Kunstsensation
Verwirrung um Da Vinci-Gemälde: Auch im Aargau wurde es schon «entdeckt»

Es wäre eine Kunstsensation sondergleichen: Am Montag hat die Tessiner Kantonspolizei ein Bild beschlagnahmt, welches vom italienischen Altmeister Leonardo Da Vinci stammen soll. Bei den Besitzern könnte es sich um eine Aargauer Familie handeln.

Sabine Altorfer und Dominik Straub
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Das vermeintliche Da Vinci-Bild «Isabella d'Estes», welches die Kantonspolizei Tessin konfiszierte.

Das vermeintliche Da Vinci-Bild «Isabella d'Estes», welches die Kantonspolizei Tessin konfiszierte.

Kapo Tessin

Nun ist also ein Porträt der Isabella d’Este – angeblich von Leonardo da Vinci gemalt und angeblich 95 oder gar 120 Millionen Euro wert – aus dem Tresor eines Tessiner Treuhänders beschlagnahmt worden. Das teilten die Tessiner Kantonspolizei und die Staatsanwaltschaft von Pesaro mit.

Die Kunde von einem Leonardo – und erst noch einem, der seit 500 Jahren als verschollen gilt –, machte am Dienstag Schlagzeilen rund um die Welt. Doch halt, die Schlagzeile vom unbekannten da Vinci aus dem Tresor kommt uns doch bekannt vor. Und tatsächlich ereignete sich die Geschichte im Oktober 2013 schon mal sehr analog. Die Wochenend-Beilage «Sette» des «Corriere della Sera» liess damals denselben angeblichen Leonarda da Vinci auch in einem Schweizer Tresor auftauchen, mit dem Hinweis, er gehöre einer Familie aus dem aargauischen Turgi mit Wurzeln in Italien.

Tatsächlich waren die italienischen Ermittler dem Bild schon vor eineinhalb Jahren auf die Spur: Laut dem italienischen Staatsanwalt Manfredi Palumbo war Ende August 2013 ein Hinweis eingegangen, wonach ein Anwalt aus Pesaro das Mandat erhalten habe, das Bild für mindestens 95 Millionen Euro zu verkaufen. Weil der Verdacht bestand, dass das Gemälde zuvor illegal in die Schweiz gebracht worden sei, habe man schon damals ein Rechtshilfegesuch an die Tessiner Behörden gestellt, dem auch entsprochen worden sei. Der von der Polizei durchsuchte Tresor sei aber leer gewesen.

Wegen Steuerbetrug ermittelt

Erst im Zusammenhang mit einer anderen Strafuntersuchung wegen Steuerdelikten und Versicherungsbetrugs sei man erneut auf das Gemälde gestossen, erklärte Staatsanwalt Palumbo an einer Pressekonferenz in Pesaro. Es sei erneut in einem Tessiner Tresor lokalisiert worden – und dort wurde es am Montag von der Tessiner Polizei nach einem weiteren italienischen Rechtshilfegesuch denn auch gefunden. Laut Palumbo hatte der Besitzer einen vermutlich arabischen Kaufinteressenten gefunden, der bereit gewesen sein soll, 120 Millionen Euro für die «Isabella d’Este» auf den Tisch zu legen; das Geschäft soll kurz vor dem Abschluss gestanden sein.

Palumbo glaubt, einem grösseren illegalen Kunsthändlerring auf die Spur gekommen zu sein. «Es laufen Ermittlungen gegen Dutzende von Personen», erklärte der Staatsanwalt. Die Vorwürfe lauten auf Bildung einer kriminellen Vereinigung, illegalen Kunstexport und Versicherungsbetrug. Für den Mittwoch hat Palumbo weitere Hausdurchsuchungen und neue Erkenntnisse angekündigt.

Doch Spuren in den Aargau

Eine zentrale Information lässt freilich weiter auf sich warten, obwohl sie den Ermittlern bekannt sein dürfte: Die Namen der Besitzer des sichergestellten Gemäldes werden weder von den Tessiner noch von den italienischen Behörden preisgegeben. Die «Aargauer Zeitung» vermutete 2013 – nach dem Bericht des «Corriere della Sera» – es könnten Nachkommen von Peter Zai (1855–1936) sein.

Der Aargauer Industrielle Peter Zai.

Der Aargauer Industrielle Peter Zai.

Zur Verfügung gestellt

Zai, in Tarcento im Friaul geboren, kam im Alter von 16 Jahren als Volontär in die Firma Heinrich Bebié, heiratete kurz darauf die Tochter des Spinnereibesitzers und übernahm einige Jahre später die Führung des Unternehmens in Turgi. Erhärten liess sich die Spur nicht. Und doch: Angelo Fieni, der ermittelnde Hauptkommissar für Vermögensdelikte der Tessiner Polizei, sagte am Dienstagabend gegenüber der «Nordwestschweiz»: Die Familie mit Spuren in den Aargau habe ausgesagt, den da Vinci in der Schweiz entdeckt zu haben, ihn also nie illegal aus Italien ausgeführt zu haben. Solange das nicht geklärt sei, so Fieni, bleibe das Bild an einem sicheren Ort – im Tessin.

Echt oder nicht?

Noch schwieriger als die Frage nach den Besitzern ist die Frage zu beantworten: Ist der da Vinci echt? Darüber entbrannte schon 2013 ein veritabler und internationaler Expertenstreit. Der Erst-Gutachter, der in Kalifornien tätige aus Bologna stammende da Vinci-Kenner Carlo Pedretti, stellte im Auftrag der Besitzer fest: echt. Alle anderen Experten bezweifelten das Urteil – allerdings ohne das Bild in Händen halten zu können. Ihnen waren die Kohlestoff-Tests (Entstehungszeit zwischen 1460 und 1650) und auch der Befund der Pigmente (entsprechen da Vincis Farben) zu wenig genau.

Carmen Bambach vom Metropolitan Museum befand die Zuschreibung gegenüber «Artnews» als «nicht seriös» und der Leipziger Kunst-Professor Frank Zöllner schrieb in der «FAZ», dass es «kein authentisches Leonardo-Gemälde ist, dürfte selbst ein Student der Kunstgeschichte im Grundstudium erkennen».

Die Skeptiker stützen sich auf Vergleiche der Mal- und Arbeitsweise von Leonardo da Vinci. Erstens sind Gemälde von da Vinci äusserst rar, es gibt lediglich etwa zwanzig als eigenhändig anerkannte Gemälde des Renaissance-Genies.

Zweitens ist das beschlagnahmte Bild auf Leinwand gemalt, da Vinci malte aber vorzugsweise auf Holz. Drittens gibt es die Zeichnung da Vincis mit dem Porträt der Isabella d’Este im Louvre. Das Profil ist auffällig ähnlich zum im Tresor entdeckten Gemälde. Aber, und das ist entscheidend: Auf der Zeichnung fehlen die Attribute der Dame auf dem Gemälde: der Palmzweig, die Krone und der braune Gegenstand, auf den sich die Dargestellte stützt.

Das sei wohl ein Rad, vermutet Zöllner, die Dame auf dem Bild sei also eine Heilige Katharina. Eine solche Umdeutung eines schönen Vorbildes in ein Heiligenbild war zur Zeit Leonardos gang und gäbe – von Nachahmern, Liebhabern und selbst von Leonardos Werkstatt. Das erklärt, warum das Alter des Bildes stimmen kann, die Zuschreibung an den geldbringenden Meister aber nicht.

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