Vom Industriequartier ins Kino

Mit Musik für Toleranz und Respekt: Dafür kämpfen die Organisationen Rock gegen Hass und Open Hearts seit 18 Jahren. Jetzt winden sie sich mit einem Dokumentarfilm selber ein Kränzchen.

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Rock gegen Hass
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Rock gegen Hass - Michael Gorbatschow
Rock gegen Hass - Ruth Dreifuss und Roger Schawinski
Rock gegen Hass - Doris Leuthard
Rock gegen Hass - Ruth Metzler und Joseph Deiss

Rock gegen Hass

von Katja Schlegel

Wie vor 18 Jahren alles begann . . .

«Als meine Frau und ich 1985 das erste Benefizkonzert Live Aid von Bob Geldof gesehen hatten, hat uns das völlig fasziniert», sagt Sidney Weill. «Von diesem Moment an wollten wir unbedingt auch ein Open Air organisieren.» Gesagt, getan: 1991 findet das erste Open Air Lengnau statt. 1992, umgetauft in Rock gegen Hass, verhilft der Auftritt von Sir Bob Geldof himself dem Festival zum grossen Durchbruch. 1996 zieht Rock gegen Hass auf den Platzspitz nach Zürich. Internationale Stars wie Gianna Nannini, die Fantastischen Vier, Toto, The Scorpions und Zucchero treten auf. Nicht zu vergessen die Schweizer Bands wie Züri West, Patent Ochsner und DJ Bobo, Gotthard, Polo Hofer und Sens Unik.
Eine kurzfristige Konzertabsage 2003 bringt Ursy und Sidney an den Rand des finanziellen Ruins. Heute organisieren sie mit der Eventagentur Open Hearts weltweit Konzerte, Veranstaltungen und Kampagnen. In der Schweiz lockt das Open Air auf dem Bundesplatz jedes Jahr Tausende Zuschauer an. (ksc)

Es war der pure Zufall, der Ursy und Sidney Weill vor 18 Jahren auf die Sprünge half: Wegen einer Hochzeit kamen die beiden ins Surbtal. Und es fiel ihnen wie Schuppen von den Augen - hier, mitten in einem Industriegebiet am Dorfrand von Lengnau, sollte es sein. Das war der richtige Ort, um ihren aussergewöhnlichen Lebenstraum zu verwirklichen: die Organisation eines Open Airs. Ein Lebenstraum, der mit Rock gegen Hass und der Eventorganisation Open Hearts GmbH zu einer Erfolgsgeschichte sondergleichen wurde - glamouröser, aufregender und spannender, als es sich die Weills je hätten erträumen lassen. Aber auch einer, der sie fast das Genick gekostet hätte. Der perfekte Drehbuch-Stoff.

Was im Lengnauer Industriequartier entstand und auf dem Berner Bundesplatz seinen vorläufigen Höhepunkt fand, soll jetzt auf die Kinoleinwand kommen: Ursy und Sidney Weill wollen die Entstehung und Geschichte von Rock gegen Hass und Open Hearts in einem Dokumentarfilm zusammenfassen. Pünktlich zum Zehn-Jahr-Jubiläum von Open Hearts im Winter soll er fertig sein. Das Projekt ist aber nicht nur ein Jubiläumsgeschenk an sich selber, sondern auch ein Dankeschön an alle Künstler und Sponsoren. «Ausserdem sind viele andere Leute an der Geschichte von Rock gegen Hass und Open Hearts sehr interessiert», sagt Sidney Weill. Eine Geschichte, die zu erzählen jeweils viel Zeit in Anspruch nimmt. Unter die Buchautoren will Sidney Weill trotz Anfragen aber nicht gehen. «Audiovisualität eignet sich viel besser, um die Stimmung zu transportieren.»

80 Minuten lang soll der Dokumentarfilm werden. Knapp eineinhalb Stunden Zeit für 18 Jahre, in denen rund 200 Veranstaltungen organisiert wurden. Reicht das? «Ich könnte locker einen zehnstündigen Film machen», sagt Sidney Weill. Aber 80 Minuten seien genug. Produziert wird der Dokumentarfilm von der Burgdorfer Produktionsfirma 10mm Films. Er wird chronologisch aufgebaut und besteht grösstenteils aus Archivmaterial. Zwischen den alten Aufnahmen sind Interviews mit Musikern, Schauspielern und Politikern vorgesehen. Gezeigt werden sollen besondere Momente, Stars in ungewöhnlichen Situationen. «Wir wollen schliesslich keinen Musikfilm machen, das hat man alles schon gesehen.»

Zu sehen bekomme man hingegen Gianna Nannini hinter der Bühne, Kuno Lauener im Interview mit dem Musiksender MTV und die Helikopterlandung einer israelischen Band mitten in Lengnau. «Ich habe ausserdem ganz spezielle Trümpfe und Anekdoten im Ärmel», sagt Weill und rückt schliesslich mit einer heraus: «Wir haben Filmmaterial von Altbundesrätin Ruth Metzler, die bei einem Konzert in Bern wie ein junges Mädchen vor der Bühne herumhüpft.»

Rund 170 000 Franken kostet der Dokumentarfilm. Finanziert werden soll er, nebst den Beiträgen von diversen Stiftungen, von den Kantonen Aargau und Bern. «Beim Kuratorium des Kantons Aargau haben wir ein Gesuch für finanzielle Unterstützung eingegeben, und es wurde bereits an Swisslos weitergereicht», sagt Sidney Weill und zeigt sich optimistisch. Der Badener Kinobesitzer Peter Sterk hat ihm bereits zugesichert, den Film zu spielen. Trotzdem will Sidney Weill mit der Entwicklung und der Vermarktung des Films nicht vorpreschen. «Das Geld ist noch nicht gesprochen.»

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