Literatur

Vogelperspektive auf ein Familien-Panoptikum

Ruth Schweikert liest am Dienstagabend um 19 Uhr im Literaturhaus Basel.

Ruth Schweikert liest am Dienstagabend um 19 Uhr im Literaturhaus Basel.

«Wie wir älter werden» kondensiert viele Leben zu einem grossen Bild des Lebens. Heute liest die Autorin Ruth Schweikert in Basel.

Ein Kritiker, eine Kritikerin nach der anderen beklagt sich über Ruth Schweikerts neuen Roman «Wie wir älter werden». Zu viele Personen! Über 50! Man kommt nicht mit!

Ja, wer kein hervorragendes Gedächtnis hat, weiss beim Lesen manchmal nicht mehr, von welcher Schwiegertochter oder Enkelin aus welcher Familie gerade die Rede ist. Aber man darf cool bleiben und weiterlesen, ohne sich mit dem Zeichnen von Stammbäumen abzumühen. Die wichtigen Protagonisten ragen heraus, die wichtigen Momente prägen sich ein.

Zwei miteinander verstrickte, fruchtbare Familien und jeweils rund vier Generationen hat die Autorin im Auge – daneben blitzen prägnant zusammengefasst die Leben von Nachbarn oder Freunden auf. Im Kern geht es um zwei Ehepaare – Jacques und Friederike sowie Helena und Emil –, und deren Kinder und Kindeskinder. Jacques und Helena waren zuvor ein Paar gewesen, bevor die schöne Helena sich so plötzlich wie überraschend entschied, Emil zu heiraten. Doch später nimmt sie das alte Verhältnis heimlich wieder auf, zwei ihrer drei Töchter sind von Jacques.

Dass ihr biologischer Vater ein anderer ist, erfahren diese Kinder erst als Erwachsene; gespürt, dass etwas nicht stimmt, haben sie schon als Kinder. Emils einzige leibliche Tochter Miriam, die schönste und klügste der drei, stirbt mit 20 Jahren nachts im Schnee, magersüchtig, eine Heroinnadel im Arm.

Unangenehme Erinnerungen und harte Schicksalsschläge überwiegen. So sehr Schweikerts Protagonisten versuchen, ihre Geheimnisse und Lebenslügen vor den eigenen Kindern und der Nachbarschaft zu verbergen – die Affäre, eine Gefängnisstrafe, psychische Probleme, die Gründe hinter Todesfällen – so sehr umkreist die Autorin genau diese Wunden, manchmal langt sie direkt hinein. Sprachlich hält sie sich dabei meist nüchtern zurück, umso mehr berühren einzelne Stellen.

Verdichtung vieler Leben

Schweikert weiss viel über die unausweichliche Unvollkommenheit des Lebens, die Überforderungen, das Scheitern. Sie beschreibt und beschreibt – Gedanken, Geschehnisse, Erinnerungen –, urteilt glücklicherweise aber nie. Sie springt zwischen Zeiten und Personen hin und her, erzählt manche Episode aus verschiedenen Perspektiven – bis sich der Roman zum immer dichteren Familienpanoptikum zusammenfügt. Die Montage ist Schweikerts Stärke, das zeigte sie, wenn die Erinnerung nicht trügt, noch kunstvoller mit ihrem Vorgängerroman «Ohio». Das ist zehn Jahre her.

«Es ist nicht möglich, das eigene Leben von seinem Ende her zu denken, solange man mitten drin steht», lautet ein Eintrag in Miriams Tagebuch. Als Erzählerin ist es Schweikert aber möglich, mehrere Generationen von deren Tod bis zur Geburt zu überblicken. Oft skizziert sie eine Biografie in wenigen Sätzen. Die Leben sehr vieler Menschen ziehen beim Lesen an uns vorbei.

So betont diese Erzähltechnik, wie verletzlich und vergänglich jedes Leben ist. Die Autorin kondensiert viele Lebensläufe zu einem Bild des Lebens, viele Bilanzen zu einer umfangreichen, fiktionalen Familienbilanz. Und die Leserin, der Leser, stellt sein eigenes Leben unweigerlich dazu, gleicht ab, vergleicht.

Lesung heute Dienstag um 19 Uhr im Literaturhaus Basel. Moderation: Corina Caduff.

Meistgesehen

Artboard 1