Klassik

Pianist Teo Gheorghiu sagt: «Ich bin ein Sozialist»

Er möchte in den besten Konzerthallen der Welt auftreten: Teo Gheorghiu

Er möchte in den besten Konzerthallen der Welt auftreten: Teo Gheorghiu

Der in Zürich und London aufgewachsene Pianist Teo Gheorghiu hat sein Leben der Musik verschrieben - er interessiert sich aber auch für Politik. «Was im Moment abgeht, zeigt die schlechten Seiten des Kapitalismus», sagt er.

Sie beginnen im Herbst in London eine weitere Pianistenausbildung. Können Sie überhaupt noch besser werden?

Teo Gheorghiu: Ich kann und will mein ganzes Leben lang dazulernen. Es gibt Hunderte von Jahren Musikgeschichte, jeder Komponist hat auch seine persönliche Geschichte. Das lässt Spielraum für Interpretationen und verschiedene Stile. Ich habe noch viel zu tun (lacht). Was ich aber sicher weiss: Pianist ist mein Traumjob.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Dieses Jahr ist entspannter, ich habe mehr Zeit zum Üben, weil ich nicht mehr im College bin, wo es Aufgaben, Essays und Prüfungen gab. Jetzt spiele ich vier bis fünf Stunden pro Tag. Vor einem Konzert versuche ich, mich zu entspannen und die Konzentration zu finden. Ich gebe aber bewusst nicht allzu viele Konzerte.

Warum nicht?

Damit ich mehr Zeit habe, um mich weiterzuentwickeln Es braucht nicht viel, um ein Stück technisch richtig zu spielen, es braucht aber viel, um ein Stück zu erarbeiten. Das ist wie eine Reise. Früher hatten die Pianisten mehr Zeit, um ihren eigenen Stil zu finden. Alle waren einzigartig. Heute dreht sich alles um Business, Geld und Verträge. An Musikwettbewerben zählen leider mehr das korrekte Abspielen der Noten und die richtige Phrasierung statt die Interpretation und die persönliche Note.

Ihre Ausbildung an der Royal Academy of Music in London wird drei Jahre dauern. Was ist Ihr langfristiges Ziel?

Ich will um die Welt reisen und die Menschen mit meiner Musik berühren. Ich möchte in den besten Konzerthallen der Welt auftreten.

Spielt es da eine Rolle, aus welchem Land ein Pianist stammt?

Nein. Für Plattenverträge jedoch ist der Heimmarkt schon ausschlaggebend. Wenn man aus einem grossen Land kommt, das an klassischer Musik interessiert ist, fliessen die Einnahmen. It’s all about the money!

Verdienen Sie bereits viel Geld?

Ich verdiene genug, aber mache vor allem eine teure Ausbildung. Ich bin ja erst 19 und brauche nicht viel. Ohnehin spiele ich nicht Klavier um des Geldes willen, auch wenn es schön ist, dafür bezahlt zu werden. Mein Ziel besteht nicht darin, reich zu werden. Würde ich im Lotto gewinnen, würde ich das Geld für gute Zwecke ausgeben.

Spielt die Gage keine Rolle, ob Sie eine Konzertanfrage annehmen oder nicht?

Nein. Das Orchester muss gut sein die Halle toll oder das Publikum besonders interessiert. Das sind Gründe, um ein Konzert zu geben.

Sie wurden mit dem Film «Vitus» berühmt. Fluch oder Segen?

Sicher kein Fluch! Der Film war eine tolle Erfahrung und hat meine Karriere beflügelt. Agenten wurden auf mich aufmerksam. Es ist aber nun sieben Jahre her, ich sehe anders aus und habe seither keine Filme mehr gemacht. Trotzdem werde ich ständig auf «Vitus» angesprochen, was mich erstaunt. Ich hoffe, die Menschen erinnern sich irgendwann nicht nur an meine Filmrolle, wenn sie mich sehen.

Trailer zum Film «Vitus» von Fredi M. Murer (2006)

Trailer zum Film «Vitus» von Fredi M. Murer (2006)

Würden Sie gern wieder als Schauspieler arbeiten?

Ja. Jedoch fehlt mir die Zeit dazu. 24 Stunden pro Tag sind nicht genug Zeit für einen Klavierspieler.

«Vitus» zeigt das Leben eines jungen, hochbegabten Pianisten. Gibt es Ähnlichkeiten zu Ihrer Jugend?

Nein. Ich hatte tolle Eltern. Sie zwangen mich zu nichts, ermöglichten mir aber alles.

Sie spielten bereits mit fünf Jahren Klavier. Realisierten Sie damals, dass Sie ein spezielles Talent besitzen?

Überhaupt nicht. Meine Mutter sagte mir, dass ich sehr gut sei – aber welche Mutter macht das nicht? Mit
9 fand man heraus, dass ich das absolute Musikgehör habe. Ich bekam ein Stipendium, auf das ich mich selbstständig vorbereitete.

Und wie bemerkten Ihre Eltern Ihr Talent?

Meine Mutter war wieder schwanger, viel zu Hause und kaufte sich ein Klavier. Da bemerkte sie, dass ich darauf nicht irgendwie herumklimperte, sondern offenbar bereits Melodien spielte. Sie schenkte mir deshalb auf den Geburtstag Klavierstunden, an die ich mich jedoch nicht mehr erinnere.

Haben Sie manchmal das Gefühl, etwas von Ihrer Kindheit verpasst zu haben?

Nein, denn ich bin eigentlich ganz normal. Ich liebe es, Fussball zu spielen ...

... ist das nicht viel zu riskant? Die Hände eines Pianisten sind wertvoll.

Es ist zum Glück noch nie etwas Schlimmes passiert. Ich fahre nicht Ski – aber nur, weil ich es nie gelernt habe (lacht). Und ich fahre nicht Auto – weil ich keinen Fahrausweis habe. Ich hänge aber gern mit Freunden rum und gehe aus. Vielleicht wirkt ein Pianist auf manche Menschen seltsam. Was nicht bedeutet, dass ich seltsam bin. Vielleicht ist es komisch, dass ich die klassische Musik verehre. Aber ich mag auch Jazz und Rock’ n’ Roll. Es gibt noch so viel mehr in meinem Leben als das Klavier. Ich lese viele Bücher, intelligente Bücher, nicht nur Krimis. Das hat auch Einfluss auf das Klavierspielen. Ich versuche, Literatur aus allen möglichen Epochen zu lesen. Das hilft mir bei der Umsetzung der Musik.

Sie spielen diesen Sommer am Lucerne Festival...

... was eine grosse Ehre ist! Es ist eines der grössten Festivals der Welt. Leider ist mein Auftritt nicht im KKL, ich wünschte mir, eines Tages am Festival im KKL spielen zu dürfen. Es ist eine super Konzerthalle.

Sie wohnen in London, ihre rumänischen Eltern in Zürich. Wie ist Ihre Beziehung zur Schweiz?

Ich kehre immer gern in die Schweiz zurück. Die Schweiz ist wunderschön. In Zürich habe ich den See, die Limmat, gutes Nachtleben, die Tonhalle und das Opernhaus. Wobei ich selten das Opernhaus besuche. Es ist schlicht zu teuer, das unterstütze ich nicht. Das ist einer der Gründe, wieso die klassische Musik in der Krise steckt. Konzertbesuche sind zu teuer. Wie sollen sich junge Menschen einen Besuch im Opernhaus leisten können?

Die meisten Jugendlichen gehen ohnehin lieber ins Kino oder an ein Pop-Konzert.

Auch das Kino ist viel zu teuer in der Schweiz. Klar, dafür ist in der Schweiz alles perfekt.

Interessieren Sie sich für Politik?

Sehr. Ich bin ein Sozialist. Was im Moment abgeht, zeigt die schlechten Seiten des Kapitalismus.

Viele Künstler haben sozialistische Ansichten, weil ihre Kunst im Wettbewerb nicht bestehen könnte.

Ich arbeite aus Liebe zu meinen Job. Ein Banker tut das nicht, er ist geblendet vom Geld und merkt nicht mal, was er Falsches tut. Aber ich bin nicht Che Guevara. Auch ich spiele im System mit und trete nicht gratis auf.

Der Mensch strebt nun mal nach mehr.

Man könnte immer noch nach mehr streben. Aber nicht in unseren exzessiven Ausmassen. Wieso streben wir nach immer mehr Geld? Gier ist keine Qualität!

Bei ihren Auftritten spielen Sie oft vor Top-Politikern und Wirtschaftsführern, die Sie da eben hart kritisieren.

Ja, ich traf zum Beispiel mal Prinz Charles und seine Frau. Was zum Teufel haben die am 60-Jahr-Jubiläum der Queen gemacht? Sie nehmen ihre Vorbildrolle nicht wahr und schmeissen Steuergelder zum Fenster raus. Die haben überhaupt keine Legitimation.

Haben Sie das Prinz Charles so gesagt?

Natürlich nicht.

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