Das Berufsbild des Künstlers ist von Mythen umnebelt. Für das kollektive Bewusstsein prägend sind immer noch der romantische Genie-Kult und sein kleiner Bruder: der Bohème-Künstler. Er ist der Freigeist des 20. Jahrhunderts, ein Pionier in Sachen alternativer Lebensentwürfe, der sich um bürgerliche Konventionen und Profanes wie Altersvorsorge oder Steuerrechnung foutiert.

Mittlerweile ist dieser Typus zum Fossil in der Kunstwelt geworden. Abgelöst wurde er durch den Künstler als Selbstoptimierungs-AG. Mit mindestens einem Bachelor oder Master in der Freitag- Tasche ist dieser Kreative, Frauen mitgemeint, wiederum ein Pionier. Er ist der Prototyp des flexiblen, nomadisierenden Kleinunternehmers, der von Projekt zu Projekt eilt. Er ist das Produkt einer Entwicklung, die in den Neunzigerjahren unter der Flagge «Professionalisierung der Künste» Fahrt aufnahm.

Mittlerweile strömen jährlich einige Tausend Abgänger aus den Türmen der Kunsthochschulen auf den Schweizer Markt. Dort gilt vorerst diese Spielregel: Bevor beispielsweise ein junger Regisseur bei grossen Bühnen unterkommt, hat er sich auf der freien Wildbahn, als eigener Produzent und Kreativ-Direktor in Personalunion zu behaupten. Die Ansprüche sind hoch, die Konkurrenz im Rennen um öffentliche und private Fördergelder und Auftrittsmöglichkeiten gross.

Pioniere in Basel

Das ProduktionsDOCK in Basel ist schweizweit das Erste seiner Art. Ein freies Produktionsbüro für zeitgenössischen Tanz, Theater und Performance. Seit drei Jahren arbeiten Bernhard la Dous, Larissa Bizer, Franziska Schmidt, Christiane Dankbar unter einem Dach. Sie sind Produktionsleiter. Ein Berufsbild, das sich parallel zu demjenigen des Künstlers als Kleinunternehmer herausgebildet hat. Sie sind Partner und Berater der Regisseure, Tanz- und Theatergruppen.

Ihr Job: Sie halten den Kreativen den Rücken frei, indem sie deren Produktionen von A bis Z organisatorisch abwickeln. Neu am Modell des Basler Büros ist, dass sich Produktionsleiterinnen und -leiter zusammenschliessen. Sie teilen sich Know-how, Website, Kontakte zu Geldgebern, Festivals und Theaterhäusern. Das Büro betreut 15 Gruppen aus Basel oder solche, die mit Basler Institutionen wie der Kaserne oder dem Roxy Birsfelden koproduzieren. Gestandene Namen wie die Choreografin Tabea Martin, die Regisseurin Beatrice Fleischlin oder die Gruppe CapriConnection zählen ebenso dazu wie die neueren Formationen vorschlag:hammer und Latinlover.

Mit diesen Künstlern stemmt das Büro acht bis zehn Premieren pro Jahr inklusive Betreuung der Gastspiele. Gerade im Verkauf der Produktionen an Festivals und Gastspielhäuser im In- und Ausland erweist sich die Zusammenlegung der Kräfte als erfolgreich. Das gemeinsame Portfolio hat Ausstrahlung. Das Netzwerk wächst von Jahr zu Jahr.

Die lange Reise bis zur Premiere

«Wir teilen uns zu fünft 400 Stellenprozente», erklärt Larissa Bizer. «Insgesamt setzen wir pro Jahr zirka 800 000 Franken um. Eine Produktion kostet im Schnitt 100 000, je nach Grösse.»

Die Zahl umreisst den Aufwand, den jedes Stück erfordert: Dossiers und Budgets erstellen, Koproduktionspartner und Auftrittsmöglichkeiten suchen, Fördergelder akquirieren, Verträge ausarbeiten, Lohnverhandlungen führen, Termine, Proberäume, Unterkünfte und Reisen organisieren, Flyer und Plakate entwerfen und verteilen, Pressearbeit abwickeln. Am Ende dieser rund einjährigen Reise kommt dann die Premierenfeier. Danach gilt es Gastspiele zu organisieren, die Produktion abzurechnen, Lohnausweise auszustellen, den Schlussbericht für die Geldgeber zu schreiben.

«Reich wird man damit nicht», konstatiert Bizer. «Will man 30 000 oder gar 40 000 Franken im Jahr verdienen, muss man unheimlich Gas geben.»

In Sachen Löhne sitzen die Produktionsleiter demnach im selben Boot wie die Künstler. «Ich will überhaupt nicht jammern», sagt Bizer. Aber im Gespräch mit der 37-Jährigen wird auch klar: Das ist ein Knochenjob. Viele, die sich darin versuchen, streichen nach einiger Zeit die Segel. Zu unsicher ist das Einkommen, zu wenig absehbar die Perspektiven. Dazu kommt: Die Ansprüche der Geldgeber steigen stetig. Der bürokratische Aufwand wächst. Ohne saubere AHV- und Lohnabrechnung geht auch im freien Theater nichts mehr. Grosse Stiftungen wie die Pro Helvetia oder die Migros sprechen nur Gelder, wenn mindestens acht Gastspiele in drei Kantonen der Schweiz garantiert sind. Da muss sich sputen, wer an den Fördertopf will.

Ein Fördermodell entsteht

Das ProduktionsDOCK ist auch insofern ein Pioniermodell, als dass es das erste solche Büro in der Deutschschweiz ist, das staatliche Unterstützung erhält. 2017 wurde, damals noch unter der Ägide von Philippe Bischof, ein Pilot gestartet. Das Büro erhält für zwei Jahre je 35 000 Franken an die Infrastrukturkosten. Dafür verpflichtet es sich, eine Volontariatsstelle anzubieten. Nach Gesprächen mit der Kulturabteilung von Basel Stadt wird die Unterstützung 2019 fortgesetzt.

«Die Förderung von Produktionsleitenden ist in der ganzen Schweiz ein Thema», sagt Katrin Grögel, Co-Leiterin der Kulturabteilung. «Es gibt Handlungsbedarf in diesem Bereich. Wir wollen damit auch die Ausbildung von Fachkräften fördern, deshalb ist eine Volontariatsstelle Teil der Abmachung», so Grögel. «Es geht also um eine strukturelle Unterstützung und um Nachwuchsförderung.»

Zudem sei es wichtig, Produktionsleiterinnen und -leitern ein Know-how- Sharing zu ermöglichen und dadurch den Freien Gruppen Kontinuität. «Jedes Mal, wenn jemand aufhört, ist damit auch ein grosser Wissensverlust verbunden.»

Elena Conradt konnte ein Jahr lang beim ProduktionsDOCK die Volontariatsstelle besetzen. Sie arbeitete schon vorher in diesem Bereich, konnte ihr Wissen nun aber entscheidend vertiefen, wie sie sagt. Seit September ist sie fix zum Team hinzugestossen. Ihr ist bei der Berufswahl bewusst, auf was sie sich einlässt. «Wir tragen extrem viel Verantwortung im Vergleich zum Einkommen. Schliesslich betreuen wir teilweise Produktionen mit bis zu 20 Angestellten.»

Angestellte, die sich wegen der Arbeit der Produktionsleiter voll und ganz auf ihre Kunst konzentrieren können. Es wächst die Einsicht, dass der Spagat zwischen Kunst und Buchhaltung kaum mehr in Personalunion zu bewältigen ist. Welche neuen Fördermodelle dieser Erkenntnis gerecht werden könnten, darüber wird in der Schweizer Theaterszene derzeit intensiv diskutiert (siehe Kasten).