Werbung
Wenn Po und Politik polarisieren

Der von Rolf Thalmann herausgegebene Bild-/Textband «So nicht! Umstrittene Plakate in der Schweiz 1883–2009» ist auch ein Beitrag zur Mentalitätsgeschichte der Schweiz.

Drucken
Umstrittene Plakate in der Schweiz
9 Bilder
Umstrittene Plakate in der Schweiz Viktor Rutz für den Kurort Arosa, 1935 Das Arosa-Plakat wurde 1935 als unzüchtig empfunden und in den meisten Kantonen verboten. Im Jahre 2006 wurde es neu aufgelegt. Etwas mehr als 70 Jahre später galt es als «sexistisch» – auch das ein kleiner Beitrag zur Schweizer Mentalitätsgeschichte.
Umstrittene Plakate in der Schweiz
Umstrittene Plakate in der Schweiz
Umstrittene Plakate in der Schweiz Agentur Goal zur Finanzierung der AHV-IV, 2004 «Die Gleichsetzung der politischen Linken mit roten Ratten erinnerte viele an den Stil des Dritten Reiches», kommentiert Rolf Thalmann. Es gab eine Strafanzeige wegen Rassendiskriminierung, auf die jedoch nicht eingetreten wurde.
Umstrittene Plakate in der Schweiz
Umstrittene Plakate in der Schweiz Agentur Peter Marti für Hakle-Toilettenpapier, 1988 «Das Plakat erregte Ärger, weniger wegen der nackten verlängerten Rückenpartie als wegen des abgewandelten religiösen Ausdrucks und der Kombination beider Elemente», schreibt Rolf Thalmann in seinem Kommentar. Angesichts der heftigen Proteste verzichtete die Firma auf den geplanten zweiten Aushang und schuf eine «entschärfte» Version. Anstatt «Hakle. . .lujah!» stand neu ganz unverfänglich «Restlos sauber. . . Hakle!»
Umstrittene Plakate in der Schweiz Agentur Peter Marti für Rifle-Jeans, 1982 Begründung für das Verbot u.a.: Das Plakat lenke Strassenbenützer ab und gefährde die Verkehrssicherheit. Das Zürcher Verbot wurde von sämtlichen Schweizer Kantonen übernommen – ausser von Basel-Stadt und Graubünden.
Umstrittene Plakate in der Schweiz Hans Erni gegen den Atomkrieg, 1954 «Das Plakat war während des Aufenthaltes von John Foster Dulles in Genf anlässlich der Asienkonferenz verboten», schreibt Rolf Thalmann und, «nach seiner Abreise wieder freigegeben.» Ernis Aufruf gegen die Atombombe hat es übrigens später als herausragendes Exponat bis in die «New York Times» geschafft.

Umstrittene Plakate in der Schweiz

Marco Guetg

Die Erinnerung ist taufrisch. Anfang Oktober verbot die Stadt Basel das umstrittene Anti-Minarett-Plakat auf öffentlichem Grund. Das sorgte für erhebliche Aufregung. Ein Grund für den kollektiven Aufschrei mag darin gelegen haben, dass sich niemand mehr so recht daran erinnern konnte, wann überhaupt in der Schweiz zum letzten Mal ein politisches Inserat verboten worden ist.

Inzwischen hat sich der Pulverdampf verzogen und man sieht klarer. Tatsächlich sind es 57 Jahre her, dass ein Plakat mit politischem Inhalt auf Schweizer Boden nicht geduldet wurde. Geworben wurde damals für sowjetische Zeitschriften. Das verhinderte der Bundesrat, weil es sich eindeutig um «parteipolitische Bestrebungen des Auslandes» handle.

Nachzulesen ist dieses politische Aperçu im Buch «So nicht! Umstrittene Plakate in der Schweiz 1883-2009» des Basler Kulturwissenschafters Rolf Thalmann, das - marketingmässig perfekt - soeben erschienen ist.

Der sorgfältig edierte und informative Band mit den etwas mehr als 400, grösstenteils illustrierten Fällen ist eine Fundgrube. Hier erfahren wir auch, dass 1918 das erste politische Plakat verboten wurde. Das Sujet: Ein muskulöser Arbeiter in roter Hose, der aus einem Mann mit Zylinder Münzen presst, die in die Bundeskasse purzeln. Damit wollte die Linke gegen die direkte Bundessteuer werben.

Die Plakateder Linken eckten an. «Die Analyse der aus politischen Gründen ausgesprochenen Verbote», schreibt Rolf Thalmann, «zeigt ein klar bürgerliches, gegen die Linken gerichtetes Profil.» Konkret: Bis 1990 wurden zehn von linker Seite stammende Plakate verboten sowie eines des LdU - von bürgerliches Seite kein einziges.

Wer Plakate eines Landes betrachtet, blickt immer auch in dessen Mentalität. Einen «Wendepunkt in der Geschichte des politischen Plakats» ortet Thalmann im Sommer 2004 mit dem- ja! - mit dem Rattenplakat der SVP. Dass Tiere als Mittel zur ikonografischen Zuspitzung eingesetzt werden, habe mit «vermuteten Vorlieben einer eher ländlichen-konservativen Wählerschicht» zu tun, mutmasst Thalmann. Entsprechend wimmle es «in diesen Zeichnungen geradezu von Tieren».

«So nicht!» besteht aus einem Lese- und einem Dokumentarteil. Hier werden die umstrittenen Plakate chronologisch aufgelistet und kommentiert. Der Leseteil hingegen kategorisiert. Dass die politisch inkriminierten Plakate den Hauptteil ausmachen, ist naheliegend. Ein äusserst sensibler Bereich ist die Religion. In anderen Fällen werden «Sitte und Anstand» angerufen. Was hier auffällt: Den Plakathütern missfallen primär nackte Frauen. Gelegentlich sind es ästhetische Aspekte, die die Betrachter in Rage bringen. Dass es in dieser eher schwierig fassbaren Kategorie primär Plakate zu den Landessausstellungen sind, zeigt, wie sich auch über die Ikonografie eine nationale Identität definiert oder auch nicht.

Den Leseteil erweitert Thalmann durch Texte von Fremdautoren, die «umstrittene Werke aus anderen kulturellen Bereichen» analysieren - aus der Kunst, Literatur, Musik, Film und Theater, und rundet damit diesen prächtigen Bild- und Textband zu einer kleinen Kulturgeschichte des Skandals.

Rolf Thalmann (Hg.) So nicht! Umstrittene Plakate in der Schweiz 1883-2009. hier + jetzt, Baden 2009. 256 S., Fr. 58.-.

Aktuelle Nachrichten