An der Frankfurter Buchmesse von vergangener Woche hatte sie Auftritte auf prominenten Bühnen. Meg Wolitzer hat das Buch der Stunde geschrieben. Auch wenn das gar nicht ihre Absicht war. Dass sie sich mit weiblicher Macht, Diskriminierung, Frauenfeindlichkeit, mit Deutungshoheit und dem Erlangen einer weiblichen Stimme auseinandersetzt und dass es die MeToo-Bewegung gibt, sei kein Zufall, sagt sie. Dass ihr Buch genau in diesem zugespitzten und beschleunigten Moment erscheine, hingegen schon.

Frau Wolitzer, hat Sie der Ausgang der Kavanaugh-Anhörungen überrascht?

Meg Wolitzer: Ich war wütend und untröstlich. Dr. Fords äusserst glaubwürdiges Zeugnis war bewegend, aber dann wurde sie plattgewalzt. Überrascht war ich nicht, aber schockiert. Die Republikaner beweisen immer wieder, dass ihnen sicher Frauen, aber auch viele andere Dinge egal sind.

Ihr Buch beginnt mit einem Vergewaltigungsversuch am College, genau das Thema der Kavanaugh-Anhörungen.

Diese Geschichte ist eine ganz gewöhnliche Geschichte – in unserer Welt.

Warum erzählen Sie sie?

Meine Hauptfigur, Greer Kadetsky, wird an einer Party begrapscht. Es hätte auch ein Blick sein können, oder eine Bemerkung. Mir ging es um diesen Moment, in dem sich ein Mädchen oder eine Frau fragt: Habe ich ein Recht, mich darüber aufzuregen? Sie weiss nicht, wie sie das einordnen soll. Dieser Moment bestimmt das Gefühl mit, was es bedeutet, eine Frau zu sein.

Es gibt eine zweite Szene, die noch frappantere Ähnlichkeit mit den Kavanaugh-Anhörungen aufweist.

Der Typ kam ungeschoren davon. Mittlerweile hat er eine Rache-Porno-Website gegründet und erpresst Frauen mit Bildern. Eine Frau konfrontiert ihn, bewirft ihn mit Müll und filmt ihn dabei. Aber er lacht bloss, er ist immer noch unantastbar. Es ist also schlicht unmöglich, diese Art von «toxischer Männlichkeit» zu stoppen. Als Autorin hat mich interessiert, wie sich diese Bedrohung anfühlt.

Wieso schaffen es Männer so leicht, eine Situation zu definieren?

Frauen leben in Welten, die von Männern gebaut sind. In den USA hat man das so gut gesehen, als das Land nach Donald Trumps Vorstellung umgekrempelt wurde. Es gibt Tonbänder, auf denen er sich damit brüstet, Frauen zu belästigen. Er wählt Richter aus, die bis weit in die Zukunft über die freie Geburtenwahl von Frauen bestimmen. Ich hoffe, dass Frauen die Politik fluten. Wir werden sehen, was in den Zwischenwahlen passiert.

Christine Blasey Ford war für den Rechtsstaat eingetreten, jetzt wendet sich alles gegen sie.

Sie kann nicht in ihr früheres Leben zurückkehren. Sie wird belästigt und erhält Todesdrohungen. Aber vielleicht sieht man jetzt, was auf dem Spiel steht.

Sie hatte nicht die Macht, die Situation zu definieren – wie in Ihrem Buch.

Ich glaube, sie wollte an zweiter Stelle aussagen, aber das liessen sie nicht zu. Sie wurde respektvoll behandelt und war eine sehr gute Zeugin. Dann kam er, und er war wütend. Alle Männer folgten dieser Geschichte eines Mannes, dem unrecht getan war, wo er doch die Sache, auf die er sein Leben lang gewartet hatte, so sehr verdiente – Richter am Obersten Gerichtshof zu sein. Diese Erzählung «trumpfte» die Erzählung der Frau. Es war unfassbar.

Wie wurden Sie Feministin?

Meine Mutter ist Schriftstellerin. Sie war nicht auf dem College, ihre Eltern fanden das für Mädchen nicht wichtig. Aber sie hatte einen angeborenen Sinn für Sprache und fürs Schreiben. In einer Schreibklasse fand sie ihre Stimme. Und die Frauen der Frauenbewegung der 60er- und 70er-Jahre ermutigten sie. Als sie ihren ersten Roman veröffentlichte, war ich etwa vierzehn. Ich erinnere mich an die Schlagzeile: «Hausfrau wird Schriftstellerin». Diese Herablassung bekam ich mit und auch wie hart sie arbeitete in einer Welt, die ich als männliche Welt wahrnahm.

Sie haben Ihr Buch acht Frauen gewidmet. Was verdanken Sie ihnen?

Eine von ihnen ist meine Mutter. Eine andere ist Nora Ephron. Sie war eine starke und geistreiche Journalistin, später auch Regisseurin. Ihr Regiedebüt beruhte auf meinem Roman «This Is Your Life». Ihre Meinung und ihr Respekt bedeuteten mir viel. Eine andere Frau ist Mary Gordon, eine meiner Lehrerinnen am College und eine grossartige Schriftstellerin. Sie sagte uns: Schreibt nur, was wichtig ist. Sie meinte: Was für uns wichtig ist. Da begann ich nachzudenken: Was ist für mich wichtig? Das machte mich zur Autorin. Sich selbst ernst zu nehmen, in einer Welt, die für Frauen und Mädchen herablassend sein kann, war sehr bedeutsam. Sie alle waren Frauen, die grosszügig ihre Hand ausstreckten und halfen. Das ist für mich ein feministischer Akt.

Ihr Buch heisst «Das weibliche Prinzip», auf Englisch «The Female Persuasion». Was bedeutet das?

«A person of the female persuasion» ist eine herablassende Bezeichnung für eine Frau. Aber es ist ein Wortspiel: Es geht darum, wie wir einander beeinflussen. Es gibt auch einen Anklang an den Jane-Austen-Titel «Persuasion» («Verführung»). Und es klingt ein bisschen wie ein feministisches Sachbuch – «The Female Eunuch« von Germaine Greer oder «The Feminine Mystique» von Betti Friedan.

Sind Männer und Frauen generell verschieden?

Ich tendiere dazu, mehr über Frauen zu schreiben als über Männer. Aber es gibt männliche Perspektiven in dem Buch. Und in meinem letzten Buch «Die Interessanten» gibt es einen männlichen Charakter. Ich glaube, die Leute sind verschieden. Und ich glaube, je nach Geschlecht sind die Anliegen verschieden. Es ist eine so grosse Frage – was denken Sie denn?

Früher wollte ich glauben, dass es kaum Unterschiede gibt. Heute tendiere ich immer mehr zu der Meinung, dass es schon Unterschiede gibt.

Ich tue mich schwer damit, eine Position zu beziehen. Für manche Leute sind die Übergänge zwischen den Geschlechtern fliessend geworden. Die Genderfrage interessiert mich. Aber ich schreibe vor allem aus meiner Erfahrung heraus. Ich weiss nicht, wie sich das in Bezug auf Männer verhält. Vielleicht komme ich in zehn Jahren darauf zurück, wenn ich weiter darüber nachdenke.

Ihr Buch erzählt von der Frauenbewegung der letzten 50 Jahre. Genderfluidity, was Sie gerade erwähnt haben, kommt darin nicht vor. Warum nicht?

Ich würde gerne den Roman über Genderfluidity lesen, aber darum geht es nicht in diesem Buch. Ein Roman hat einen bestimmten Blickwinkel. Für mich als Autorin ist das Interessanteste, tief in die Erfahrungen der Frauen hineinzugehen: Was bedeutet es, genau diese Frau zu sein? Es ist eine ganz andere Frage als die, die sich Sozialwissenschaftler stellen.

Für Ihre Hauptfigur ist ihre Stimme wichtig. Wie kann sie gehört werden, ohne ihre innere Stimme zu verlieren?

Durch das Buch hindurch versucht sie, das herauszufinden. Es ist auch eine Coming-of-Age-Story. Eine Stimme zu finden, kann ein Prozess sein, der einen ein Leben lang begleitet. Andere Leute kommen aus dem Nichts und haben eine voll ausgeformte Stimme – wie wenn eine Göttin aus Zeus’ Kopf entspringen würde. Gegen Ende bringe ich die junge Feministin Kay hinein, deren Stimme ganz anders ist.

Gibt es richtigen oder falschen Feminismus?

Jemand sagte mir einmal, das sei wie Hillary Clinton gegen Bernie Sanders. Ich versuche, mich selbst rauszuhalten, sonst wird es ein doktrinäres Buch. Alles, was ich tun kann, ist, diese Figuren so sein zu lassen, wie sie sind.

Wie gefällt Ihnen das Cover?

Es gefällt mir sehr gut!

Sie haben 2012 einen Essay geschrieben, «Das zweite Regal». Darin kritisieren Sie die fehlende Gleichberechtigung im Buchmarkt.

Bücher von Autorinnen sind oft spezifisch für Frauen gestaltet. Das Cover sagt: Männer, bleibt weg, das ist nichts für Euch. Manche Bücher von Männern hingegen rufen in fetter Druckschrift: Das hier ist ein Ereignis. Im Literaturbetrieb sendet ein Buch eine Botschaft aus, Rezensenten entscheiden aufgrund der Gestaltung: Das ist keine Literatur. Es geht nicht nur um Bücher von Autorinnen, auch um Bücher, die von weiblichen Erfahrungen handeln. Romane sind für Männer und Frauen. Über das Leben von Frauen zu lesen, ist keine reine Frauensache.

Wie wurde Ihr Buch aufgenommen?

Romane werden vor allem von Frauen gelesen, deshalb sind meine Leser vor allem weiblich. Aber ich habe einige sehr gute Besprechungen von Männern bekommen. Fiktive Bücher gelten als weiblich, Sachbücher als männlich. Mir ist diese Unterscheidung fremd. Ich hoffe, das ändert sich.

Im Kontext der feministischen Bewegung der 70er-Jahre erhielten Frauen mehr Aufmerksamkeit. Einige Frauen, wie etwa Toni Morrison, wurden bekannt. Wiederholt sich das heute?

Das wird man sehen. Seit einer Weile hören wir neue Stimmen. Louise Erdrich etwa, die über die Erfahrungen von indianischen Frauen schreibt. Aber es gibt auch das andere. Lauren Groff, deren Buch «Fates And Furies» Obama zu seinem Lieblingsbuch erkor, wurde jüngst in einem Interview mit einer angesehenen Zeitung gefragt, wie sie es schaffe, ihr Muttersein und das Schreiben zu vereinbaren. Sie sagte: Solange diese Frage Männern nicht gestellt wird, lehne ich es ab, sie zu beantworten. Wir sind nicht dort, wo wir sein sollten.

Was ist heute das wichtigste Anliegen im Feminismus?

Ein «Yeah, wir haben das Problem gelöst!» gibt es nicht. Manchmal kann man aufatmen, aber dann muss man weiterkämpfen. Das ist so in einer patriarchalen Kultur. Die Wahl von Trump hat genau das klargemacht. Ich kann nicht für alle Frauen reden. Aber das Recht auf Abtreibung steht auf der Kippe. Ansonsten liegt der Scheinwerfer auf sexuellen Übergriffen von öffentlichen Personen. Diese Bewegung muss auch in die Leben von Leuten hineinwirken, die nicht im Glanz von Hollywood stehen.

Es sind vor allem Frauen, die sich für die MeToo-Bewegung engagieren.

Aber Gespräche darüber mit Männern finden statt. Es geht wieder um die Frage: Wer bekommt Gehör? Wer kann seine Geschichte erzählen? Die MeToo-Bewegung kam auf wie ein Sturm, sie ist immer noch in Bewegung, wir wissen nicht, wohin das führt. Das habe ich auch beim Women’s March in Washington gesehen. Das war mehr als ein Antidepressivum. Die Aktivierung des Gefühls in so vielen Leuten, dass es Widerstand gibt, selbst wenn er von gewissen Kräften niedergeschlagen wird, war sehr wichtig. Trump verhöhnt Dr. Ford. Das ist eine Mobbing-Kultur. Es verlangt beides: Geduld und Ungeduld.