Kultur

Das Open Air Gehren setzt ein Zeichen der Solidarität mit Schweizer Musikern

Die Berner Sängerin Sandee ist über die grosszügige Geste hocherfreut: «Ich bin dankbar für die Unterstützung in einer für alle nicht einfachen Zeit.»

Die Berner Sängerin Sandee ist über die grosszügige Geste hocherfreut: «Ich bin dankbar für die Unterstützung in einer für alle nicht einfachen Zeit.»

Das kleine, feine Open Air in Erlinsbach zahlt die Gagen schon jetzt aus, obwohl es gar nicht weiss, ob es überhaupt stattfinden kann.

Blues Festival Baden, Jazzaar, Boswiler Sommer, Lenzburgiade – alles abgesagt. Das Coronavirus lässt zurzeit auch im Aargau weder Konzerte noch Festivals zu. Niemand weiss, wie lange der Lockdown noch anhält. Aber die ersten Open Airs und Festivals im Juni und vielleicht auch im Juli sind gefährdet.Die Klassikfestivals «Boswiler Sommer» und die «Lenzburgiade» haben bereits kapituliert. Von den Absagen am meisten betroffen sind aber die Musikerinnen und Musiker, die in akute Liquiditätsschwierigkeiten geraten.

Das kleine, feine Open Air auf der Waldbühne Gehren in Erlinsbach hat schon alles aufgegleist. Die Veranstalter stehen in den Startlöchern, das Programm mit der Berner Sängerin Sandee als Hauptact steht, alle Bands und Musiker sind gebucht. Doch ob es am 20. Juni tatsächlich stattfinden kann, ist freilich offen. Doch die beiden Organisatoren, Daniel Probst und Peter Roschi, machen es anders als alle anderen: Sie schicken den gebuchten Musikerinnen und Musikern noch in dieser Woche die abgemachte Gage zu – unabhängig davon, was mit dem Open Air passiert. «Die Musikbranche, welche nicht nur, aber vor allem von Liveauftritten lebt, kommt an ihre finanziellen Grenzen, und das dürfen wir als Organisatoren einfach nicht zulassen», sagt Probst, der in der Region Aarau als Sänger von Snöff bekannt ist.

Die beiden Organisatoren setzen damit ein starkes Zeichen der Solidarität mit der Schweizer Musikszene und alle ­Beteiligten ziehen mit: Das Restaurant Schützen, Aarau, die Lämmli Architektur AG, die Aar­gauische Kantonalbank und der Hauptsponsor, die Mobiliar, Generalagentur Aarau. «Wir wollen die Künstler nicht im Regen stehen lassen», sagt Roschi, selbst auch Musiker und Trompetenlehrer.

Eine willkommene und grosszügige Geste

Die Berner Sängerin Sandee zeigt sich denn auch hocherfreut: «Ich bin überwältigt von der Grosszügigkeit des Gehren Open Airs», sagt sie, «dies ist eine wunderschöne Geste des OKs und der Sponsoren, welche alles andere als selbstverständlich ist. Ich bin dankbar für die Unterstützung in einer für alle nicht einfachen Zeit.»

Hart trifft der Corona-Lockdown auch den innovativen Schwyzerörgeler Daniel Thürler, denn er lebt zu 100 Prozent von der Musik. Grösstenteils von Auftritten, von seinen Kompositionen, Studio und ein wenig vom Musik-Unterricht. «Ich warte im Moment zu Hause auf Antworten vom Staat, ob ich oder wie viel ich finanziell unterstützt werde. Aber das kann noch ein wenig dauern», sagt er. Umso willkommener ist der Zustupf des Gehren Open Airs.

Willkommen ist die Gage auch bei Marc Gerber, der mit Thürler in der Gehre gebucht ist. Der Gitarrist, der in der letzten Band von Polo Hofer spielte, ist zwar wie Sandee und viele andere Schweizer Musiker zu einem kleinen Prozentsatz angestellt. Mit Konzertgagen muss er aber Geld reinholen, damit er am Ende des Monats alle Rechnungen bezahlen kann. «Hut ab», sagt er zum Gagen-Entscheid und lobt die Veranstalter, «es ist ein mutiger Schritt für ein so kleines Open Air.»

Mit der Gagenaktion ist auch ein Aufruf ans Publikum verbunden: «Sie können uns helfen, indem Sie bei uns die Tickets bestellen und diese auf jeden Fall behalten», sagt Probst. Bei einer allfälligen Absage würden die Tickets die Gültigkeit für das Jahr 2021 behalten, wo das Open Air mit den gleichen Künstlern nachgeholt würde.

Inspiration für andere Veranstalter?

Es ist Probst und Roschi dabei klar, dass eine solche Geste für grosse Festivals und Open Airs mit einer grossen Infrastruktur kaum möglich ist. «Genau aus solchen und anderen Gründen will das Gehren Open Air im kleinen Rahmen bleiben», sagt Roschi. Auf dem Areal beim Restaurant Waldhaus Gehren haben maximal 500 Leute Platz. «Wir wollen mit dieser Aktion in erster Linie unsere Künstler unterstützen», sagt Probst, «umso glücklicher würde es uns machen, wenn wir gleichzeitig noch den einen oder anderen Veranstalter inspirieren könnten, der dieselbe Idee aufnehmen und irgendwo im Land umsetzen würde.»

Waldbühne Gehren, 20. Juni:

Sandee; Thürler, Mosimann & Gerber; Gitte Deubelbeiss & her Blues-Rock-Funk-Project; Dänu & Fründe.

Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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