Ausstellung

Touristin auf diesem Planeten – Esther Hunziker im Kunsthaus Baselland

Spricht für sich: Esther Hunziker im Kunsthaus Baselland.

Spricht für sich: Esther Hunziker im Kunsthaus Baselland.

Die Künstlerin Esther Hunziker fühlt sich gerne fremd. Auch da, wo sie es eigentlich gar nicht ist.

Am Anfang ist die Begrüssung. «Hi there» steht in fetten, schwarzen Grossbuchstaben an der hellen Wand im Untergeschoss des Kunsthauses Baselland. Esther Hunziker begrüsst die Welt da draussen. All die Besucher und Besucherinnen ihrer neuen Ausstellung, die gleich in die verwirrenden Sphären ihrer Kunst abtauchen werden. Zu fremden, ausserirdischen Kreaturen, von der Künstlerin zum Leben erweckt. Zu Meteoriten, die sich auf Bildschirmen wie Embryos wellenartig krümmen und von der Suche nach ihrer eigenen Persönlichkeit erzählen. Das ist die neuartige Welt von Esther Hunziker.

Plädoyer für mehr Empathie

Medienkünstlerin, so wird sie oft genannt. Manchmal auch Netzkünstlerin oder Netzautorin, weil sie teilweise spezifisch für das Internet Werke erschafft. Formulierungen, die für Hunziker nicht ganz passen. Sie sagt es nicht geradeheraus, dafür ist sie zu höflich und zu reflektiert. Aber eigentlich sieht sich Hunziker als Künstlerin, die die Gesellschaft erforschen will. Die neuen Medien faszinieren und überfordern sie zugleich. Gestaunt habe sie häufig, als sie für die aktuelle Ausstellung – ihre erste grosse Einzelpräsentation – unzählige Youtube-Videos von Leuten auf Identitätssuche anschaute: «Diese Personen suchen sich selbst, indem sie mit der Internetgemeinde sprechen», erzählt sie befremdet. Das digitale Zeitalter führe zu einer neuen Form der Entfremdung. «Die Leute suchen nach Anerkennung und Selbstreflexion, sind aber immer unfähiger, Empathie zu empfinden.»

Es scheint eine Auseinandersetzung mit der Aussenwelt zu sein, in der sich Hunziker befindet. Beinahe ein Kampf. Sie möchte verstehen, möchte nachempfinden, was andere Personen umtreibt. Dafür arbeitet sie viel, vor allem nachts, wenn die E-Mails ruhen und das Telefon schweigt. Dann kann sich die Künstlerin ganz ihrer Arbeit hingeben und versinkt geradezu in ihrem Computer.

Ausgleich findet sie in ihrem Job als Dozentin an der Basler Hochschule für Gestaltung und Kunst. Manchmal übertreibt sie es aber mit der Arbeit. Dann braucht sie frische Luft, eine Auszeit. Letztes Jahr eine mehrmonatige: Sechs Monate war sie in Portugal, meist in der Natur. «Ich fühle mich gerne fremd», sagt sie. Das Zurückkommen aber falle ihr schwer. Zu schnell seien der alltägliche Rhythmus und alte Gewohnheiten wieder da. Sie nimmt sich vor, auch zu Hause häufiger wandern zu gehen. Meist bleibt es aber beim Vorsatz. Schuld daran ist der Computer: «Diese Kiste saugt mich manchmal richtig rein», sagt Hunziker und lacht.

Weg von der Mode

Dass die Künstlerin vorwiegend digital arbeitet, ist nicht selbstverständlich. Mit ihrem Jahrgang 1969 ist sie ein Kind der analogen Zeit. Hunziker wollte Mode- designerin werden, schon immer. Diesen Weg verfolgte sie anfangs vehement: Sie liess sich in Aarau zur Damenschneiderin ausbilden, studierte Modedesign in Basel, hatte ein eigenes Label.

Doch Erfüllung fand sie nicht: «Als ich am Ziel war, wollte ich etwas anderes.» Mit der Modewelt konnte sie sich nicht identifizieren. Die übermässige Produktion von neuen Kleidern behagte ihr nicht. Mit ihrer Diplomarbeit protestierte sie auf ihre eigene, feine Weise dagegen: Sie bedruckte bestehende Wäsche, um nicht noch mehr neues Material zu generieren. Aber sie verglich sich auch mit Kollegen und Kolleginnen und fragte sich: «Braucht es mich hier?»

Leidenschaft Medienkunst

Die Kehrtwende folgte kurz danach. Während der Blütezeit der Musikvideos in den Achtzigern entdeckte Hunziker ihre Leidenschaft: die Medienkunst. Sie begann, ihre eigene Sprache zu entwickeln. Hier brauchte es sie. Statt sublime museale Kunst auszustellen, tüftelt sie seither an digitalen Collagen. Sie wirft Medien ineinander, hinterfragt sie kritisch und lässt so Neues entstehen: Aus Fotografien, Tonspuren, Videos, Internetseiten und Animationen kreiert sie Werke, die in ihrer Ästhetik erstaunen und in ihrem Inhalt berühren. Sie schafft entfremdete Wesen, unheimlich und amüsant zugleich.

Das Symbol des Meteoriten, das die ganze Ausstellung im Kunsthaus Baselland prägt, ist für sie eine Metapher: ein Fremdkörper, der auf unsere Welt prallt. Wir seien doch alle nur Touristen auf diesem Planeten, sagt sie. Melancholisch, schön traurig irgendwie. Sie ist verloren in Gedanken, scheint in einer anderen Welt zu sein. Und doch ist Esther Hunziker angekommen. Die Kunst hat ihr eine neue Heimat gegeben: Hier ist sie zu Hause.

Esther Hunziker 25. Januar bis 2. April, Kunsthaus, Baselland.

www.kunsthausbaselland.ch

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