Ausgerechnet der schönste Moment will nicht so recht hineinpassen. Der junge Toggenburger Jakob Breiter (sympathisch: Mario Fuchs) sitzt spätnachts mit dem Chef de Service Vittorio an einem Tischchen im Palace Hotel in St. Moritz, trinkt gestohlenen Margaux und lässt sich die Welt erklären.

«Was verstehst du schon vom Leben», ruft der liebenswert schwermütige Vittorio (Guillermo Garcia), «nur Nebel!» Dann holt er aus: Leute wie sie, Jakob und er, die werden nie zu den grossen Fenstern kommen. Sie bewegen sich in den Zwischengängen, bei den kleinen Fenstern, hinter den schönen Salons, den mondänen Partys. Und so wird es auch bleiben.

Aber das «Toggeburgerli» Breiter glaubt ihm nicht. Er wird es ganz nach oben schaffen, er wird es allen zeigen! Vittorio lächelt traurig. Und der ganze Saal seufzt. Hören tut man das nicht. Alle Zuschauer tragen Kopfhörer, ohne die der BelleEpoque-Saal im Basler Grand Hotel Les Trois Rois in dieser Funktion nicht auskommt. Er dient die nächsten paar Tage als Aufführungsort des ersten Teils einer Theaterserie, die in vier Teilen den Roman «Polarrot» des Baslers Patrick Tschan inszeniert.

Jeder Teil findet woanders statt und wurde fast ausschliesslich (in diesem Teil alle bis auf Mario Fuchs) mit Laienschauspielern besetzt. So wird mit Charme statt Profi-Können gepunktet, was bei Figuren wie Vittorio oder der englischen Lady Adele (Beatrix Castellote-Iselin) auch einwandfrei funktioniert.

Bei manch anderen ufert es in ulkigen Slapstick aus, unterstrichen von klimperndem Swing, zu dem die Darsteller schier unablässig rumwirbeln, -torkeln, -albern und -hüpfen. Das macht den Moment zwischen Vittorio und Breiter so zauberhaft: Er ist ganz ruhig.

Der Überraschungsgast

Aber auch in den überdrehten Momenten ist nicht alles verloren: Hier holt ein unter Opernliebhabern bekanntes Gesicht die Gesellschaft wieder auf den weissen Boden (die Protagonisten nennen es «Eis», als Zuschauer kommt man fast nicht um die Assoziation «Glatteis» herum): Pawel Jiracek, Operndramaturg und baldiger Operndirektor am Theater Basel, singt als Refrainsänger mit Flügel-Begleitung deutsche Salonlieder.

Das ist herrlich, es fängt die Darsteller von ihrem Tanz auf dem Glatteis auf und hält die Geschichte zusammen, in der Jakob Breiter eine reiche Russin übers Ohr hauen will, scheitert und aus dem Hotel geschmissen wird. Ob er es wirklich an die grossen Fenster schaffen wird? Wer «Polarrot» gelesen hat, weiss es. Der Rest muss sich weiter aufs Glatteis trauen.

«Polarrot»: Theaterserie in vier Folgen. Bis 1. Juni. Theater Basel.