Filmfestival Venedig Pipilotti Rist Michael Moore
Selbst Politik wird zur Unterhaltung

Am Filmfestival von Venedig sorgen Pipilotti Rist und Michael Moore mit ihren Filmen und Silvio Berlusconi mit seiner Filmpolitik für Aufsehen.

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Walter Ruggle

Schier unerträglicher Helikopterlärm prägte akustisch die Eröffnung des 66. Filmfestivals auf dem Lido in Venedig. Drei Stunden lang kreisten zwei Maschinen über dem Hotel des Bains, das spätestens seit Viscontis «Morte a Venezia» auch jenen bekannt ist, die sich kaum je ein Zimmer dort leisten können. Der Grund für die Unruhe: 100 Globalisierungsgegner hatten sich eingefunden, um auf die desaströse Kulturpolitik der Regierung Berlusconi aufmerksam zu machen. Hunderte von Polizisten hinderten sie am Zutritt und liessen das Lido als Ort im Belagerungszustand erscheinen.

Filmisch eröffnet wurde das Festival parallel dazu mit dem italienischen Spielfilm «Baara», in dem Giuseppe Tornatore in seine sizilianische Kindheit zurückreist und Italiens Geschichte über drei Generationen hinweg erzählt. Produziert hat diesen Film die Firma Medusa und Medusa ist im Besitz von jenem Mann, der am liebsten alle Medien unter Kontrolle hätte: Silvio Berlusconi.

Er ist der erste vom Volk gewählte König und derzeit mehr denn je unter Beschuss: 260 000 Menschen haben bereits einen Aufruf der Zeitung «Repubblica» unterzeichnet, in dem es darum geht, die Meinungsfreiheit im Land zu erhalten. Diese ist, wie gerade das Festival wieder zeigt, keine Selbstverständlichkeit: Berlusconi selber will der Zeitung verbieten, Fragen über seine Beziehungen zu Mädchen und Callgirls zu stellen. Und andere Vertreter seiner Politik haben am Samstag erwirkt, dass der rumänische Spielfilm «Francesca» von Bobby Paunescu nach seiner ersten Aufführung einstweilen nicht mehr gezeigt werden kann.

Alessandra Mussolini und Veronas Bürgermeister Flavio Tosi konnten es nicht ertragen, dass ihr politisches Handeln in den Dialog dieses Wettbewerbsbeitrags eingeflossen ist und im Kino für Szenenapplaus gesorgt hat. Dabei hat Paunescu nichts anderes gemacht als die Wahrnehmung von Realitäten umgekehrt. Francesca, eine junge Rumänin, möchte nach Italien arbeiten gehen und wird von ihren Eltern und Freunden zu Hause in Bukarest beschworen, das doch nicht zu tun, indem diese die Vorurteile, die im Westen zu den Menschen aus Rumänien existieren, auf unterschiedliche Art in der Fragwürdigkeit von Pauschalisierungen entlarven.

«Nur in Italien gibt es einen Premierminister wie diesen», scherzte Festivalgast Michael Moore, der am Sonntag in Venedig seinen neusten Film, «Capitalism: A Love Story», vorstellte und die Schlagzeilen so sehr beherrschte, dass Pipilotti Rists «Pepperminta» in den Wochenendausgaben nur mit einem Bild präsent war. Darauf springen Rist und ihre Crew jauchzend in die Luft und scheinen zu fliegen vor Glück.

Rist und Moore? Zwei Welten, würde man meinen, aber der Festivalalltag bringt sie zusammen. Die Schweizer Videokünstlerin, deren Arbeiten sonst in Museen stehen, hat sich ins lineare Medium Kino gewagt und zum ersten Mal einen Spielfilm realisiert, bei dem man «spiel!» und «Film» getrennt und als Ausruf schreiben müsste.

Der US-Amerikaner Moore hat sich mit kindlich einfachen Fragen die Realität in seiner Heimat vorgenommen und liefert Beobachtungen zum Wirtschaftskollaps und zur Ausbeutung. Man sagt, das sei der erste Dokumentarfilm, der es in Venedig in den Wettbewerb geschafft hat, aber eigentlich ist die Art des Filmemachens von Moore auch eine spielerische. Rist und Moore? Die beiden grundverschiedenen Bildschaffenden eint ein nicht unwesentlicher Ansatz: Sie haben und sie pflegen einen im besten Sinn kindlichen Blick auf die Welt: unbelastet von Konventionen, mit eigenen Spielregeln, frisch, wild, bunt und frech drauflos.

Bei «Pepperminta» braucht man sich keine tiefschürfenden Gedanken zu machen, denn Rist erzählt ganz einfach von Momenten der Glücksfindung. Sie spielt zu deren Vermittlung mit den visuellen Mitteln, die das Medium Film ihr bietet, mit Farben, Rhythmen, Formen, sie pflegt die Sinnlichkeit, erweitert ihre bisherigen Installationen und Videos zu einem Filmwesen, lässt uns darauf reiten und in einem kindlichen Sinn sehen und staunen. Wie ungewohnt das ist, hat man an der Pressekonferenz gespürt, wo eine der Fragen lautete: Kann man so etwas überhaupt ins Kino bringen? Eine Frage, die mehr über unsere Zeit und den Kinobetrieb aussagt als über Rists Film, der nichts mehr will als einfach Freude bereiten.

Und da wären wir wieder bei Michael Moore, der von einem System berichtet, jenem des Kapitalismus, in dem nur zählt, was Geld macht, und das ein System von Geben und Nehmen ist, vor allem Nehmen. Moores Filme sind auf Entertainment angelegt, wenn der neue sich formal sowohl in der Montage als auch in der Verwendung der Musik ans russische Revolutionskino anlehnt und auf Agitation macht. Stören wird er den Kapitalismusbetrieb damit nicht weiter, denn der will ja «entertaining» sein.

Am Tag, an dem Michael Moore auf dem Lido eintraf, kam auch der wichtigste Star des Festivals an: Patricia Daddario. Nicht bekannt? Nun, hier kennt sie jeder. Das ist jenes Callgirl, das gern und viel von ihren Neststündchen mit Silvio plauderte. Vielleicht ist Politik eben auch nur noch dies: Unterhaltung.

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