Dana Grigorcea
Die Rumänien-Connection: Diese Vampirin trägt Tenisschuhe

Sie lebt in Zürich, ist in Bukarest aufgewachsen und fliegt in ihrem neuen Roman «Die nicht sterben» mit Vampiren durch Rumänien: Dana Grigorcea ist eine Schriftstellerin mit politischem Weitblick.

Tina Uhlmann
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Dana Grigorcea erzählt in ihrem neuen Roman von einer grausamen mittelalterlichen Foltermethode, dem Pfählen.

Dana Grigorcea erzählt in ihrem neuen Roman von einer grausamen mittelalterlichen Foltermethode, dem Pfählen.

PD

Farben sind für Dana Grigorcea wichtig. Mit ebenholzschwarzem Haar, schneeweisser Haut und einem blutroten Kleid sprang sie anlässlich eines früheren Interviews für den Fotografen in den Zürichsee. Nun, in ihrem neuen Roman «Die nicht sterben», schlüpft die Autorin als Erzählerin in die Haut einer jungen Bukarester Kunstmalerin, die in die Karpaten reist, um dort die Nuancen der Farben von Feld, Wald und Wiese auf Leinwand zu bannen.

In der grossbürgerlichen Sommervilla einer Verwandten findet sie beste Bedingungen dafür vor. Denn die alte Madame Mamargot – nach dem Vorbild von Grigorceas Grossmutter und Grosstanten – pflegt dort das gesellschaftliche Leben mit schönen Künsten und lukullischen Genüssen, als hätte es Ceausescus Diktatur in Rumänien nie gegeben.

Trotzdem scheuchen die Geister der Vergangenheit die Herrschaften immer wieder auf, etwa bei einer Beerdigung, als in der Familiengruft ein erst vor kurzem gepfählter Toter zum Vorschein kommt. Sie erkennt in ihm eine Sommerliebe ihrer Jugend und geht der Sache nach. Was sie herausfindet, ist grausig.

Eine Malerin auf Draculas Spuren

Die Pfählung war eine besonders grausame Folter- und Hinrichtungsmethode im Mittelalter, die Dana Grigorcea so detailliert beschreibt, dass es kaum zu ertragen ist. Die Erzählerin verweist dabei auf ihre Abstammung von Fürst Vlad III. Draculea, der öffentliche Pfählungen befahl, um jeglichen Widerstand gegen seine Tyrannei zu brechen.

Unweigerlich stellt sich die Assoziation zu den Schauprozessen des sowjetischen Diktators Stalin ein. Nach dessen Vorbild beherrschte auch der Rumäne Nicolae Ceausescu sein Land, bis er 1989 ebendort selber hingerichtet wurde. Im Volksmund wurde Ceausescu «Dracula» genannt, weil er das Volk aussaugte wie der berühmte Vampir seine Opfer im Roman des irischen Autors Bram Stocker. Dieser wiederum hatte sich für seinen Helden von Vlad III. Draculea inspirieren lassen.

Genauso ist jeder Denunzierte, der in einem totalitären Regime davonkommt, wenn er selber denunziert, für immer infiziert.

Auf der Suche nach dem Mörder ihrer Jugendliebe wird auch die Malerin zur Vampirin: «Ich legte ab, glitt im Segelflug über den dunklen Wald, da war es wieder still; nur das Rauschen der Baumkronen, das Rauschen des Flusses bei der Weberei und der ferne, wiederkehrende Ruf eines Nachtvogels. Blau war nun alles Grün, dunkelblau die hinaufgreifenden Äste (. . .) Wie eine Spinne am Faden liess ich mich hinab, Arme und Beine ausgebreitet, und krabbelte über das feuchte Laub der Buchen zur kleinen Lichtung vor Atas Haus. Da richtete ich mich auf, begierig, der schönen Frau zu begegnen, die man Vampirin nannte. (. . .) ‘Guten Abend!’ flüsterte ich. ‘Sind Sie da?’ Es kam keine Antwort. Ich war gespannt auf ihren Aufzug mit dem schwarzen Mantel. Selber trug ich ein weisses Nachthemd und Tennisschuhe.»

Kann Literatur vor Revanchismus retten?

Tennisschuhe. Natürlich. Fast hätte man vergessen, dass die Erzählerin ein Spross der Oberschicht ist, die das Leben als Spiel sieht und es gewohnt ist, stets zu gewinnen. Auch die Autorin Dana Grigorcea trägt ihre natürliche Selbstgewissheit wie einen Schmuck, der eigens für sie kreiert wurde.

Im Opernhaus Zürich, wo sie zuweilen als Statistin arbeitet, weiss sie ebenso zu beeindrucken wie an den literarischen Benefiz-Veranstaltungen, die sie zur Unterstützung von Flüchtlingen in Griechenland organisiert. «Durch mein Schreiben zieht sich ein grosses Thema, das ich mittlerweile als Leitmotiv meiner Arbeit erkennen muss», schreibt sie im E-Mail-Wechsel, «die Frage, ob uns die Kunst zu sensibleren, emphatischeren Menschen macht; in Fall meines neuen Romans, ob sie uns vor Revanchismus und überhaupt vor Radikalisierung feien kann.»

Vorsorglich lehrt Dana Grigorcea ihre beiden Kinder, zu «kontemplieren» und mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Perikles Monioudis, hat sie das Online-Magazin «Telegramm» 2019 zum Buchverlag ausgebaut. «Wir werden von der Enthusiasmuswelle, die uns entgegenschlägt, getragen», berichtet sie, die im Verlag als Lektorin, Pressesprecherin und Veranstalterin aktiv ist.

«Wir haben es leicht gehabt, weil wir ja sehr viele Autorinnen und Autoren im In- und Ausland kennen und so auch schnell von Newcomern erfahren.» Hier spricht die Kosmopolitin, die die Welt in grösseren Zusammenhängen sieht. Dass allenorts, wo eine Diktatur beendet wird, im Chaos danach sofort wieder der Ruf nach der «starken Hand» laut wird, ist eine bittere Erkenntnis dieser Weitsicht, die nach der Lektüre von «Die nicht sterben» nachhallt.

Dana Grigorcea: «Die nicht sterben». Roman. Penguin, 260 S.

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