Kunsthaus Zürich
Volkskunst gilt jetzt als Hochkunst

Was die Documenta in Kassel proklamiert, setzt nun auch das Kunsthaus Zürich um. Und geht damit ein Risiko ein.

Sabine Altorfer
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Ab Freitag im Kunsthaus Zürich: Vor diesen Bildern erzählten die Cantastorie, die Puppenspieler aus Neapel, die Geschichte von «Dolores e Straniero». Gemalt wurden sie vor 100 Jahren.

Ab Freitag im Kunsthaus Zürich: Vor diesen Bildern erzählten die Cantastorie, die Puppenspieler aus Neapel, die Geschichte von «Dolores e Straniero». Gemalt wurden sie vor 100 Jahren.

Bisher galt eine Arbeitsteilung der Museen. Kunstmuseen zeigten Kunst, ethnologische Museen rückten fremde Kulturen und Epochen in den Fokus, Museen für angewandte Kunst breiteten textile, grafische oder keramische Kostbarkeiten aus, und Volkskunde-Museen zeigten dem Publikum Alltag und Produkte der eigenen Vergangenheit.

So einfach, so veraltet. Scheint es. Kuratoren und Museen suchen stets neue Wege, um neues Publikum zu finden. Vermittlung boomt, Schwellen werden rückgebaut – und der Kunstbegriff stets erweitert. Im Moment beobachten wir, dass die Macher von Kunstausstellungen die Volkskunst entdecken. Aus unterschiedlichen Motiven.

Ideologie an der Documenta

An der Documenta 14 in Kassel stehen Ritualmasken des kanadischen Inuit-Künstlers Beau Dick Spalier für die Besucherinnen. Ein gesticktes Fries der Sami-Frau Britta Marakatt-Labba mit Rentieren, Schlitten und Szenen einer früheren, heilen Welt entzückt Publikum und Kritiker. In einem grossen Wandbild malt der australische Künstler Gordon Hookey die Geschichte Australiens aus Aborigines-Sicht. Hierarchien gehörten abgeschafft, lautet dazu das Credo von Documenta-Chef Adam Szymczyk.

Attraktiver Blickfang an der Documenta 14: Ritualmasken des kanadischen Inuit-Künstlers Beau Dick (1955–2017).

Attraktiver Blickfang an der Documenta 14: Ritualmasken des kanadischen Inuit-Künstlers Beau Dick (1955–2017).

Seine Weltkunstausstellung steht unter dem (ungeschriebenen) Motto Gerechtigkeit. Man hat das Gefühl, er und seine Kuratoren-Crew hätten es sich zum Auftrag gemacht, alle Ungerechtigkeiten dieser Welt anhand von Kunstwerken zu thematisieren und anzuprangern. Holocaust, griechische Militärdiktatur, Nazi-Gräuel, Gender-Diskriminierung, das Nord-Süd-Gefälle und selbstverständlich den Kolonialismus. Was indigene Völker geschaffen haben – so der Umkehrschluss –, ist also nicht einer anderen oder tieferen Kategorie zuzurechnen als das, was der westliche Kanon als Kunst definiert.

Gut gemeint, aber schlecht für die Kunst, lautete das Verdikt der Kritiker. Man reisse die Volkskunst aus ihrem Kontext, beraube sie damit ihres Sinns, degradiere sie zu hübschen Objekten und missbrauche sie als attraktive Foto- und Selfie-Sujets.

Lob des Populären in Zürich

Nun legt das Kunsthaus Zürich noch einen Zacken zu. Ab Freitag zeigt es volkskundliche Exponate nicht nur zur Illustration des Umfelds von Kunstwerken oder einer Künstlerinnenbiografie, sondern inszeniert in seinem grössten Ausstellungsraum Volkskunst aus Süditalien. Unter dem Titel «Cantastorie» präsentiert es handgemalte Bühnenbilder, die in Vergessenheit gerieten, als Kino und Fernsehen die Wanderbühnen verdrängten. Kunsthaus-Direktor Christoph Becker, der als Ko-Kurator firmiert, erklärt der «Schweiz am Wochenende»: «Die Bilder sind Kunstwerke, und deshalb haben sie einen Platz im Bührlesaal verdient, auch wenn diese Kunst für einmal nicht von bekannten Meistern stammt.» Beckers Begründung: «Sie stehen in einer langen Tradition der Kunst, die bis ins Mittelalter zurückreicht, waren aber für ein zeitgenössisches Publikum gemacht und stehen für die Vermittlung von komplexen Inhalten in verständlicher Form – wir machen nichts anderes im Museum.»

Mit komplexen Inhalten meint Becker die literarischen Vorlagen der Puppenspieler. Ritter und Prinzessinnen, Drachen, Engel und Bösewichte bevölkern die Bilderbogen. Sie erzählen bunt und comicartig das Epos «Orlando furioso» des Renaissance-Autors Ariost und die populären Heldenlegenden aus dem Mittelalter wie «Tre Gigante» oder «Dolores e Straniero».

Der Bilderschatz der Familien Parisi und Maldera wurde vor wenigen Jahren in Neapel wiederentdeckt, sie gehören heute der deutschen Firmen- und Familiensammlung Würth. Becker übernimmt Ausstellung und Katalog für Zürich. Es sei ein «Statement für die Verständlichkeit, die Zugänglichkeit von Kunstwerken für ein breites Publikum, quer durch alle Altersgruppen und Bildungsschichten.»

Experiment fürs neue Kunsthaus

Das Zürcher Kunsthaus wird mit dem Neubau von David Chipperfield künftig Platz für mehr Sonderausstellungen haben. «Mit ‹Cantastorie› erproben wir neue Formen der Präsentation und Vermittlung», schreibt das Kunsthaus. Man gehe von zwei Seiten auf das Publikum zu: «mit einem dezidiert volkstümlichen Ansatz und einem musikalisch-theatralischen Begleitprogramm». Im Bührlesaal spielt nun täglich eine Drehorgel, im Zentrum steht eine Bühne für Sängerinnen, Kammermusik-Ensembles und eine Folklore-Gruppe.

Die Absicht ist klar: Das neue, grössere Kunsthaus braucht mehr Publikum. Man öffnet sich also nach allen Seiten. Schon in den letzten Jahren war das Programm nach dem Prinzip «Vieles für viele» konzipiert, nun wird das Angebot noch breiter. Zu breit? Das Profil des Hauses wird man mit diesem Konzept nicht schärfen. Aber kann das Kunsthaus mit volkstümlicher Kunst populärer werden? Mehr Rückhalt in der Bevölkerung, mehr Zulauf von Touristen generieren? Seinen Ruf als das am internationalsten agierende Kunstmuseum der Schweiz halten? Hier sind Fragezeichen zu setzen.

Fortschritt oder Eigengoal?

Zu fragen ist vor allem, ob der Trend, Volkstümliches und Hochkultur zu mixen, der Kunst wie der Volkskultur guttut. Die Documenta 14 wurde arg kritisiert, weil sie nicht nach Qualität, sondern nach politischen und soziologischen Kriterien programmierte. Wenn sie Minderheiten, Frauen, Behinderte, Unterdrückte einzig wegen ihrer Diskriminierung einlade, sei das selber eine Form von Diskriminierung.

Der Kunstbegriff hat sich in den letzten Jahrzehnten extrem ausgeweitet. Eine Definition von Kunst, das Urteil über gut und schlecht, über Zeitgeist und beständige Werte, wird immer schwieriger. Für Museen, Kritikerinnen und das Publikum. Seit Marcel Duchamp 1917 ein Urinal ins Museum stellte, Joseph Beuys 1967 den Satz «Jeder ist ein Künstler» formulierte, seit Videos, Fotografie, Street Art die Kunst medial erweitern, seit Performance und Installationen zeitlich begrenzte Werke zur Aufführung bringen, dominiert die Vielfalt, das Nebeneinander. Das ermöglicht neue Erkenntnisse und Erlebnisse und hat die Kunst aus dem zu engen akademischen Korsett des 19. Jahrhunderts gelöst. Andrerseits hat es den Kunstbegriff schwammig gemacht.

Anything goes: Der Slogan der Postmoderne klingt demokratisch und gerecht. Diese Haltung beeinträchtigt oder verhindert im Gegenzug aber die Diskussion über Qualität von Kunst. Gleichmacherei nivelliert, sie raubt der Kunst ihre Eigenheit und ihren Wert.

  • «Cantastorie» Kunsthaus Zürich, 25.8. bis 8.10.
  • Documenta 14, Kassel, bis 17.9.

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