Literatur
Wenn die Liebe ins Schleudern gerät

Martin R. Dean widmet sich in seinem neuen Roman «Warum wir zusammen sind» der Komplexität von Paarbeziehungen.

Iris Meier
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Martin R. Deans Romanfiguren geraten auch metaphorisch aufs Glatteis.Plainpicture

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Wer mit der Lektüre von Martin R. Deans neuem Roman «Warum wir zusammen sind» beginnt, dem geht es auf den ersten Seiten wie an einer Party. Innert Kürze prasseln lauter Namen auf einen ein, die man sich unmöglich alle merken kann. Anatol & Annette, Mila & Moritz, Ona & Axel, Bea & Finn und so weiter. In der Orientierungslosigkeit hält man sich am besten an die Gastgeber. In diesem Fall: Irma und Marc.

Die Hauptfiguren des Romans sind auch das Herz des Freundeskreises. Irma jedenfalls. Sie hat den Einfall, den Wechsel ins 21. Jahrhundert auf der Eisbahn zu feiern, um gemeinsam ins neue Millennium zu gleiten. Doch die fröhlich gemeinte Metapher erweist sich als mehrdeutig. Und wird zum schlechten Omen: Einmal ins neue Jahr geglitten, landen nicht nur Irma und Marc plötzlich auf dem Glatteis und die Stimmung zwischen ihnen kühlt sich ab, auch die Beziehungen von Bea & Finn und Ona & Axel geraten ins Wanken.

Deans Roman beschäftigt sich mit Fragen, die manch einen Paar-Ratgeber umtreiben. Tricks und Tipps liefert er allerdings keine. Was ihn interessiert, ist die Kommunikation. Worüber wird geschwiegen? Worüber gesprochen? Oft begleitet durch das Getratsche eines halb besorgten, halb besserwisserischen Freundeskreises erfahren wir, welche Probleme sich den Paaren im neuen Jahrtausend stellen.

Angelt sich Ona bloss aus Verzweiflung über Axels Eskapaden auch einen Lover? Ist es Bea, die Finn vernachlässigt, oder sollte er einfach endlich dieses Buch über Bob Dylan fertig schreiben? Wie bringt man in einer Paarbeziehung verschiedene Dinge unter einen Hut? Arbeit und Liebe, Libido und Loyalität? In welchem Verhältnis stehen Sexualität und Liebe? Wie viel Narzissmus hält ein Paar aus? Wie viel Gewicht hat die gemeinsame Geschichte? Und was kann das Paar in eine Schieflage bringen?

Bis zum «Sexout»

In Irmas Fall ist der Auslöser für die Schieflage die Tatsache, dass sowohl Marc als auch ihr jugendlicher Sohn Matti mit Irmas Freundin Evelyne Sex hatten. Zwar wirkt diese Vierecks-Konstruktion etwas überdehnt, die Art und Weise, wie Dean danach die zunehmende Entfremdung zwischen Irma und Marc entwickelt, ist allerdings sehr feinsinnig. Mal aus Marcs, mal aus Irmas Perspektive folgen wir dem Paar bis zum «Sexout», der Unmöglichkeit, noch miteinander zu schlafen.

Dabei sehnen sich die beiden immer noch nacheinander. Dass Irma ausgerechnet in dieser enthaltsamen Zeit einen pornografischen Roman des französischen Autors Duval ins Deutsche übersetzen muss, macht für sie die Sache nicht einfacher. Während Marc und sie den Tiefpunkt ihrer Beziehung in getrennten Schlafzimmern erleben, kommt Duvals Protagonistin in der Tiefgarage in ordinären Beschreibungen zum Höhepunkt. Man könnte, so findet Irma, auch anders über Erotik schreiben. Wie, verrät sie leider nicht.

Martin R. Dean «Warum wir zusammen sind». Jung und Jung, 360 Seiten. Lesungen 6. 3., Literaturhaus Zürich. 13. 3., Aargauer Literaturhaus, Lenzburg. 28. 3., Huus 74, Menziken. 3. 4. Literaturhaus, Basel.

Martin R. Dean «Warum wir zusammen sind». Jung und Jung, 360 Seiten. Lesungen 6. 3., Literaturhaus Zürich. 13. 3., Aargauer Literaturhaus, Lenzburg. 28. 3., Huus 74, Menziken. 3. 4. Literaturhaus, Basel.

Das Pornografische tritt mehrfach gefiltert auf: Als Geschichte in der Geschichte, bewertet durch den kritischen Blick der Übersetzerin. Und zum Schluss offenbart Autor Duval sogar, dass das Pornografische nur ein Mittel sei, um eigentlich etwas ganz anderes zu erzählen. Nun gut. Interessant auch, dass Dean ausgerechnet den scheinbar versauten Duval in diesem wichtigen Gespräch die romantischsten Sätze des ganzen Romans sprechen lässt.

Das Paradoxe begleitet uns von Anfang an. Etwa, wenn Dean keinen Geringeren als Franz Kafka, diesen ultimativen Ehe-Angsthasen, dem Roman als Motto-Geber («Die Ehe ist der Repräsentant des Lebens, mit dem du dich auseinandersetzen solltest») zur Seite stellt. Und das gemeinsame Ferienhaus, in welches die Freunde fast hauptsächlich ihren Kummer tragen, heisst ausgerechnet «Sanssouci». Diese Mi- schung von Tragischem und Komischem wirkt gleichermassen witzig wie melancholisch. Zum Beispiel wenn Marc sich einen blauen Hut kauft, mit der Idee, dadurch in seiner Heimatstadt inkognito herumspazieren zu können.

Eingebüsste Maskulinität

Nebst den privaten Krisen thematisiert «Warum wir zusammen sind» ausserdem das Verhältnis des Menschen zur Natur. Was sollen wir essen? Wie wollen wir leben? Mila und Moritz suchen nach alternativen Lebensformen in der Wildnis des Waldes und Matti entdeckt den Veganismus. Die Figur Matti ist denn auch ein Highlight des Romans, bestechend etwa, wie der Gymnasiast seinen Eltern in einem Brief ihren Egozentrismus spiegelt. Auch scheinen er und seine Freun- din diejenigen Figuren zu sein, die in Sachen Rollenverständnis wirklich im 21. Jahrhundert angekommen sind. Sein Vater ärgert sich über Irmas schlechten Orientierungssinn beim Autofahren und ist peinlich berührt, wenn jemand ihn als Feminist bezeichnet, und Duval meint allen Ernstes, sein Protagonist habe durch das Katzenfüttern, Wäschewaschen und Einkaufen «an Maskulinität verloren».

«Warum wir zusammen sind» ist auch ein behutsamer Roman darüber, wie sich Beziehungen verändern, wenn Kinder erwachsen werden. Für einen Roman über das beginnende 21. Jahrhundert ist er passagenweise vielleicht etwas zu stereotyp im Rollenverständnis, ausserdem etwas gar heterosexuell in der Perspektive. Er beschäftigt sich aber auf anregende Weise mit brennenden Fragen unserer Zeit. Dass man bis kurz vor Schluss nicht weiss, ob man eine Trennungs- oder Liebesgeschichte liest, macht ihn besonders reizvoll.

Was die Figuren betrifft, so geht es einem am Ende des Romans wie am Ende einer Party: Man ist mit allen per Du und weiss mehr von ihnen, als ihnen vielleicht lieb ist. Tatsäch- lich entwickelt Dean in seinem Roman einen Sog, der an die Spannung von Serien erinnert. In Duvals Worten gesagt: Man wird gefesselt.

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