Schweizer Theaterpreis

Verdienter Preis für die Pioniere der inklusiven Kultur

Beklemmend und zugleich befreiend: Die Produktion «beat-me-mich», die 2017 am wildwuchs Festival zu sehen war. Nik Spoerri

Beklemmend und zugleich befreiend: Die Produktion «beat-me-mich», die 2017 am wildwuchs Festival zu sehen war. Nik Spoerri

Höchste Zeit, dass man das Basler wildwuchs Festival auszeichnet. Es gibt dem Unangepassten eine Bühne und bietet immer wieder neue Sichtweisen. Eine Würdigung.

Wie buchstäblich exklusiv unser Kulturleben funktioniert, ist uns meist wenig bewusst. Der Ausschluss ergibt sich nicht nur über unüberwindliche Rampen. Das Andersartige, Unangepasste, Wildwüchsige hat generell wenig Sichtbarkeit auf den grossen Bühnen – ausser vielleicht als Exotismus. Diversität als Abbild der zahlreichen Verschiedenheiten in unserer Gesellschaft schreiben sich zwar immer mehr Kulturinstitutionen auf ihre Fahnen, aber in ihrem Personal, in ihren Spielplänen und Inhalten bildet sich das kaum je ab.

Bereits seit 17 Jahren bemüht sich hingegen das Basler Festival wildwuchs intensiv und mit Erfolg um eine Verbreiterung und Vertiefung unserer Sichtweisen auf das Ungenormte, das Abweichende und Unbegradigte. Eine Pionierleistung, die exemplarisch steht für eine Philosophie der Öffnung, der Neugierde und der Lust auf Toleranz.

Sondersituationen sichtbar machen

Das wildwuchs Festival Basel stärkt Aussenseiterpositionen. Bei der letztjährigen Ausgabe stiess man zum Beispiel mit sechs Produktionen in den stark tabuisierten Bereich der Psychiatrischen Universitätskliniken vor und entwickelte verschiedene Formate, in Zusammenarbeit und zum Teil mit Beteiligung von Bewohnern.

Erlebbar wird dabei immer auch: Wie geht es mir selber als Besucher in der «Psychi»? Grenzerfahrungen im besten Sinn.

In der Produktion «beat-me-mich» zeigten acht Rollstuhlfahrende ein so beklemmendes wie befreiendes Musiktheater. Die Akteure leiden alle an einer Muskelkrankheit, die sie bei jedem Atemzug von maschineller Unterstützung abhängig macht. Umso mehr kommt man ins Grübeln über das scheinbar Selbstverständliche seines eigenen Atmens. Und diese Menschen haben etwas zu erzählen. Man kann den Titel auch als «beatme mich» lesen. Die Sichtbarmachung dieser Sondersituation macht auf subtile Weise aus der künstlichen Beatmung eine künstlerische.

Neuer Blick auf Besonderheiten

Wie nicht selten bei Produktionen, die Menschen mit Beeinträchtigungen körperlicher, geistiger oder sozialer Art einbeziehen, stellt sich Zuschauern auch die Frage des Voyeurismus. Ein Beteiligter an «beat-me-mich» reagierte so: «Wenn ihr mich auf der Bühne anschaut, fühle ich mich viel wohler, als wenn ihr mich auf der Strasse anschaut.» Inklusion beginnt mit der Wahrnehmung, dass Besonderheiten auch einen neuen Blick ermöglichen können – beidseits der Bühnenrampe.

Nicolette Kretz, Jurymitglied und Leiterin des Berner Festivals «auawirleben», sagt es in ihrer Laudatio so: «Das wildwuchs Festival Basel ermöglicht Begegnungen zwischen Leuten mit ganz unterschiedlichen Besonderheiten. Diese Besonderheiten werden hier von Einschränkung oder sogenannten Behinderungen zu Fähigkeiten, zu Talenten, zur Chance auf eine besondere Sichtweise auf das Leben und die Welt.» Damit erfülle wildwuchs «mit beeindruckender Konsequenz, Beharrlichkeit und Selbstverständlichkeit die nützlichste Funktion von Kultur überhaupt.»

Engagierte Leiterinnen

Haben wildwuchs geprägt: Sibylle Ott und Gunda Zeeb.

Haben wildwuchs geprägt: Sibylle Ott und Gunda Zeeb.

Das wildwuchs Festival Basel ist nicht zu denken ohne das Engagement der Filmerin und Kulturvermittlerin Sibylle Ott, die das Festival 2001 mitbegründet und zwölf Jahre geleitet hat. 2009 wurde sie dafür mit dem Basler Kulturpreis geehrt. Seit 2013 liegt die künstlerische Leitung bei der Dramaturgin Gunda Zeeb. Sie hat das Programm des Festivals vermehrt in Richtung von Themenbereichen wie Altern in unserer Gesellschaft, soziale Ausgrenzung und Interkulturalität erweitert. So stand die Ausgabe 2013 unter dem Motto «wir stören», 2015 hiess es «wir übernehmen» (gemeint war: Verantwortung) und 2017 «Innen und Aussen», die Kernsituationen von Inklusion und Exklusion.

Inklusion ist in diesen Programmen kein Schlagwort, sondern gelebte künstlerische Praxis. Alle Veranstaltungen sind immer für alle Menschen mit oder ohne (bewusster) Einschränkung zugänglich. Ein gemischteres Publikum trifft man nirgendwo an. Kunst ist – wer möchte es bestreiten? – das beste Gefäss für das schwer Fassbare.

Ja, es hat sich einiges getan in diesen 17 Jahren. Der renommierte Preis kommt nicht zu früh; umso mehr freut man sich, dass er kommt. Institutionen wie das Museum Tinguely haben sich für die nächsten vier Jahre den expliziten Ausbau der Zugänglichkeit ihrer Angebote und Infrastruktur für Menschen mit Einschränkungen vorgenommen – und sie werden mit Experten laufend getestet. Die Organisation wildwuchs sucht und bietet auch übers ganze Jahr Kulturbegleitungen für Theater, Tanz und Musiktheater in den verschiedensten Häusern an.

Das wildwuchs Festival Basel wird biennal ausgerichtet. Aber auch in den Zwischenjahren gibt es Veranstaltungen von der Inklusionsfront. So finden im Format «Notwendige Geschichten» in der Markthalle regelmässig Autorenlesungen verschiedenster Menschen statt. Oder mit dem Audio-Walk «Widerhall an der Grenze» (28. Mai–3. Juni, Start bei der Kaserne Basel) wird mit einer zweiten Staffel ein hochinteressantes Projekt aus dem letztjährigen Festivalprogramm weiterentwickelt, in dem die Themen Migration und Stadtentwicklung auf so informative wie sinnliche Art erlebbar werden.

Weitere Infos www.wildwuchs.ch

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