Lyrikpreisträger
Walle Sayer dichtet zwischen Kirchturm und Kneipe

Der Basler Lyrikpreisträger Walle Sayer behandelt in seinem Werk kleine Dramen, grosse Umwege und den Fussball.

Iris Meier
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Walle Sayer schreibt seine Gedichte zuerst von Hand, dann spürt er ihrem Klang mit der Schreibmaschine nach, und die Reinschrift erfolgt schliesslich am Computer.

Walle Sayer schreibt seine Gedichte zuerst von Hand, dann spürt er ihrem Klang mit der Schreibmaschine nach, und die Reinschrift erfolgt schliesslich am Computer.

Burkhard Riegels

Wer kennt sie nicht, die pointierte Szene aus «Die Simpsons – Der Film», in der bei Ankündigung des Weltuntergangs sämtliche Menschen, die im Pub sitzen, in die Kirche rennen und sämtliche Menschen, die in der Kirche sitzen, ins Pub flüchten. Zwischen diesen zwei Welten, zwischen Kneipe und Kirchturm, ist der Lyriker Walle Sayer in Bierlingen, im Landkreis Tübingen, grossgeworden. Die Grossmutter war bibel-, der Grossvater trinkfest.

Sowohl in Sayers Leben wie in seinem Werk finden beide Welten ihren Platz. Für sein lyrisches Schaffen, das unter anderem von Kirchbänken und Kneipengängern handelt, wird er am diesjährigen Basler Lyrikfestival mit dem Lyrikpreis ausgezeichnet werden.

Sayers Grossmutter war der einzige Mensch, der ihn nicht, getreu der schwäbischen Verkleinerungsform, «Walle» rief, sondern bei seinem Taufnamen Walter Hermann. Und einem Hermann gleicht er auch: Mit seiner Nickelbrille sieht Sayer Hermann Hesse ein wenig ähnlich. Allerdings lacht er öfter und verschmitzter, als das bei Hesse aufgrund der Fotos zu erahnen ist. Besonders strahlt er, als das Gespräch auf Katzen zu sprechen kommt. Das Thema hat er lyrisch oft verarbeitet: «Dichter lieben die Katzen: weil sie Einzelgänger sind. Man weiss nie so recht, was sie den ganzen Tag eigentlich machen.»

Ein kellnernder Dichter

Was Walle Sayer am Abend macht, das weiss hingegen die ganze Kreisstadt Horb. Meist dienstags und sonntags arbeitet er nämlich, elegant in schwarz und weiss gekleidet, als Kellner im Gourmethotel Züfle. Anders als die Hauptfigur in Jim Jarmuschs neustem Film «Paterson», ein dichtender Busfahrer, ist Sayer aber kein dichtender Kellner, sondern ein kellnernder Dichter.

Gedicht

Strafraum/Rehe

Wie still es war,
ganz am Anfang, als noch
kein Fangnetz stand,
kein Vereinsheim, das angrenzte,
der Platz nicht geflutet lag
im gleissenden Licht,
wie es still war,
die Idylle keine Idylle
wochentags, wenn aus der Dämmerung,
wie aus ihrem eignen Innbild,
hervortraten: Rehe
die ästen im Strafraum,
dass Wind zu wehen vergass.

- Walle Sayer

Ein Leben ohne Lyrik könne er sich nicht vorstellen, sagt er. Sayer dichtet, seit er 24 ist. Seine Liebe zur Lyrik entdeckte er mit 16 Jahren, während seiner Lehre als Bankkaufmann. Um der langweiligen Zahlenwelt zu entkommen, wandte er sich damals exzessiv dem Lesen zu. Gedichte, etwa von Rainer Brambach und Günther Eich, waren seine Rettung. «Die Gedichte wissen mehr von einem, als man über sich selber weiss. Als ich zum existenziellen Leser wurde, ertappte ich mich dann irgendwann beim Schreiben erster eigener Gedichte.»

Sayer wird Dichter statt Banker. Zwar schloss er die Lehre ab, gelernt hatte er dabei jedoch vor allem eins, nämlich, was er nicht machen wollte. «Brotarbeiten», wie Sayer es nennt, hatte er darauf verschiedene, zum Beispiel Kindergärtner und Teilhaber einer alternativen Kneipe, ausserdem war er als Hausmann gefordert. Täglich nimmt er sich mehrere Stunden zum Schreiben. Als junger Vater waren das eher die Abendstunden, heute fängt er damit frühmorgens an.

Dichten als Sammeltätigkeit

Hatte er früher das Gefühl, viel und permanent schreiben zu müssen, so ist er heute gelassener, schreibt langsamer, bewusster. Wenn einem ein Gedicht gelingt, wenn man von einem Gedicht gefunden werde, so sei dies ein besonderer Moment. «Wenn man ein gutes Gedicht geschrieben hat, ist man ein paar Tage lang wie unverwundbar. Die Widrigkeiten der Welt können einem nichts anhaben.»

Die Themen, die er anspricht, sind Themen des täglichen Lebens. Die Bildwelt, aus der er schöpft, stammt zu einem grossen Teil aus seiner Dorfkindheit. Er beschreibt Alltagsgegenstände, die etwas erzählen, das über sie hinausweist. Walle Sayers Bescheidenheit wirkt echt, wenn er sagt: «Stundenlang kritzelt man ja auch einfach nur vor sich hin. Und tut so, als würde man schreiben. Und findet in einem halblebigen Gedichtsentwurf dann noch den einen Satz, der richtig gut ist, und hebt ihn auf. Dichten ist ja immer auch eine Sammeltätigkeit.»

Kernthema Fussball

Was ihn dabei interessiert, sind die kleinen Dramen, nicht die grossen. Im Fussball, einem seiner Kernthemen, ist es der Junge auf dem Bolzplatz und nicht etwa ein Oliver Kahn, der ihn beschäftigt.

Diese Hinwendung zu den oftmals unscheinbaren Dingen wie einer Schneeschaufel an einer Hauswand oder einem Schaukelpferd in einer Rumpelkammer, sei es denn auch, die besonders berühren, so Rolf Hermann, Mitglied der Jury des Basler Lyrikfestivals. Diese Dinge fänden in Sayers Gedichten zu einer einzigartigen Sprache der Bedachtsamkeit, in der das genaue Betrachten der abseitigen Welt einhergehe mit einer zweifelnd-zärtlichen Zurückhaltung der Wortfindung gegenüber. Und aus diesem vermeintlichen Widerspruch schöpfe Walle Sayer Zeilen von leuchtender, schwebender Schönheit.

Poetische Tage

Sogar eine Nobelpreisträgerin beehrt Basel

Lyrik lebt. Zum Beispiel vom 27. bis 29. Januar in Basel. Einmal mehr fällt beim Programm des diesjährigen Lyrikfestivals auf, dass es junge Menschen ansprechen möchte und junge Menschen portiert.

Die junge Basler Autorin Simone Lappert (Jg. 1985) wird mit Levin Westermann (Jg. 1980) über dessen «so behutsame wie schonungslose Lyrik» sprechen (Sonntag um 15.30 Uhr). Der Kabarettist und Liedermacher Manuel Stahlberger tritt mit «Neues aus dem Kopf» auf (Samstag, 20.30 Uhr) und der preisgekrönte Ulrich Blumenbach wird Schülerinnen und Schüler in die schier unmögliche Kunst des Übersetzens von Lyrik einführen (Freitag um 17 Uhr).

Mehrsprachigkeit ist dieses Jahr ein Hauptthema. Bei der Matinée am Sonntagmorgen sprechen Oya Erdoğan, Dragica Rajcic und Farhad Showghi darüber, warum sie nicht in ihrer Muttersprache schreiben – und welche Rolle ihre Muttersprache in ihrem Schreiben dennoch spielt.

Auch Herta Müller ist mehrsprachig aufgewachsen: mit dem Dialekt des banatschwäbischen Dorfes, in dem sie aufgewachsen ist, mit dem Hochdeutschen, das man in der Schule sprach, und dem Rumänischen. Vielleicht wird sie erzählen, wie diese Dreisprachigkeit ihre literarische Sprache geformt hat. Denn tatsächlich konnte das Lyrikfestival die Nobelpreisträgerin für einen Lyrikabend in Basel gewinnen (Freitag, 19.30 Uhr).

Die Verleihung des Basler Lyrikpreises an Walle Sayer (siehe Haupttext) findet am Samstag um 18.30 Uhr statt. Der Preis, gestiftet von der GGG, ist mit 10 000 Franken dotiert. (spe)

Internationales Lyrikfestival Basel: 27. bis 29. Januar. Alle Veranstaltungen finden im Literaturhaus Basel statt – mit Ausnahme der Lesung von Herta Müller, die in der Aula des Naturhistorischen Museums auftreten wird. Tickets und Vorverkauf: www.lyrikfestival-basel.ch

Die Preisverleihung des Basler Lyrikpreises 2017 an Walle Sayer findet am 28. Januar um 18.30 Uhr im Literaturhaus Basel statt. Die Laudatio hält Claudia Gabler.

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