Interview

Das Humbug feiert seinen ersten Geburtstag: «Wir sind kein Dienstleistungsbetrieb»

Marco Kleiner (links) und Markus Wolff sind Teil des Humbug-Vorstands.

Marco Kleiner (links) und Markus Wolff sind Teil des Humbug-Vorstands.

Das Humbug feiert seinen ersten Geburtstag ohne das geplante Festival, aber mit dem andauernden Enthusiasmus der Macher.

An diesem Wochenende hätte der Basler Kulturraum Humbug sein einjähriges Bestehen gefeiert: Mit fünf Konzerten an zwei Tagen. Doch das Coronavirus hat diese Pläne durchkreuzt. Markus Wolff (54), künstlerischer Leiter, und Marco Kleiner (39), technischer Leiter, nutzen die frei gewordene Zeit zum Rück- und Ausblick auf ihr Wirken auf dem Klybeck-Areal

Vor zwei Wochen fand im Humbug das erste regionale Geisterkonzert statt. Wie haben Sie das erlebt?

Markus Wolff: In dem Dokfilm-Projekt «I’ll Remember You» wurden Basler Musiker portraitiert, die über siebzig Jahre alt sind. Sie alle wollten in jedem Fall auftreten, was beeindruckend war. Das Publikum hat gefehlt, aber es war ein besonderer und berührender Abend.

Wäre ein Streaming keine Idee gewesen für das Geburtstags-Spektakel?

Marco Kleiner: Nein, das muss ein ausgelassenes Fest werden, mit vielen Leuten. Feiern kann man nicht streamen. Deshalb verschieben wir den Anlass.

Ist das Humbug gefährdet?

Wolff: Wir haben Kurzarbeit angemeldet, versuchen Mieterlass zu erwirken und beim Bund oder Kanton für den Betriebsausfall eine Entschädigung zu bekommen. Zudem bitten wir die Rechnungssteller um Zahlungsaufschub. Die Finanzen haben natürlich einen Einfluss auf unser Durchhaltevermögen.

Blicken wir auf das erste Jahr zurück: Was haben Sie gelernt, das Sie gerne zu Beginn des Projekts Humbug gewusst hätten?

Wolff: Viele Erfahrungen muss man machen. Aber wir hätten uns sicherlich mehr Luft verschaffen können, wenn wir anfangs nicht mit so hohen Künstlergagen gestartet wären. Wir haben bald gemerkt: Nur schon halbwegs faire Gagen zu bezahlen, ist nicht möglich in einem Kulturbetrieb, der faktisch ohne Unterstützung funktionieren soll.

Sie waren zu idealistisch?

Kleiner: Ja. Und wir haben auch unterschätzt, wie lange die Anlaufphase für ein solches Projekt ist. Bei der Eröffnung war das Haus rappelvoll, aber die zwei darauf folgenden Monate waren eine rechte Durststrecke. Damit zusammenhängend war eine weitere Erkenntnis, dass die Besucher sehr preissensibel sind.

Wie hat sich das geäussert?

Kleiner: Wir wurden oft kritisiert für zu teure Eintritte. Man warf uns vor, wir wollten uns eine goldene Nase verdienen. In Tat und Wahrheit arbeiten wir aber so gut wie gratis.

Wolff: Unsere Preise sind noch lange nicht kostendeckend und nicht höher als bei den subventionierten Veranstaltungsorten.

Vielleicht müssten Sie auf zugkräftigere Namen setzen?

Kleiner: Es ist schon so, dass die Leute für kommerziell erfolgreiche Künstler auch mehr bezahlen. Aber da stossen wir mit unserem Fassungsvermögen von 300 Besuchern an Grenzen. Vor allem sind wir mit der Vision eines nicht kommerziellen Programms angetreten. Wir wollen auch regionale oder spezielle Musik anbieten.

Auch hier wieder ein gewisser Idealismus?

Wolff: Ja. Dabei ist es doch das Schönste, etwas Neues für sich zu entdecken. Bei uns sollen sich auch unterschiedliche Menschen über den Weg laufen.

Wie locken Sie die Leute an?

Wolff: Oft kombinieren wir unbekannte Namen mit bekannteren. Letztendlich muss man es einfach schaffen, dass die Leute ein Grundvertrauen in unser Programm bekommen und bereit sind, sich auch einmal überraschen zu lassen.

Kleiner: Aus dem Feedback der Besucher haben wir gelernt, dass wir im Vorfeld viel genauer und einfacher kommunizieren müssen, was für Musik die jeweiligen Bands machen.

Wie darf ich mir eine Programm-Sitzung im Humbug vorstellen? Läuft da alles demokratisch ab?

Wolff: Zwei von uns machen das Booking, und die übrigen Team-Mitglieder liefern Inputs. Es ist eine Mischung aus Sachen, die wir bereits kennen und mögen, und solchen, die uns angeboten werden. Letzteres nimmt enorm zu.

Werden Sie mit Anfragen überhäuft?

Wolff: Wir haben mehr Anfragen als auf eine sorgfältige Art zu bewältigen wäre. Aber natürlich freut es uns, dass wir als Veranstalter schon so etabliert sind. Kommt dazu: Wir setzen auch gerne Projekte um, die nicht pfannenfertig zu uns kommen.

Kleiner: Das audiovisuelle Kunstprojekt «La Polimage» etwa war nur dank unserer einfachen Strukturen und mit viel Herzblut möglich. Hätten wir hier jede Technikerstunde verrechnet, wäre das nicht durchführbar gewesen.

Herzblut heisst wenig Lohn?

Kleiner: Bei uns verdienen alle gleich viel: Der qualifizierte Techniker hat denselben Stundenlohn wie die Person, die putzt oder an der Bar steht. Das macht die Rekrutierung nicht immer ganz einfach, aber wer bei uns arbeitet, der versteht sich als Teil des Humbug.

Wolff: Das ist ein wesentlicher Aspekt. Als wir gestartet sind, hatten wir mehrere offene Bauwochenenden, bei denen ganz viele Menschen unentgeltlich mitgearbeitet haben. Diese soziale und gesellschaftliche Kultur, die hier entsteht, ist uns enorm wichtig. Das ist in meinen Augen der Kern des Humbug. Wir sind kein Dienstleistungsbetrieb.

Aber weiter wachsen wollen Sie dennoch, oder?

Kleiner: Wir sind ein gemeinnütziger Verein, also sind wir nicht auf Gewinn aus. Wir sind glücklich, wenn wir die geleistete Arbeit fair bezahlen können. Wir bewegen uns in diese Richtung.

Wolff: Vorerst haben wir aber ganz viele Stunden des Vorstands nicht ausbezahlen können. Ich würde also noch nicht von einer schwarzen Null sprechen. Ich würde sagen: Wir haben die Nase ein paar Zentimeter über dem Wasserspiegel. Aber wir arbeiten immer noch inflationär, und es muss nur einmal etwas schief gehen und schon ist alles wieder anders – wie wir jetzt eindrücklich vorgeführt bekommen.

Wie stark müssten Sie den Publikumszulauf denn steigern?

Wolff: Wir werden unser Ziel ohne Unterstützung von aussen nicht erreichen. Momentan bekommen wir von der Christoph Merian Stiftung 15 000 Franken, aber es muss noch deutlich mehr passieren. Bis anhin hatten wir keine Zeit, uns um dieses Hausieren zu kümmern. Das werden wir nun nachholen.

Wie sehen Sie die Zukunft des Humbug?

Kleiner: Ich bin froh, wenn wir unsere ideellen Werte bewahren können und doch vermeiden, dass sich der Vorstand in ein Burnout hineinarbeitet.

Wolff: Inhaltlich möchten wir gerne noch mehr experimentelle und aktuelle zeitgenössische Musik veranstalten, bei der dann vielleicht auch einmal nur 20 Leute kommen. Ansonsten bin ich froh, wenn wir uns unsere partielle Blauäugigkeit bewahren können. Denn ganz viele Projekte würden ohne Enthusiasmus und Risikobereitschaft nie entstehen.

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