Analyse
Wer Erfolg hat, hats schwer

In ihrer Analyse zur Vergabe von Kultur-Preisen an unpopuläre Filme und Bücher schreibt Kultur-Redaktorin Sabine Altorfer: «Erfolg dürfen Jurys nicht als Grund für eine Ablehnung missbrauchen. Nicht mal subkutan. Das ist der Aufreger, darin zeigt sich Dünkel.»

Sabine Altorfer
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Der erfolgreichste, aber nicht der beste Film? «Wolkenbruch» von Michael Steiner war fünf Mal für den Schweizer Filmpreis nominiert, aber er ging fast leer aus. Einzig Joel Basman gewann als Motti den Preis als bester Hauptdarsteller.

Der erfolgreichste, aber nicht der beste Film? «Wolkenbruch» von Michael Steiner war fünf Mal für den Schweizer Filmpreis nominiert, aber er ging fast leer aus. Einzig Joel Basman gewann als Motti den Preis als bester Hauptdarsteller.

DCM Film

Da wird der beste Film ausgezeichnet – und es gewinnt einer, den kaum jemand gesehen hat. Für die Publikumslieblinge bleiben Nebenpreise. Es hagelt böse Kommentare, vor allem von ausserhalb des Bâtiment des Forces Motrices in Genf, wo am Samstagabend gefeiert wurde. «Hochnäsige Jury!» «Klüngel!» sind noch die nettesten Voten, nachdem «Ceux qui travaillent» von Antoine Russbach als bester Film wie für das beste Drehbuch gekürt wurde.

Warum regen sich die Menschen wegen dieser Filmpreise so auf? Weil ihre Lieblinge – «Wolkenbruch», «Zwingli», «Female Pleasure» – von der Schweizer Filmakademie, dieser Vereinigung von 500 Profis aus der Filmbranche, nicht zu den besten erklärt wurden. Weil ihr Geschmack also infrage gestellt wird. Wer mag das schon? Wer begreift, dass in unserer leistungsgetriebenen Welt in der Kultur Erfolg nicht zählt?

Ja noch schlimmer, dass Erfolg für diese «weltfernen Filmleute», so ein Kommentator, offensichtlich ein Grund sei, keinen Preis zu sprechen.

Um noch ein bisschen Öl ins Feuer zu giessen: «Ceux qui travaillent» ist ein guter Film. Fast zufällig, aber zum Glück, habe ich ihn an den Solothurner Filmtagen gesehen. Das Drama um einen Mann, der alles für seine Firma gibt und doch entlassen wird, der alles für seine Familie macht und doch wenig Liebe erntet, der zwischen Geschäft und Moral zerbricht und alles in sich hineinfrisst, dieser Film ist aktuell und hat mich berührt und aufgewühlt. Ich verstehe also, warum man ihn auszeichnet. Aber ich verstehe nicht, warum er im Winter im Kino derart floppte und lediglich 5000 Eintritte verbuchte. Lags am ernsten Thema, am spröden Marketing?

Kommerziell und erfolgreich sind in der Kulturszene ein Schimpfwort

In der Sparte Literatur liefern das Bundesamt für Kultur (BAK) und seine Jury einen weiteren Aufreger. In den nächsten Tagen erscheint Joël Dickers neuer Roman auf Deutsch, es wird mit Garantie auch hierzulande ein Bestseller.

In Frankreich war «La Disparition de Stephanie Mailer» 2018 gar das meistverkaufte Buch, aber die Jury hat dem literarischen Exportschlager keinen der sieben Schweizer Literaturpreise zugesprochen. Obwohl die Jury doch stets um eine gute Vertretung der nicht-deutschen Bücher ringt. Verständlich, dass sich der Autor ausgegrenzt fühlt und sagt: «Ich erfahre im Ausland viel mehr Würdigung als in der Schweiz», und dass das Publikum die Preisvergabe kritisiert.

Im Theater, Tanz und der bildenden Kunst haben es die Jurys einfacher. Messbare Erfolgszahlen gibt es kaum oder sie sind nicht auf einzelne Künstlerinnen oder Werke anwendbar. Und doch ... Wird in der bildenden Kunst das Wort «kommerziell» in Künstler- und Kuratorenkreisen nicht seit Jahrzehnten oft abschätzig gebraucht? Gilt «kommerziell erfolgreich» nicht gar als Pfui, als Grund, etwas auszugrenzen?

Erfolgreich heisst nicht automatisch gut. Die Besten in Film oder Literatur oder Musik nach Quoten, nach Erfolg, zu küren, ist also falsch. Umgekehrt heisst populär aber nicht zwangsläufig seicht oder schlecht oder nicht preiswürdig. Das sollten sich die Jurys endlich auch in der Schweiz hinter die Löffel schreiben. Das heisst, dass sie Erfolg nicht als Grund für eine Ablehnung missbrauchen dürfen. Nicht mal subkutan. Das ist der Aufreger, darin zeigt sich Dünkel.

Der Filmpreis, die Feier wären wunderbare Werbung, wenn ...

Erinnern Sie sich an «Die Herbstzeitlosen» von Bettina Oberli. Sicher doch! Alle haben ihn gesehen. Der Film wurde 2013 nicht einmal nominiert (ausser in der Kategorie beste Darstellerin – die Stefanie Glaser glanzvoll gewann). Wenn wir das Wort Skandal brauchen wollen, dann für eine solche Nicht-Nomination. Sie hat dem Ansehen des Filmpreises ziemlich geschadet. Dabei wären Preise und Feiern doch wunderbare Instrumente, um den Schweizer Film oder Bücher oder Musik zu promoten. Ihnen Visibilité zu verleihen, wie es im BAK-Jargon so schön heisst. Aber dazu müssten sie Stars und Glamour präsentieren, populärer aufgezogen sein.

Zum Vergleich: Bei der Finanzierung von Filmen schafft das BAK den Spagat zwischen Expertenmeinung und Publikumsgeschmack gut. Neben Subventionen für künftige Projekte, die eine Expertenjury spricht, gibt es seit 1997 die erfolgsabhängige Filmförderung. Für jedes verkaufte Kinobillett bekommen Produzentin, Regisseur und Drehbuchautorin eine Gutschrift, die sie für ihre nächsten Filme abrufen können. Der Film brauche Lokomotiven und Vielfalt, erklärte jeweils Nicolas Bideau, Ex-Filmchef des Bundes, um eine ansprechende Quote im Kino und Sympathie beim Publikum zu gewinnen.

Um die Zugkraft der Schweizer Kultur zu stärken, wäre es an der Zeit, einen Preis für das meistverkaufte Buch und den erfolgreichsten Film sowie einen Publikumspreis für die beliebteste Schauspielerin und den populärsten Darsteller zu vergeben. In der Hoffnung, dass die Jurys sich nicht noch mehr von ihrer Quoten-Skepsis leiten lassen – und auf die schöne Gefahr hin, dass ein Werk oder eine Darstellerin doppelt ausgezeichnet wird.

sabine.altorfer@chmedia.ch