Tell-Musical
Vertonte Schiller-Ohrwürmer und ein aufgepeppter Gessler

Das Musical «Tell» in stimmungsvollem Ambiente auf der Walenseebühne hinterlässt gemischte Eindrücke. Am Können der Darstellerinnen und Darstellern fehlt es nicht.

Rosmarie Mehlin
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Eindrückliches Bühnenbild: 200 Tonnen Stein fanden Verwendung, 4500 Laufmeter Rundholz wurden aufgeschichtet und zu Hütten verbaut.

Eindrückliches Bühnenbild: 200 Tonnen Stein fanden Verwendung, 4500 Laufmeter Rundholz wurden aufgeschichtet und zu Hütten verbaut.

Keystone

Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern ...» Die Rütlischwur-Formel ist Gemeingut. Ein Ohrwurm der Allgemeinbildung. Nun liegt er auch in vertonter Form vor: «Tell – das Musical» wurde am Mittwoch, an einem der bis dato wenigen sternklaren Nächte dieses Sommers, in Walenstadt aus der Taufe gehoben. Schroff ragen zackige Gipfel in den Himmel, dunkel ist das Wasser des Sees, in dessen Becken 2005 erstmals eine Bühne gebaut wurde. Vier Sommer lang feierten «Heidi – das Musical» Teil 1 und 2 Grosserfolge, an die 2010 «Die schwarzen Brüder» nicht anknüpfen konnte. Und nun also ist die Wiege der Schweiz an den Walensee transferiert.

200 Tonnen Stein wurden verwendet

Das Ambiente passt wunderbar: Auch hier lächelt der See, doch ahnt der Besucher, dass auch hier wilde Stürme die Wogen aufwühlen können, und auch hier gibt es zwischen den Felsen saftig-grüne Wiesen. Auf der Bühne finden sich die Flecken Schwyz und Altdorf, das Rütli, die Zwingburg und Attinghausens Sterbezimmer. 200 Tonnen Stein wurden verwendet, 4500 Laufmeter Rundholz wurden wie ein Riesen-Mikado kreuz und quer aufgeschichtet und zu Hütten verbaut, die an ein Pfahlbaudorf erinnern. Das 13-köpfige Orchester ist unter dem Bühnenboden platziert, was seiner hohen Qualität keinen Abbruch tut: Andreas Felber als musikalischer Leiter leistet ausgezeichnete Arbeit.

Tja – und das Stück, das Musical? Es hat schon einmal ein «Tell»-Musical gegeben: 1977 mit Toni Vescoli (!) in der Titelrolle. Es war offenbar ziemlich erfolglos. Was jetzt auf der Walensee-Bühne zu sehen und zu hören ist, dürfte auf geteiltes Echo stossen: Die einen werden sich fragen: Warum diesen Stoff überhaupt zum Musical verarbeiten? Die andern werden ihren Spass daran haben, gewisse Original-Passagen aus Schillers Schauspiel gesungen serviert bekommen, wie etwa «Durch diese hohle Gasse ...» oder eben «... in keiner Not uns trennen und Gefahr ...».

Tyrannei ist nicht zeitgebunden

Der deutsche Fernsehautor Hans Dieter Schreeb hat auch sonst recht viele Schiller-Dialoge übernommen. Daneben aber prononziert er die Figur des Gesslers, stellt ihm Herzog Johannes, der nachmalige Mörder von König Albrecht I., leibhaftig zur Seite, lässt Berta von Brunecks Mutter als Hofdame und mehrere Edelfräuleins auftreten. Dem Musical tut das gut, denn es bringt einen gewissen Pfiff in die schwermütige Melodramatik der Geschichte.

Gleichzeitig hat es dem Komponisten Marc Schubring zu zwei bestens gelungenen Songs für Gessler – «Die Schönheit der Macht» und «Respekt» – inspiriert. Die übrigen Songs, Solo und Chor, unterliegen naturgemäss dem Zwang, die dramatische Schwere der Handlung zu untermalen. Dadurch sind sie etwas eintönig und oft tranig. Und da die Geschichte überdies sattsam bekannt ist, fehlt es letztlich an Spannung. Daran ändert auch der Einfall nichts, die Handlung zwar im 14. Jahrhundert zu belassen, die Kostüme aber im Umfeld der Französischen Revolution anzusiedeln nach dem Merke: Tyrannei ist nicht zeitgebunden.

Am Können der Darstellerinnen und Darstellern fehlt es nicht. Zwar schluckt das allzu wuchtige Bühnenbild nicht nur enorm viel Licht, es schmälert auch die Präsenz und Ausstrahlung der Menschen. Gessler kann dem von der Figur her locker entgegenwirken, was Bruno Grassini auch bestens gelingt. Fabian Egli hat da als Tell schon einen schwereren Stand. Aber auch er meistert die Aufgabe sehr gut: Er gibt den Tell einfühlsam, was er genau besehen ist – kein Haudegen, kein Held, sondern ein Zauderer, hochanständig und pflichtbewusst.

Florian Schneider schöpft als sterbender Attinghausen zwar etwas arg aus dem Vollen des alten Tragöden und ist Patric Scott mehr Hampelmann als Herzog, doch grundsätzlich gefallen die Akteure stimmlich und darstellerisch. Da Regisseur Nico Rabenwald vier Tage vor der Premiere in die Wüste geschickt wurde und Choreograf Christoph Tölle die Endproben leitete, ist nicht auszumachen, wer wofür zuständig war, etwa für die grossartig umgesetzte Apfelschussszene. Tänzerisch übrigens kommt das Publikum nur marginal auf seine Rechnung – die Handlung gibt definitiv diesbezüglich nicht viel her.

«Tell – das Musical». Bis 25. August in Walenstadt. www.walenseebuehne.ch

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