Bildersturmverbot

Spezielle Kunst: Wenn die Meister ihre Werke selber zerstören

Banksy’s «Love In The Bin» wurde noch im Auktionshaus verschreddert. Bild: Getty Images

Banksy’s «Love In The Bin» wurde noch im Auktionshaus verschreddert. Bild: Getty Images

Feuer, Schredder und Maden: Mit künstlerischen Strategien wird dem Bildersturmverbot ein Schnäppchen geschlagen.

Der Auktionator von Sotheby’s London hatte soeben den Zuschlag über 1,3 Millionen Dollar für ein Bild des Zeitgeistkünstlers Banksy gegeben, als ein im Rahmen eingebauter Schredder seine Arbeit aufnahm. Ein entgeistert-begeistertes Publikum verfolgte live die Zerstörung eines Millionenwerks, inszeniert als künstlerischer Akt.

Banksy, so die kunsthistorische Einordnung, habe damit den Bildersturm nicht den Bilderfeinden überlassen, sondern selbst Hand angelegt. Er setze damit ein Zeichen gegen die Vereinnahmung von Kunst durch den Markt. In dieser Absicht ist er allerdings grandios gescheitert. Denn den kommerziellen Wert seines Werkes hat er damit nicht geschmälert. Im Gegenteil; die Teilzerstörung wurde vielmehr zur Vollendung des Werks.

Sich selbst zerstörende Kunst findet sich seit den 1960er-Jahren. Gustav Metzger bemalte etwa Vinylfolien mit Säure, die sich daraufhin auflösten. So wie von den Bildern nichts übrig blieb, ist allerdings auch vom 2017 verstorbenen Aktionskünstler Metzger kaum mehr die Rede.

Ein lustvoller Zerstörer seiner Kunst war der Schweizer Plastiker Bernhard Luginbühl. Vor allem in den 1990er-Jahren trat er als «Verbrennungskünstler» auf, als er seine grossen Holzskulpturen in Brand setzte. Er feierte sich damit als Künstler, der es nicht nur in der Hand hat, Kunst der Welt zu geben, sondern auch, sie der Welt wieder zu nehmen.

Luginbühl hat seine Holzskulptur verbrannt. Bild: Keystone

Luginbühl hat seine Holzskulptur verbrannt. Bild: Keystone

Zur Meisterschaft der bloss vorgeblichen Selbstzerstörung hat es der Schweizer Dieter Roth gebracht. In seiner «Vergänglichkeitskunst» liess er Maden und dem Schimmel freien Lauf, um seine organischen Werke in eine unappetitliche wie kaum konservierbare Endform zu bringen. Sein Atelier wurde mehrfach wegen Geruchsbelästigung geräumt, und ein Teil der Werke landete tatsächlich auf dem Müll.

Dieter Roth liess seine Kunst vergammeln.

Dieter Roth liess seine Kunst vergammeln.

Andere sind jedoch als Restformen erhalten geblieben; ­«Fetische», wie sie ein Kunstexperte nennt, deren Behandlung an den kirchlichen Reliquienkult erinnere.

Ein harziger Diskurs über Kreativität und Endlichkeit

Eine offensive Zerstörung alter Kunst pflegt der chinesische Künstler Ai Weiwei. Genüsslich lässt er sich fotografieren, wie er eine wertvolle Vase aus der Han-Dynastie fallen lässt, die ihm dann in Scherben zu Füssen liegt. Oder er taucht 4000-jährige chinesische neolithische Vasen in billigen farbigen japanischen Hartlack. «Kalkulierte Barbarei» bezeichnet ein Ai-Weiwei-Exeget die Aktionen. Der Protest bleibt aus, solange die Zerstörung der Kunst als Kunst überhöht werden kann.

Kunst lässt sich allerdings auch real entsorgen. Am Basler Kunstevent «Regionale» stellte eine Künstlergruppe 2010 eine sorgsam bemalte Mulde auf, in der sie ausrangierte Werke beerdigte. Die eigentlich profane Wegwerfaktion legitimierten sie mit der Begründung, sie hätten einen «Diskurs über Kreativität und Materialität, Endlichkeit und Absatzmärkte» in Gang setzen wollen.

Artifizieller agierte die Berner Kunsttruppe Le4+A vor vier Jahren. 800 Zeichnungen und Gemälde wurden zerlegt und nach Material sortiert. Achtzig Kilogramm Brennbares wurden der Kehrichtverbrennung überantwortet «und in Wärme verwandelt», was bereits einen künstlerischen Mehrwert darstellte. Dreissig Kilogramm wurden sorgsam in die Stadtgärtnerei verfrachtet und zusammen mit weiterem organischem Material zu Kompost verarbeitet. Zwei Jahre später fand die Aktion ihren Abschluss, indem Quartiere mit «Kunstkompost geimpft» wurden. Konkrete Auswirkungen der Kunstinfektion sind allerdings nicht erkennbar geworden.

Der Zwang, kulturelle Werke unangetastet zu bewahren, ist historisch eine eher neuere Erscheinung. Problemlos übermalten Künstler in früheren Jahrhunderten ihre Gemälde, wenn sie sich etwa keine neuen Leinwände leisten konnten.

Unbelastet ans Werk gehen heutzutage praktisch nur noch Putzkräfte. Legendär ist ein Düsseldorfer Hausmeister, der eine «Fettecke» im Eimer abtransportierte. Dabei war sie von Joseph Beuys dort sorgsam drapiert worden. 2011 schrubbte eine Putzkraft eine Gummiwanne von Martin Kippenberger sauber.

Im vergangenen Jahr entleerte eine gewissenhafte Person in Italien einen überquellenden Abfalleimer, der allerdings ein Kunstwerk war. Weniger ­erfolgreich war eine Kollegin vor drei Jahren in Mannheim. Sie warf eine goldfarbene Rettungsfolie als vermeintlichen Abfall in die Tonne. Die Künstlerin reagierte und integrierte die Mülltonne samt abgerissener Folie in ihre Installation.

Autor

Christian Mensch

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