Nachruf
Chuck Berry, der Vater der Rock-Gitarre ist tot

Der Sänger, Gitarrist und Komponist lebte den Rock'n'Roll. Jetzt ist er im Alter von 90 Jahren gestorben.

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Rock 'n' Roll-Legende Chuck Berry ist 90-jährig gestorben.
7 Bilder
Chuck Berry bei einem Auftritt in Las Vegas im März 1972.
Der Rock 'n' Roll-Lehrmeister an der AVO Session in Basel 2007.
Chuck Berry 1972 am Montreux Jazz Festival – hier abgebildet mit dem Musiker David Myers.
Chuck Berry bei einem Konzert in Monaco im Jahre 2009.
Hier fegt Berry während eines Auftritts im Fox Theatre in St. Louis im Jahre 1986 über die Bühne.
Chuck Berry 90-jährig gestorben

Rock 'n' Roll-Legende Chuck Berry ist 90-jährig gestorben.

AP

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Es geschah im Mai 1955 in den Chess Studios von Chicago: Chuck Berry nimmt seinen Song «Maybellene» auf. Nach einer Spielzeit von 1:05 setzt er zu einem Gitarrensolo an. Es dauert nur 25 Sekunden. Trotzdem ist es ein Meilenstein: Es ist das erste grosse Gitarrensolo der Rockgeschichte. So unspektakulär es aus heutiger Sicht klingt, Chuck Berry hat damit das Rock-’n’- Roll-Vokabular für die Gitarre geschaffen. «Mit seinem Spiel, seinen Riffs und Licks definierte er das kleine Einmaleins für jeden, der nach ihm die Gitarre in die Hand nahm, um damit zu rocken», schreibt der Publizist Ernst Hofacker. Chuck Berry war der Vater der Rockgitarre, prägend für Legionen von Rock-Gitarristen.

Der Rhythm and Blues der 1940er-Jahre war noch stark von Bläsern geprägt. Chuck Berry hat die Bläserriffs übersetzt, auf sein Instrument übertragen. Er löste die Gitarre von der Begleitfunktion und etablierte sie damit als führendes Instrument der Pop- und Rockmusik.

Die weissen Amerikaner erreicht

«Maybellene» war eine Adaption des Country-Songs «Ida Red» aus dem Jahr 1938, den Berry mit neuem Text in eine Rock-’n’-Roll-Nummer verwandelte. Er schaffte damit den nationalen Durchbruch. Die Nummer stürmte nicht nur Platz 1 der Rhythm and Blues Charts, sondern kam auch auf Platz 5 in der landesweiten US-Pop-Hitparade. Chuck Berry war mit «Maybellene» der erste Afroamerikaner, der mit afroamerikanischer Musik auch die weissen Amerikaner erreichte. Er wurde zum Star und zum begabtesten Songschreiber seiner Zeit. In der Folge komponierte er Hits wie «Sweet Little Sixteen», «Roll Over Beethoven», «Back In The USA», «Rock ’n’ Roll Music» und vor allem «Johnny B. Good» – einige der grössten Klassiker des Rock’n’Roll. «Wenn du Rock’n’Roll einen anderen Namen geben willst, nenn ihn einfach Chuck Berry », meinteJohn Lennon einmal. Chuck Berry war Rock’n’Roll und er lebte ihn.

Chuck Berry wurde in St. Louis als ein Kind des schwarzen Mittelstandes geboren. Literatur, Theater und Bibelzitate gehörten zur geistigen Grundnahrung des Elternhauses. Seine Songlyrics sind denn auch gespickt mit Wortspielereien und erzählen vom Leben, spiegeln die Wirklichkeit und machen auch nicht vor sozialkritischen Inhalten Halt. Etwas, das im amerikanischen Pop der 1950er-Jahre eine Rarität war. Insofern sehen einige Kritiker Chuck Berry als einen Vorläufer von Bob Dylan oder Bruce Springsteen.

Und Chuck Berry war ein begnadeter Entertainer. Berühmt sind seine Rock-’n’-Roll-Posen wie jene mit den extrem gespreizten Beinen. Zu seinem Markenzeichen wurde aber der «Duckwalk», ein Show-Element, das etwa auch AC/DC-Gitarrist Angus Young in sein Programm aufnahm.

Verbittert und lustlos

Chuck Berry war einer der populärsten Musiker in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre und revolutionierte die Popkultur. Der grosse Einschnitt folgte 1961, als er wegen der Anstellung einer Minderjährigen für zwei Jahre ins Gefängnis musste. Berry betrachtete seine Verurteilung immer als rassistisch motiviert. Der Musiker, der zuvor eine grosse Lebensfreude ausstrahlte, wurde plötzlich misstrauisch und verbittert. 1972 landete er mit «My Ding-A-Ling» zwar noch einmal einen Nummer-1-Hit, aber Chuck Berry erreichte nie mehr die Popularität jener Tage in den 1950er-Jahren. Legionen von Rockmusikern wie auch die Beatles und die Stones interpretierten seine Songs und zollten ihm als wichtigen Einfluss Tribut. Er selbst aber tingelte jahrelang durch die Welt und nudelte seine Songs zuweilen lustlos mit zweit- und drittklassigen Musikern herunter.

Erst als er für seine Pionierarbeit gewürdigt wurde, fand er wieder den Frieden. 1985 wurde er in die Blues Hall of Fame aufgenommen und ein Jahr später das erste Mitglied der Rock and Roll Hall of Fame. 2014 wurde er mit dem schwedischen Polar Music Prize ausgezeichnet, dem inoffiziellen Nobelpreis für Musik.

Chuck Berry ist bis ins hohe Alter aufgetreten. Bis 2004 auch zusammen mit den anderen Pionieren Jerry Lee Lewis und Little Richard, die beide noch leben. Fast bis zuletzt hat er seinen Abtritt von der Bühne dementiert. «Solange ich noch ein wenig sehe und höre, mich noch ein wenig bewegen kann, mache ich weiter», liess er verlauten. Ein Rock’n’Roller gibt nicht so schnell auf. An seinem Geburtstag letzten Oktober kündigte er die Veröffentlichung eines neuen Albums mit dem Titel « Chuck » für 2017 an – das erste Studioalbum seit 39 Jahren. Er wollte es seiner Ehefrau Themetta «Toddy» widmen, mit der er 68 Jahren lang verheiratet war. «Mein Schatz, ich werde alt! Jetzt kann ich mich zur Ruhe setzen!», sagte er. Rest in Peace, Chuck !

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