Nachruf
Tod eines Magiers

Der Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez ist mit 87 Jahren gestorben. Er verstand sich als linker Aktivist und musste deshalb 1981 von Kolumbien nach Mexiko fliehen. Seine grosse Themen waren die Liebe, Leidenschaft und Vergänglichkeit.

Uwe Stolzmann
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Gabriel García Márquez (1927-2014): Der Weise aus Südamerika hat die Menschen weltweit verzaubert.

Gabriel García Márquez (1927-2014): Der Weise aus Südamerika hat die Menschen weltweit verzaubert.

Miguel Tovar/KEY

Es war Mitte der 1980er-Jahre, ein Montagmorgen an einer Uni nahe der Ostsee, als ich Merkwürdiges erlebte: Die Kommilitonen gingen seltsam aufgekratzt zur Vorlesung – wegen eines Buchs. Sie schwärmten, dann zeigten sie Selbstgemaltes, Stammbäume der Protagonisten, an Sonntagsstunden zu Papier gebracht. Verrückt. Was mochte das für ein Wunderautor sein? García Márquez. Schon gelesen? Nein. Das Werk ist Pflicht! Ich würde dennoch nichts von ihm lesen, das wusste ich, denn der Eifer der Kollegen wirkte missionarisch. Und ein Buch, das einen Stammbaum brauchte, handgefertigt, nun, das roch nach Lesearbeit, nicht nach Vergnügen.

Ich habe den Roman dann doch gelesen, «Hundert Jahre Einsamkeit», und die Erschütterung bei der Lektüre fühle ich noch heute. Was für ein Anfang: «Viele Jahre später sollte der Oberst Aureliano Buendía sich vor dem Erschiessungskommando an jenen fernen Nachmittag erinnern ...» Und was für ein Stoff: die Biografie der Familie Buendía, Gutentag, über sechs Generationen. Das Porträt eines Kaffs zwischen Bergen und Meer, eines fiktiven Kaffs, Macondo, das realer wirkt als die meisten realen Orte der Welt. Eine Geschichte der Wunder: Remedios, die Schöne, fährt zum Himmel; ein Held überlebt Aufstände wie Attentate im Dutzend, und die Figuren tragen die immer selben Namen: José Arcadio und Aureliano, Amaranta und Ursula. Dieser Erzähler liess mich staunen. Bei jedem Buch aufs Neue.

Gabriel García Márquez, für Freunde nur «Gabo», ein paar Stichpunkte: geboren 1927 oder 1928 in Aracataca, Kolumbien, einem Kaff zwischen Bergen und Meer. Jesuitenschüler, Jurastudent, Journalist. Verfasser grosser Reportagen, etwa «Das Abenteuer des Miguel Littín» (über Chile unter Pinochet) oder «Nachricht von einer Entführung» (über die Drogenmafia). Miterfinder des «magischen Realismus», wie wir ihn heute kennen. Gabo hat das Etikett abgelehnt; er wusste, bei wem er als Literat in die Schule gegangen war. Bei William Faulkner. Und bei einem Prager Juden deutscher Zunge: Franz Kafka.

Was waren Gabos Themen? Die Liebe. Die Leidenschaft. Die Vergänglichkeit. Und Gewalt, die «Violencia» im Land und auf dem Kontinent. 1967 erschien «Cien años de soledad», «Hundert Jahre Einsamkeit»; 1982 bekam der Verfasser dafür den Nobelpreis. Einsamkeit – der Begriff wurde zur Metapher für die Situation Lateinamerikas. Und «Einsamkeit» zieht sich als Leitmotiv durch Gabos Texte. Schon manch Romantitel weckt das Wort: «Der Herbst des Patriarchen» (1975), «Der General in seinem Labyrinth» (1989).

García Márquez verstand sich als linker Aktivist. 1981 musste er deshalb aus Kolumbien fliehen, rund die Hälfte des Lebens verbrachte er in Mexiko. Links, das hiess für Gabo, das kubanische Experiment zu verteidigen, als es kaum noch zu verteidigen war. Mario Vargas Llosa nannte den Kollegen einen «Höfling Castros». Links, das hiess für Gabo auch, anders als andere über den Anschlag auf die Twin Towers zu schreiben. «Wie fühlt man sich, wenn man sieht, dass der Horror im eigenen Hof ausbricht und nicht im Wohnzimmer des Nachbarn? Wie ist das, Yankee, zu wissen, dass der lange Krieg schliesslich, am 11. September, in dein Haus gekommen ist?»

Der Romancier García Márquez musste mit einer Behinderung leben: dem eigenen Ruhm. Die Bücher wurden schwächer, der Ruhm aber wuchs. 2002 hat Gabo, schon an Krebs erkrankt, noch einmal für einen Bestseller gesorgt, mit seiner Autobiografie «Vivir para contarla». «Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben», schrieb der Weise aus Südamerika, «sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen.» In dieser Biografie zeigt García Márquez noch einmal, was er am besten kann – mit Worten zaubern. Er zaubert ein Dörfchen namens Aracataca, eine Grossmutter, die wie Kafka erzählt, und einen schüchternen Studenten aus der Provinz, der zum Magier von Macondo werden sollte. Schräger Typ, dieser Student: «wild wuchernder Schnurrbart, aufgewühlte Mähne, fragwürdig geblümte Hemden».

2007 ist Gabo noch einmal in Aracataca gewesen. Die Leute dort haben ihn bejubelt, sie feierten den Volkshelden, den Mythos des Schöpfers. Der Schöpfer ist nicht lange im Paradies geblieben, er kehrte zurück nach Mexiko. Und dort, in Mexiko, ist er am Donnerstag gestorben.

«Tausend Jahre Einsamkeit» sieht Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos nun auf Twitter voraus. Ach was: Lateinamerikas Literatur kennt keine Einsamkeit. Dutzende guter Autoren sind nachgewachsen. Gabriel García Márquez aber bleibt ein Solitär, unvergänglich, auch ein Idol in meiner privaten Galerie. Vor kurzem sprach ich mit einem Physiker, einem Techniker, wir kamen auf unsere Liebe zur Literatur des Südens und auf ein bestimmtes Buch, «Chronik eines angekündigten Todes». Schon der erste Satz ist Magie, ich bekam ihn nicht ganz zusammen: «An dem Tag, an dem sie Santiago Nasar töten wollten, stand er um fünf Uhr dreissig morgens auf, um den Dampfer zu erwarten, mit dem der Bischof kam.» Der Fremde aber, dieser Physiker, Techniker, zitierte García Márquez prompt im Original: «El día que lo iban a matar, Santiago Nasar se levantó a las 5.30 de la mañana ...»

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