Campingstuhl, Picknickdecke, Fähnchen, Fernglas: Massen an Amerikanern pilgern nach Cocoa Beach, Florida, um gebannt den Start der Apollo-11-Mission live mitzuerleben. Während ein Sprecher den Countdown von 10 auf 1 herunterzählt, wird das aussergewöhnliche Phänomen ohne Worte, aber Zahl für Zahl mit Schnappschüssen illustriert. Unter Feuer und Rauch schiesst Saturn-V-Rakete in den Himmel.

Auf ihrem Weg zum Mond murmeln die drei Insassen Neil Armstrong, Edwin «Buzz» Aldrin und Michael Collins noch ein Vaterunser in optimierter Astro-Version. Amen.

Diese unglaubliche Reise, die am 16. Juli 1969 beginnt und am 21. Juli ihren Höhepunkt erlangt, als die ersten Menschen auf der Mondoberfläche spazieren, liefert eine Superheldengeschichte, wie sie sich kein Superheldencomic aus den Grossverlagen Marvel oder DC hätte besser ausdenken können.

Abenteuer und Action bilden hier konkrete Komponenten eines Menschheitstraums, dessen Umsetzung dank des wissenschaftlich-technischen Fortschritts der Raumfahrt seit den 1950er-Jahren erstmals möglich ist.

Die Autoren Matt Fitch und Chris Baker sowie der Zeichner Mike Collins nähern sich im Comic «Apollo 11» ihren wirklichen Helden als echten Menschen. Während im typischen Produkt dieses Genres das extrem Fiktive das einzig Wahre ist, ohne viel Rücksicht auf Stringenz und Plausibilität, werden bei ihnen die heroischen Taten mit den privaten Entbehrungen und persönlichen Rückschlägen gekoppelt. Das Sterben von Armstrongs Tochter an einem Hirntumor im Alter von zwei Jahren etwa. Oder Aldrins gestrenge Erziehung mit Schlägen durch einen despotischen Vater, der sich lieber einen Kriegshelden als Sohn wünscht.

Natürlich sind auch die beruflichen Niederlagen ausgiebig thematisiert, die aus Superstars plötzlich Stars zweiter und dritter Klasse machen: Collins bleibt im Kommandomodul zurück, Armstrong und Aldrin steuern in der Mondlandefähre auf ihren Eintrag ins Geschichtsbuch zu. Verarbeitet wird im Comic Collins’ Makel, den Mond nur aus der Ferne gesehen zu haben, als albtraumhaftes Zwiegespräch, Aldrins Makel, den Mond nur nach Armstrong betreten zu haben, als Grundsatzdiskussion unter kompetenten Anglern. Drei Helden, zwei Opfer: So lautet das Ergebnis einer kritischen Bestandsaufnahme dieses historischen Ereignisses aus persönlicher Sicht.

Die zwei Gesichter einer Politik

Es kommt allerdings noch schlimmer, wenn Helden auf Helden treffen und die Supermacht USA für diese Konfrontation verantwortlich ist: Soldaten in Vietnam hören übers Radio wenig begeistert von den Astronauten auf dem Mond – die einen in kriegerischer, die anderen in friedlicher Mission unterwegs im Auftrag ihrer Regierung.

In diesem Kontext werden Zweifel an der Legitimität beider Missionen gestreut, nicht nur weil sie Tote fordern, hier wie da. Der Grad zwischen Held und Schurke, Gut und Böse ist auch in der realen Welt schmal, wie der «Apollo 11»- Comic zeigt, der seine aufklärerischen Ambitionen geschickt unter der verklärenden Retro-Ästhetik des Superheldenuniversums mit Supertypen und Supertechnik, kräftigen Linien, satten Farben und flächigen, pixeligen Schraffuren tarnt.

Aber hinter die Fassade zu gucken, ist keine leichte Aufgabe, wenn im Strudel der Ereignisse Szenen und Zeiten schon einmal rasant wechseln innerhalb einer offengehaltenen Panelstruktur. Die Dinge sind eben doch nicht so klar und geordnet zwischen Himmel, Erde und Mond: «Houston, wir haben ein Problem.» Und dies nicht erst seit Apollo 13.