setzen.» So bleibt die künstlerische Freiheit, die Zeit für Inspiration auf der Strecke. Diese braucht ein Künstler aber zunächst, bevor seine Musik vermarktet werden kann.

Welche Rolle spielt das Internet in dieser Beziehung?
Martucci: Die genannten Probleme bestanden schon vor der Internet-Ära. Das Internet ist also nicht der grundsätzliche Feind. Im Gegenteil. Die moderne Technologie kann diese etablierten Strukturen auflockern, sodass einige Zwischenschritte wegfallen: Die Aufgaben der Labels und der Händler kann eine Band mittlerweile selber ausüben. Die Musiker bringen ihr Produkt also auf direktem Weg an die Fans.

Künstlerische Autonomie in Ehren - aber durch Gratis-Downloads entgehen den Musikern doch Einnahmen?
Martucci: Man muss relativieren: Die meisten Musiker können nicht von der Musik leben. Sie wären überrascht, wie viele Künstler aus Ihrer CD-Sammlung einen Zweit-Job haben. Man kann also nicht sagen, dass weniger bezahlt wird; es wird einfach anders bezahlt.

Das heisst?
Martucci: Dank dem Internet hat die Musik einen so hohen Stellenwert wie noch nie. Studien besagen, dass jene, die sich Musik herunterladen, auch die sind, die sich eher eine CD kaufen. Und weil mehr Musik gehört wird als früher, ergibt das eben auch eine grosse Summe. Weiter können sich aufstrebende Künstler auf einer Plattform wie re­storm.com präsentieren und Fans für sich gewinnen. Die registrierten Hörer erhalten dann je nach Profil Hinweise wie «Das könnte dir gefallen» und hören sich die Musik an. Sie kaufen sich wahrscheinlich keine CD, aber dank des direkten Kontakts gehen sie vielleicht eher einmal an ein Konzert. Und dort kaufen sie sich womöglich noch ein Poster oder ein T-Shirt.

Der Weg führt also über die Livemusik. Braucht es da auch eine Anpassung seitens der Musiker?
Martucci: Unbedingt. Alle von mir interviewten Bands sagen: «Live spielen! Egal, wo und so oft, wie es nur geht.» Die Bands werden damit auch besser und finden heraus, ob die Musik das Richtige ist für sie.

Besteht da nicht die Gefahr, dass die Musik zur reinen Unterhaltung verkommt und die «echte» Kunst verloren geht?
Martucci: Nun, die Konkurrenz im Markt heute ist unglaublich gross - trotzdem wollen alle noch mehr Musik machen. Daran sieht man, dass Kunst vor allem eine Berufung ist. Aus den Biografien vieler Musiker ist eine enorme Hartnäckigkeit herauszulesen und ich glaube, wer sich für Musik begeistern kann, wird sich auch weiterhin für diesen Weg entscheiden. Die wirklichen Virtuosen werden dabei Nischen bedienen. Künstler wie Franz Ferdinand oder Sophie Hunger haben aber gezeigt, dass eine nischenorientierte Musik eine breite Masse ansprechen kann.

Ist es sinnvoll, wenn sich Altstars wie Bob Dylan oder die Stones auf die Bühne quälen, um weiterhin Einnahmen verbuchen?
Martucci: Letztes Jahr waren 80 Prozent der erfolgreichsten Konzertbands solche, die seit über 20 Jahren im Musikgeschäft sind. Diese Gruppen leisten keine grosse musikalische Innovation mehr, halten sich aber mit Mega-Events im Gespräch. Offensichtlich besteht danach eine grosse Nachfrage, weil Musik für die Menschen ein soziales Erlebnis ist. Stars sind jedoch immer kurzlebiger, denn das Internet bietet einen viel leichteren Zugang zu ihnen und sie verlieren an Charisma. Ob wir in Zukunft noch grosse Stars haben, ist also fraglich.

Was sind die Auswirkungen der Downloads auf das Urheberrecht?
Martucci: Die Komplexität des Internets ist in der Tat eine grosse Herausforderung für das Recht. Ich denke schon, dass es gewisse Anpassungen braucht, denn die Realität ist eine andere, als es das derzeitige Recht vorgibt. Verbote sind kaum durchsetzbar; vor allem, weil sich alles auf internationaler Ebene abspielt. Die Juristen sollten akzeptieren, dass ein neues Medium da ist.

Bedeutet dies das Ende des geistigen Eigentums?
Martucci: Die Vorstellung des geistigen Eigentums ist veraltet. Den einen Autor gibt es nicht mehr, denn die heutige Welt ist dank der technischen Mittel extrem vernetzt. Jede Arbeit wird so zu einer Zusammenarbeit, auch in der Wissenschaft. Das 21. Jahrhundert wird im Zeichen solcher Kooperationen stehen. Zu sehen ist das an Wikipedia. Nie hätte man den Menschen zugetraut, dass sie dazu bereit sind, so viel von ihrem Wissen zur Verfügung zu stellen. Offensichtlich gibt es neben der monetären Motivation eben auch noch einen anderen Anreiz: das soziale Ansehen.

Was halten Sie von einer «Kultur-Flatrate»? Das wäre eine Steuer, mit der sich jeder finanziell an «der» Kultur beteiligen würde.
Martucci: Diese Option müsste man prüfen. An die Billag müssen schliesslich auch alle etwas bezahlen, obwohl sie auf das Programm gar keinen Einfluss haben. Allerdings wäre die Verteilung solcher Gelder problematisch. Man könnte zwar die Zahl der Aufrufe messen. Diese zu manipulieren, ist jedoch keine grosse Sache.

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