Bestsellerautor

Nur auf der Leinwand hat es Suter schwer

Auch die Leute, "die einem auf der Strasse blöd kommen", habe er in sich drin, sagt Schriftsteller Martin Suter (Archiv)

Auch die Leute, "die einem auf der Strasse blöd kommen", habe er in sich drin, sagt Schriftsteller Martin Suter (Archiv)

Bis auf Suters letztes Werk «Die Zeit, die Zeit» wurden alle seine zehn Romane verfilmt oder sollen verfilmt werden. Nun verzichtet sogar das Schweizer Fernsehen auf weitere Produktionen. Was läuft schief?

Martin Suter hat sich zurückgezogen, zum Schreiben. Er arbeitet am dritten Teil seiner «Allmen»-Serie. Die Suter-Machine läuft auf Hochtouren. Manche nennen ihn deshalb den «John Grisham der Schweiz». Denn nicht nur die Leser, auch die Filmproduzenten fühlen sich von seinen Stoffen angezogen, die so filmisch sind – da muss man einfach zugreifen. Bis auf sein jüngstes Werk, «Die Zeit, die Zeit» wurden in den letzten sechs Jahren alle zehn Romane von Martin Suter verfilmt oder sollen demnächst verfilmt werden. Einen solchen Rummel um einen Schweizer Schriftsteller hat es noch nie gegeben.

Es gibt noch einen Grund, weshalb Suter in der Filmwelt so beliebt ist: «Eine Produktion lässt sich eindeutig leichter finanzieren, wenn der Name Martin Suter im Spiel ist», sagt Anne Walser von der Zürcher Firma C-Films, die schon zwei Romane von Suter fürs Fernsehen produziert hat.

Zuletzt hat die renommierte Berliner Produktionsgesellschaft Teamworx («Rommel») zugeschlagen: Sie hat die Rechte der «Allmen»-Krimis und darf somit die beiden Bücher verfilmen. Die Rolle des halbseidenen Titelhelden Johann Friedrich von Allmen spielt der gefeierte deutsche Schauspieler Sebastian Koch («Das Leben der Anderen»).

Auch Allmen wird verfilmt

Das Budget des als ARD-Fernsehfilm geplanten «Allmen und die Libellen» beträgt rund 1,8 Millionen Euro. Drehstart sei «allerspätestens 2014», sagt Produzent Sascha Schwingel. Anschliessend wird sich entscheiden, ob auch «Allmen und der rosa Diamant» fürs Fernsehen adaptiert wird.

In der allgemeinen Euphorie um die Suter-Adaptionen geht eines aber unter: Suters Erfolg auf Papier – die Bücher verkauften sich über eine Million Mal – liess sich bisher nie auf Film übertragen. Die Quoten der beiden Fernsehfilme «Der letzte Weynfeldt» (2010) und «Der Teufel von Mailand» (2012), die als Koproduktionen zwischen dem Schweizer Fernsehen, dem ZDF und C-Films («Grounding») erschienen, waren nicht schlecht. Sie lagen aber, wie das Schweizer Fernsehen auf Anfrage mitteilt, unter dem Durchschnitt. Überraschend ist, dass dies am Leutschenbach niemand überraschte: Die Zahlen «entsprachen etwa den Erwartungen», sagt Liliane Räber, Redaktionsleiterin Fernsehfilm des Schweizer Fernsehens.

Die bescheidenen Quoten hatten indes eine Vorgeschichte. Den Premieren am Sonntagabend war nämlich eine folgenschwere Kommunikationspanne mit dem deutschen Partner vorausgegangen: «In bereits weit fortgeschrittener Projektentwicklung wurde erst klar, dass das ZDF auf dem Dreh in hochdeutscher Sprache besteht», erklärt Räber.

Die beiden Suter-Filme mussten also auf Schweizerdeutsch nachsynchronisiert werden. Unter solchen Umständen sei es «schwierig», dem Anspruch des Schweizer Fernsehens nachzukommen, «Schweizer Stoffe inhaltlich wie sprachlich authentisch zu präsentieren», sagt Räber. Deshalb kommt für sie eine «weitere Martin-Suter-Koproduktion zurzeit nicht infrage».

Die dunkle Seite des Mondes: Eine schwere Geburt

Wie anspruchsvoll es tatsächlich ist, einen «Suter» filmisch umzusetzen, erleben im Moment die Produktionsfirmen am Beispiel des hervorragenden Romans «Die dunkle Seite des Mondes» – gemäss der Bestsellerliste von «Amazon.de» immerhin Suters zweiterfolgreichstes Buch. Seit nunmehr über zehn Jahren doktern die Produzenten an einer Kino-Fassung herum.

Ursprünglich kaufte der Zürcher Produzent Marcel Höhn («Schweizermacher») Ende der Neunzigerjahre die Option auf die Rechte des Buches. Die Frist der Option endete, ohne dass ein Film entstand. «Mir lief die Zeit davon», sagt Höhn, der damals Suters Drehbuch «Beresina» produzierte. Schliesslich erwarb die französische Firma Quad mit ihrem Produzenten Nicolas Duval, der mittlerweile dank des Grosserfolgs von «Intouchables» als Branchen-Star gilt, die Rechte für das Buch. Wie viel dafür bezahlt wurde, wollen werder Quad noch Suters Verlag Diogenes sagen.

Detailliert Auskunft gibt Duval jedoch darüber, weshalb er die Rechte 2010 weiterverkaufte. «Wir versuchten während mehrerer Jahre, mit verschiedenen Autoren das Drehbuch zu entwickeln. Wir wollten eine englische Besetzung, konnten in der Topliga aber niemanden finden, auch konnten wir das Interesse der Studios nicht wecken. Wir hatten schon viel Geld ausgegeben, sahen aber keine Möglichkeit mehr, das Projekt zu realisieren. Wir kamen an einen Punkt, wo wir es als gescheiter betrachteten, das Projekt zu stoppen», sagt Duval.

Verkauft, aber noch keinen Regisseur

Einen Abnehmer fand der Franzose in der Schweiz. Thomas Sterchi, der auch schon den Oliver-Stone-Streifen über George W. Bush, «W», mitfinanzierte, erwarb die Rechte von «Die dunkle Seite des Mondes».

Im September 2010 hiess es, der gefragte deutsche Regisseur Oliver Hirschbiegel («Der Untergang») sei an Bord, das Drehbuch schreibe Hollywood-Autor David Marconi («Enemy of the State»), 2011 wolle man mit den Dreharbeiten beginnen.

Ende 2012 sieht alles ganz anders aus. Sterchi bestätigt, dass Hirschbiegel und Marconi nicht mehr dabei sind. Das Script sei in seinem Auftrag nochmals neu verfasst worden und er habe das Gefühl, den «Dreh» jetzt rauszuhaben, wie die «Magie des Romans» auf die Leinwand zu bringen sei. Drehstart ist aber erst im Herbst 2013 oder im Frühling 2014. Bis der Film im Kino kommt, würden also nochmals rund zwei Jahre verstreichen. Das wären dann rund 15 Jahre seit dem Verkauf der Rechte.

Diese haben es geschafft:

Werfen wir aber noch einen Blick auf Suter-Verfilmungen, die es schon auf die Leinwand geschafft haben.

Ganz untendurch musste 2006 «Un ami parfait» («Ein perfekter Freund»). Der Film der französischen Produktionsfirma Ognon Pictures mit einem Budget von knapp 5 Millionen Euro lief gerade mal drei Wochen und kam auf nicht einmal 37000 Zuschauer. Die Rechte des Films gingen schliesslich an die Produktionsfirma Studio 37, eine Filiale von France Télécom, nachdem Ognon in Konkurs gegangen war.

Nicolas Duval, der Produzent, der die Rechte von «Die dunkle Seite des Mondes» an Sterchi verkaufte, brachte 2010 Suters ersten und gemäss Amazon bisher erfolgreichsten Roman «Small World» ins Kino. Der Film mit Gérard Depardieu in der Hauptrolle spielte weltweit immerhin rund 4 Millionen Euro ein. Trotzdem, sagt Duval, sei er «tatsächlich ein bisschen enttäuscht gewesen, dass der Film nicht besser lief». Hatte das Budget doch gut 6,3 Millionen Euro betragen.

Ähnlich erging es «Lila, lila» (Budget: 3,5 Millionen Euro), einer Koproduktion zwischen der Schweiz und Deutschland mit Daniel Brühl in der Hauptrolle. In der Schweiz erreichte man zwar etwas mehr als die angestrebten 50000 Besucher, im riesigen deutschen Kinomarkt ging der Film mit rund 125000 Zuschauern aber unter.

Alain Gsponer, der Schweizer Regisseur des Films, der später auch für «Der letzte Weynfeldt» hinter der Kamera stand, sagt: «Die grösste Herausforderung bei einem Suter-Roman besteht darin, die ausgeprägten Innenleben der Hauptfiguren filmisch umzusetzen.» Bei «Lila, lila» sei man zudem davon ausgegangen, dass der Name Martin Suter in Deutschland mehr Ausstrahlung hätte. Ein Testscreening in Hamburg zeigte 2008, dass man den Schweizer Schriftsteller – zumindest damals – in Norddeutschland noch nicht so gut kannte.

Martin Suter selber äusserte sich Anfang Dezember in einem Interview mit der deutschen Zeitschrift «TV Spielfilm» zu den Verfilmungen seiner Romane folgendermassen: «Der Film- und TV-Markt ist viel strenger aufgeteilt in Zielgruppen und Gattungen. Man darf die Gattungen nicht mischen, sonst kommen die Leute nicht. Wenn die in einen Thriller gehen, wollen sie keine Elemente aus der Romantic Comedy sehen. In meinen Romanen mische ich aber sehr gern die Genres.»

In der Pipeline: Der Koch

Trotzdem lässt sich nun auch Anne Walser von C-Films auf das Abenteuer Kino ein. Die Produzentin will Suters höchst erfolgreiches Buch «Der Koch» auf die Leinwand bringen. Das Budget beträgt zirka 4 Millionen Franken. C-Films plant eine internationale Besetzung und ist derzeit in London mit dem Casting beschäftigt.

Walser glaubt angesichts der guten Produktionsvoraussetzungen an einen Publikumserfolg, und weil die Geschichte «sehr sinnlich und urban ist und in verschiedenen Welten spielt». Der Film soll im Spätsommer 2013 gedreht werden. Wer das Buch gelesen hat, weiss: «Der Koch» ist wieder ein Suter-Stoff, der eigentlich wie geschaffen ist für die Leinwand.

Die Verfilmung von Martin Suters «Der letzte Weynfeldt» wird am Samstag, 5. Januar, um 21.45 Uhr im ZDF ausgestrahlt.

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