Kunst

Comic-Pionierin Claire Bretécher ist tot: Sie zeichnete nicht schön, aber ehrlich

Claire Bretécher ist im Alter von 79 Jahren gestorben.

Claire Bretécher ist im Alter von 79 Jahren gestorben.

Die grosse französische Zeichnerin und Pionierin der Comic-Kunst, Claire Bretécher, ist ist 79 Jahren gestorben. Sie gab dem Comic eine weibliche Perspektive.

Der Philosoph Roland Barthes hat sie einmal eine Soziologin genannt. Und eine Soziologin mit Zeichenstift war diese Claire Bretécher durch und durch. Nun ist die französische Zeichnerin und Malerin am Dienstag im Alter von 79 Jahren verstorben, wie ihr Verlag Dargaud in Paris mitteilte. Die Zeichnerin galt in ihrem Heimatland als eine Pionierin der Comic-Kunst und hat auch im deutschsprachigen Raum viele Cartoonisten nach ihr geprägt, darunter etwa den Deutschen Ralf König. Sie habe es geschafft, einen bestimmten Stil und Ton in dem Genre durchzusetzen, liess ihr Verlag zum Anlass ihres Todes mitteilen. Bretécher hinterlässt rund 30 Alben.

Erstweltprobleme auf den Punkt gebracht

Den Ruf, eine Soziologin mit Zeichenstift zu sein, hat sich die 1940 in Nantes geborene Französin früh erarbeitet. In den 1970er-Jahren erschien ihre Comic-Serie «Die Frustrierten» in der französischen Wochenzeitschrift «Le Nouvel Observateur». Mit betont hässlichen Skizzen von Städtern aus dem vorwiegend links-intellektuellen Milieu brachte Bretécher die Erstweltprobleme dieser Schicht auf den Punkt, ohne dafür lange und trockene soziologische Abhandlungen schreiben zu müssen. Man kann sich diese auf Deutsch bei Rowohlt erschienenen Comicbände heute noch mit grossem Vergnügen anschauen. Denn solange es hippe Grossstadtviertel gibt, in denen die Frage nach der richtigen Kaffeeröstung mit religiösem Eifer diskutiert wird, bleibt Bretéchers Werk auch Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung noch aktuell und zeitlos.

Für Comics habe sie sich zu interessieren begonnen, «um der Langeweile zu entrinnen», hat sie einmal gesagt. Ihre Karriere begann Bretécher, die auch als Malerin aktiv gewesen ist, 1963 mit einer Zusammenarbeit mit dem Asterix-Erfinder René Goscinny. Sie arbeitete für das renommierte Comicmagazin «Tintin». Ihre erste eigene Geschichte («Cellulite») über eine mittelalterliche Prinzessin mit selbigem Namen erschien 1969 in einem Jugendmagazin. Und der Name Cellulite ist bezeichnend für das Themenfeld, das Bretécher abgraste: Sie brachte jenseits klischierter weiblicher Comicfiguren einen neuen Frauentyp in die Comicwelt. Denn Frauen im Comic waren vor Bretécher vor allem männliche Kopfgeburten gewesen, der Comic war in den 1960er-Jahren noch eine Männerdomäne.

Der weibliche Körper ist bei ihr in all seinen Facetten präsent, auch und erst recht mit seinen Alterserscheinungen und Schönheitsmakeln. Für die Selbstzweifel von Frauen, die ihren Körper zum Feindesgebiet erklären, fand sie wunderbare Bilder. Aber auch Themen wie Leihmutterschaft und die Frage, ob homosexuelle Paare Eltern sein dürfen, beschäftigten sie bereits sehr früh.

Unvergessen ist ihre Comic-Reihe über das Mädchen «Agrippina», einen pubertierenden Teenager, der sich mit Problemen wie Allergien herumschlägt. Auf Deutsch sind die Bände beim Verlag Reprodukt erschienen.

Woher Bretécher ihre Beobachtungsgabe hat, darüber kann man nur spekulieren. «Ich bin überhaupt keine gute Beobachterin, ich bin kurzsichtig», hat sie vor Jahren einmal in einer Fernsehsendung gesagt. «Sie ist frei von jedem Dogma, jeder Ideologie. Sie gehört keiner Partei an, und sie hat vor nichts Angst», sagte die Kuratorin Isabelle Bastian-Duplex vor einigen Jahren anlässlich einer grossen Retrospektive gegenüber dem Kultursender «Arte». Sie benannte damit ein Erfolgsrezept der Künstlerin. Sie hatte für alle Gesellschaftsgruppen, für Männer wie Frauen, viel Spott übrig und wandte sich dennoch sehr liebevoll ihren Objekten zu.

Nur selten auf Festivals zu sehen

Vor allem in Frankreich trauert man um die Zeichnerin, die mit einer enormen Portion Humor ausgestattet war. «Claire Bretécher hat unsere Gesellschaft verstanden, unsere Fehler und unsere Widersprüche», teilte der französische Kulturminister Franck Riester via Twitter mit. Der frühere Regierungssprecher Benjamin Griveaux nannte Bretécher ein «einzigartiges Talent». Sie habe ihre Epoche, die Frauen und ihre Freiheit beschrieben. «Ihre feinen und kühnen Sozialchroniken begleiten Generationen von Comic-Lesern», schrieb Griveaux.

In der Pariser Kulturszene galt Claire Bretécher als diskret. Man habe die Künstlerin nur selten auf Festivals oder in Comicsalons angetroffen. Dies mag mit ein Grund dafür gewesen sein, warum man die Grande Dame in der Schweiz auch nie als Stargast am Comicfestival Fumetto in Luzern hat erleben dürfen.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1