Literaturverfilmungen
Erfolgsautor Jan Seghers über seine Kultfigur Marthaler und wie man aus einem Kriminalroman ein TV-Krimi macht

Die Verfilmungen seiner Figur, des Frankfurter Hauptkommissars Marthaler, erreichten ein Millionenpublikum. Der Erfolgsautor Jan Seghers über den langen Weg eines Romans ins Fernsehen. Und über seine neue Geschichte, die sich am Berliner Attentäter Anis Amri orientiert.

Peter Henning
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Braucht wenig, um sich als Marthaler auszudrücken: Matthias Köberlin in einer ZDF-Verfilmung.

Braucht wenig, um sich als Marthaler auszudrücken: Matthias Köberlin in einer ZDF-Verfilmung.

Bild: ZDF

Es gelangten mittlerweile fast nur noch gängige Unterhaltungsstoffe auf die Kino-Leinwand oder ins Fernsehen, sagt der Münchner Literaturagent Martin Brinkmann. «Die sogenannte anspruchsvolle Literatur hat es schwer. Ausser sie ist bereits durch die bekannten Bestseller-Listen beglaubigt wie etwa Juli Zehs Roman ‹Unterleuten› und hat gezeigt, dass sie für ein grosses Publikum inte­ressant ist.»

Solche, für das Massenpu­blikum interessante Stoffe liefert seit 2006 der Frankfurter Krimischriftsteller Matthias ­Altenburg alias Jan Seghers in Form seiner in der deutschen Bankenmetropole spielenden Romane um den sympathischen Ermittler Robert Marthaler. Fünf seiner in Buchform vorliegenden Fälle hat das ZDF aufwendig an Originalschauplätzen mit Matthias ­Köberlin in der Hauptrolle verfilmt – und damit ein Millionenpublikum erreicht. Und auch an Seghers neustem, in Berlin spielenden Thriller «Der Solist», der den Auftakt zu einer neuen Serie um den Ermittler Neuhaus bildet, hat bereits eine grosse TV-Produktionsfirma ihr Interesse angemeldet.

Vorbilder wie Henning Mankell

Begonnen hatte der 1958 in Fulda geborene Matthias Altenburg Anfang der 1990er-Jahre als Journalist und Lektor im Frankfurter Verlag der Autoren. Er hatte Romane vorgelegt und mit seinen Artikeln, etwa im «Spiegel» wiederholt aufsehenerregend gegen den jeweils herrschenden Zeitgeist polemisiert.

Irgendwann aber sah er sich künstlerisch an einem Endpunkt angekommen, sodass er Mitte der 2000er-Jahre begann, nach dem Vorbild skandinavischer Autoren wie Henning Mankell und Sjöwall-Wahlöö Kriminalromane zu schreiben. Und hatte auf Anhieb grossen Erfolg damit. Sein Marthaler-Debüt «Ein allzu schönes Mädchen» avancierte schnell zum Bestseller – und das ZDF sicherte sich den Stoff. Doch bis der endlich ins Fernsehen gelangte, waren etliche Hürden zu nehmen.

Krimis mit Millionenpublikum: Trailer zu «Kommissar Marthaler».

«Lange passierte rein gar nichts. Und ich dachte, das wird nichts mehr. Doch irgendwann haben sie dann Lancelot von Naso als Regisseur ins Boot geholt und dann tat sich was», erinnert sich Altenburg. «Nachdem wir uns mit den ausführenden Produzenten getroffen hatten, fragte man mich, ob ich das Drehbuch schreiben wolle.»

Altenburg lehnte ab. «Denn dafür braucht man den auf das Wesentliche reduzierten Blick des Vereinfachers.» Also übernahm von Naso diesen Part, «und lieferte eine sehr überzeugende Fassung», wie Altenburg sagt. «Ich kannte als Agent des ‹Verlags der Autoren› ja bereits das Geschäft. Und sagte mir darum: Ich werde mich maximal aus diesen Prozessen raushalten. Und das habe ich bis heute so gehalten, denn es hat sich bewährt. Einen Krimi zu schreiben ist das eine, das entsprechende Drehbuch dazu etwas völlig ­anderes.»

Schliesslich wurde Altenburg zu den Dreharbeiten ans Set eingeladen – und traf dort das erste Mal auf Matthias ­Köberlin, der den Part seiner Hauptfigur übernehmen sollte. «Für die Verkörperung von Marthaler hatte ich mir aber eigentlich einen anderen Typ vorgestellt!», erinnert sich Altenburg.

Bald aber erwies sich dessen Besetzung als Glücksgriff. Das Publikum liebte Köberlin in der Rolle, was Altenburg mit dessen reduziertem Spiel erklärt: «Der braucht fast nichts, um Marthaler auszudrücken.» Und die Filme erwiesen sich durchweg als Quotenbringer.

Er habe nie erwartet, dass die Filme seine Bücher eins zu eins wiedergeben sollten. «Bücher sind das eine, Filme etwas anderes. Sie funktionieren völlig unterschiedlich, sowohl in ihrer Entstehung als auch in ihrer späteren Rezeption», sagt Altenburg. «Im Film muss alles viel schneller und direkter zur Sache kommen, zumal die Schau ins Innere einer Figur, wie es beim Schreiben eines Romans möglich ist, im Film nicht funktioniert. Alles wird da übers rein Äusserliche erzählt.»

Kinotaugliche Seghers- Verfilmungen

Matthias Altenburgs Marthaler-Verfilmungen fielen vor dem Hintergrund dessen, was das ZDF ansonsten so an Krimi-Stoffen verfilmt, als ungewöhnlich avanciert und niveauvoll auf. «Das lag vor allem am Regisseur, der die Stoffe nach Kino-Massstäben verfilmt hat, sodass ich nach wie vor sehr gut mit den Resultaten leben kann.»

Der Verkauf seiner Bücher aber habe durch die Verfilmungen überhaupt nicht zugenommen, räumt Matthias Altenburg offen ein, der sein Genre – den Kriminalroman als solchen – einmal zum Verdruss mancher Grosskritiker «eher Handwerk denn Kunst» nannte. Diese strafen ihn dafür bis heute mit wiederholter Nichtbeachtung ab.

Altenburg kann das egal sein, denn schon jetzt deutet alles daraufhin, dass sich auch sein «Solist» zum veritablen Bestseller entwickelt. Kaum erschienen ist die Startauflage des Buches bereits verkauft. Altenburg entrollt darin die Geschichte des Sonderermittler Neuhaus, den es aus Frankfurt kommend im Spätsommer 2017 in die neu geschaffene Berliner «Sondereinheit Terrorabwehr», kurz SET, verschlägt, wo er kurz vor den anstehenden Bundestagswahlen das dortige Elite-Team verstärken soll. Dann erschüttern zwei Morde die Hauptstadt.

Wird es ein Wiedersehen geben mit Marthaler?

Wie im Fall seiner Marthaler-Romane geht sein neuer Krimi auf einen aktenkundigen Fall zurück, nämlich auf den des tunesischen Attentäters Anis Amri, der im Dezember 2016 einen LKW-Fahrer erschoss – und anschliessend mit dessen Fahrzeug auf dem Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche elf Menschen tötete und 55 weitere schwer verletzte.

Altenburg inszeniert das Ganze als grosses Verschwörungstheater – verdichtet zu einem schnellen, wie geölt abrollenden Stück packender Spannungsliteratur.

Fragt sich, was Marthaler davon hält? «Nun», sagt Altenburg, «vielleicht treffen sich Neuhaus und Marthaler ja mal, um gemeinsam an einem Fall zu arbeiten. Ich fürchte allerdings, dass es dann reichlich Konflikte geben wird.»

Jan Seghers, «Der Solist». Roman. Rowohlt-Verlag, Hundert Augen. Hamburg 2021. 229 Seiten.

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