Kultur

Cartoon-Ausstellung in Baden: Wenn die Reduktion gelingt, dann ist es Kunst

36 Karikaturisten zeigen in den Trafo Hallen in Baden Cartoons zu Arbeitswelt und Digitalisierung.

Die Wiener Schriftstellerin Stefanie Sargnagel, deren Karriere mit Posts auf Facebook begann und deren Debütroman «Dicht» in dieser Woche erscheint, stellt im aktuellen «Zeit Magazin» fest, dass Humor als Kunstform im deutschsprachigen Raum kaum wahrgenommen werde. Bei uns müsse Kunst am besten «qualvoll, schwer und verhangen sein». Alles andere laufe allenfalls höchstens unter der Affiche «Kleinkunst». Cartoons oder Comics würden im allgemeinen Kunstverständnis etwa und im Gegensatz zum französischsprechenden Raum als eher wertlos gelten. Shootingstar Sargnagel kommt deshalb zum Schluss: «Das bildungsbürgerliche Publikum respektiert das Reduzierte weniger als das Opulente».

Zufällig erschien Sargnagels Text im «Zeit Magazin» am 15.Oktober, also genau an dem Tag, als im Trafo in Baden die Cartoon-Ausstellung zum Thema Industrie und Digitalisierung eröffnet wurde. Was liegt also näher, als Sargnagels Einschätzung anhand der Ausstellung zu überprüfen?

Ein (gutes) Bild sagt mehr als tausend Worte. Diese Aussage gilt als unbestritten. Gilt sie auch für eine gute Karikatur? Zeitungsleser schätzen es meistens sehr, wenn neben einem «opulenten» Artikel eine Karikatur steht, die ohne Worte einen komplizierten Sachverhalt auf einen Blick verständlich macht, Lächerliches, Tragisches aufzeigt, auf den Punkt bringt. Die Reduktion auf das Maximum. Wenn sie gelingt – ist das Kunst?

Die Ausstellung ist frei zugänglich

Die vier Ausstellungsmacher Silvan Wegmann, Diego Egloff, Nic Niedermann und Marco Ratschiller haben 36 Karikaturistinnen und Cartoonisten aus dem deutschsprachigen Raum eingeladen, aktuelle Arbeiten zum Thema Industrie, Wirtschaft und Digitalisierung zu präsentieren.

Auf mobilen Stellwänden werden die Karikaturen in den frei zugänglichen Hallen oder Foyers während der allgemeinen Öffnungszeiten der Trafo Hallen präsentiert. Ein stimmiger Ort, sind doch die Trafo Hallen Zeitzeugen der Aargauer Industriegeschichte. Hier haben Tausende Menschen über Jahre «geschwitzt, geschweisst und geschuftet», wie es in der Ausschreibung heisst.

Die Ausstellung erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Projekt «Zeitsprung Industrie Baden» und wurde möglich dank grosszügiger Sponsoren; sie machen es auch möglich, dass auf Eintrittsgelder verzichtet werden kann.

Thematisch beschäftigen sich die meisten Cartoons und Karikaturen wie vorgegeben mit den Folgen der Digitalisierung. Unvermeidlich ist auch, dass auf den Bildern immer wieder das Coronavirus auftaucht. So sagt der Chef im Schlachthaus zu den Schlachtern: «Leute, ihr müsst in Quarantäne. Aber wir versuchen, Homeoffice für euch möglich zu machen.» (Markus Grolik).

Breiten Raum nimmt die Beschäftigung mit künstlicher Intelligenz ein. Peter Butschkov zeigt eine junge Frau, die unterwegs ihr Handy fragt: «Siri, was ist künstliche Intelligenz?» Oder ein Mann steht im Garten und sagt zu seinem Nachbarn, der sein Auto für die Ferien packt: «Unser Auto ist dieses Jahr ohne uns in den Urlaub gefahren.» (Oliver Ottitsch).

Oder im Spital. Auf dem Krankenbett liegt nur noch ein leerer Schlafanzug. «Na toll», sagt die Pflegefachfrau zum jungen Arzt, «jetzt haben Sie den Patienten gelöscht. (Tom «Tomz» Künzli).

Anderes Thema: Sitzt ein Mann im Rollstuhl, ihm gegenüber ein Handy. Sagt der Mann: «Ich bin gehbehindert.» «Ha! Ich bin 5G-behindert», kontert das alte Handy.

Natürlich ist es müssig, einzelne Karikaturen und Cartoons in der Ausstellung zu beschreiben. Man muss sie sich ansehen. Dafür sind sie gemacht. Das Beschreiben von Speisen macht ja auch nicht satt. Aber vielleicht «glustig».

Oliver Ottitsch gewinnt Wettbewerb

Wie es sich für ein Festival gehört – die Ausstellung soll eine feste Institution werden – gehört der Wettbewerb dazu. So amtete die Fachjury ihres Amtes und wählte unter Leitung von Carol Nater Cartier aus den über 100 Werken die drei allerbesten aus. Der Sieg 2020 geht an den Österreicher Oliver Ottitsch für seine makabre Überhöhung des alltäglichen Fitnesswahns. Den zweiten Platz sicherte sich Tom «Tomz» Künzli aus der Schweiz, Dritte wurde Mirjam Wurster aus Deutschland. Sie zeigte auf geniale und urkomische Art, was Augmented Reality mit uns macht; reduziert aufs Maximum. Empfehlung: Hingehen und anschauen!

Und um die ganz am Anfang gestellte Frage zu beantworten: Wenn die Reduktion so gelingt, wie den Preisträgern – ja, das ist Kunst.

Cartoon Popup Ausstellung, 16.-31. Oktober, Trafo Hallen Baden. Über 100 Karikaturen zu Arbeitswelt und Digitalisierung. Eintritt frei.

Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

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