Literatur

Das letzte Tabu — Elena Ferrantes «Frau im Dunkeln»

Eine Mutter am Strand: Elena Ferrante inszeniert das Mutterdasein als Kampf widerstrebender Kräfte.

Eine Mutter am Strand: Elena Ferrante inszeniert das Mutterdasein als Kampf widerstrebender Kräfte.

«Frau im Dunkeln» heisst der neu publizierte dritte Roman von Elena Ferrante. Schonungslos beleuchtet die Autorin darin den Mythos der Mutterliebe.

Eine junge Mutter am Strand, kaum zwanzig Jahre alt, und ihre drei oder vier Jahre alte Tochter, die sich strahlend zu ihr hochreckt: «Aus ihrem Gesicht sprach der beständige Wunsch, ihrer Mutter nah zu sein: ein ohne Tränen oder Launen vorgetragenes Flehen, dem die Mutter sich nicht entzog», schreibt Elena Ferrante. «Sie lachten und genossen es, Körper an Körper zu sein, stupsten sich mit den Nasen, spuckten kleine Fontänen, gaben sich Küsse.» Und dann: «Die junge Frau war schön, doch erst ihr Muttersein machte sie zu etwas Besonderem, sie schien nur ihre Tochter im Sinn zu haben.»

Es ist ein ikonisches Bild, das Elena Ferrante an den Anfang ihres dritten Romans «Frau im Dunkeln» stellt. Das italienische Original war bereits 2006 publiziert worden. Im drauf folgenden Jahr erschien das Buch ein erstes Mal auf Deutsch, von Publikum und Kritik kaum beachtet, wie die anderen frühen Romane der Autorin. Erst der Erfolg der epischen Tetralogie «Meine geniale Freundin» in den USA ebnete den Weg. Wie ungeschliffene Edelsteine leuchten die frühen Texte, die der Verlag nun in der neuen Übersetzung von Karin Krieger vorlegt.

Leda, 48, eine Literaturwissenschaftlerin, die allein an einen süditalienischen Strand in die Ferien gefahren ist und dort ihr Seminar für das kommende Semester vorbereitet, beobachtet die junge Mutter. Sie ist hingerissen von ihr, gleichzeitig ist es Anlass für sie, ihr eigenes Leben zu reflektieren. Sie selbst ist nicht das, was als gute Mutter gilt. Ihre beiden Töchter sind jüngst aus freien Stücken zum Vater nach Kanada gezogen.

Doch – so viel Spoiler muss sein – Bianca und Marta hatten früher schon einmal mit dem Vater allein gelebt. Als sie noch klein waren, hatte Leda die Familie verlassen. An der Uni hatte sich ihr eine Tür aufgetan. Sie hatte «eine freudige Energie, ein Gefühl von Kraft, ein seliges Gemisch aus geistigem Triumph- und körperlichem Glücksgefühl» gespürt, wo vorher bloss die «Leere der vergangenen Jahre» ihres Mutterdaseins gewesen war: «Ich war überwältigt von mir selbst. Ich, ich, ich: Das bin ich, das kann ich, das muss ich machen.» Leda war dem Gefühl gefolgt.

Drastische Bilder

Drei Jahre später allerdings war sie zurückgekehrt. Und, nicht von ungefähr, war es ein körperlicher Schmerz im Bauch, der sie zu ihren Töchtern zurückbrachte. Elena Ferrante schreibt in drastisch anmutenden, körperlichen Bildern über Schwangerschaft. Geburt zeichnet sie als einen Klumpen Fleisch, der vom Mutterkörper ausgestossen wird.

Sie zeigt Leda, wie sie in ihren Töchtern einen Teil ihrer selbst ausserhalb des eigenen Körpers wachsen sieht, wie sie ihre Töchter beobachtet und registriert, wie ungleich ihr Erbe auf die beiden verteilt ist, wie ihr das Fremde an den beiden eigentlich viel besser gefällt. Und wie sie, als die beiden anfangen, ihre Freunde nach Hause zu bringen, lernen muss, in der Wahrnehmung der Männer hinter ihren Töchtern zu verschwinden.

Überrascht und verwirrt hatte sie schliesslich festgestellt, wie sie sich durch Biancas und Martas Weggehen nach Kanada erleichtert fühlte, «als hätte sie sie erst in diesem Moment endgültig auf die Welt gebracht».

Erotische Kraft

In der jungen Frau mit Tochter am Strand glaubt Leda den Inbegriff eines glücklichen Mutterdaseins zu sehen. Die Frau heisst Nina, das erfährt Leda bald. Ihre Tochter heisst Elena – und dann ist da noch Elenas Puppe Nani mit einer Reihe weiterer Kosenamen. Mutter und Kind spielen zuweilen gemeinsam mit der Puppe und scheinen dabei zu einer harmonischen Verbindung über die Generationen hinweg zu verschmelzen. «In der Beziehung mit ihrer Puppe lag mehr erotische Kraft als in der Sinnlichkeit, die sie als Jugendliche oder Erwachsene erleben würde», denkt Leda, als ihr Blick auf Elena verweilt.

Doch Nina beobachtet ihrerseits Leda, die selbstbewusste, gebildete, unabhängige Dame aus der Stadt. Und bald bekommt das ikonische Bild der glücklichen Mutter Risse. Nicht nur die Geburt, das ganze Mutterdasein ist ein Kampf widerstrebender Kräfte, den Elena Ferrante bald mit dem Thrill eines Krimis inszeniert. «Sich loszulösen, sich leicht zu fühlen ist kein Gut, es ist grausam gegen sich selbst und die anderen», will Leda der jungen Frau auf den Weg geben.

Claude Monet hat die Seerosen gemalt, Paul Cézanne die Landschaften der Provence, Francis Bacon die sich auflösenden Körper, wieder und wieder. Wie diese Maler kehrt Elena Ferrante in ihren Büchern immer wieder zu ihren Themen und Motiven zurück: das einfache Neapel, der Schutz und die Enge der Familienclans, die Sehnsucht nach Ausbruch, Aufstieg und Selbstverwirklichung, von Anziehung und Konkurrenz geprägte Frauenfreundschaften, die sprechende Klangverwandtschaft der Namen, symbolisch aufgeladene Puppen, der unabhängige und schonungslose weibliche Blick. Das alles ist da.

Doch das knapp 200-seitige Buch nimmt die Mutterschaft in den Fokus und stellt sie in ihrer ganzen Ambivalenz in hartem Licht aus. Wie Pole, die sich wechselseitig anziehen und abstossen, kreisen die beiden Mütter umeinander. Der rohe Blick in seiner Ehrlichkeit rührt an ein grosses Tabu unserer vermeintlich tabulosen Zeit.

Elena Ferrante: «Frau im Dunkeln», Suhrkamp, 188 Seiten

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